Ernte 2017 : Weinproduktion sinkt auf 50-Jahres-Tief

Weltweit wurde 2017 so wenig Wein hergestellt wie zuletzt vor einem halben Jahrhundert. Einbrüche gab es vor allem in Südeuropa. Deutsche Winzer sind mit der Qualität zufrieden.

Auch Putzen gehört zum Job: Winzer Sebastian Klüpfel reinigt die Weintanks im Keller seines Ausbildungsbetriebs, der Bayerischen Landesanstalt für Wein- und Gartenbau.
Auch Putzen gehört zum Job: Winzer Sebastian Klüpfel reinigt die Weintanks im Keller seines Ausbildungsbetriebs, der Bayerischen...Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Dieses Jahr geht in die Geschichte des Weinanbaus ein. So wenig Wein wie 2017 wurde weltweit seit 50 Jahren nicht mehr hergestellt. Vor allem in den großen europäischen Produktionsländern Italien, Frankreich und Spanien brach die Erzeugung um bis zu 23 Prozent ein, wie die Internationale Weinorganisation (OIV) am Dienstag in Paris erklärte. „Es handelt sich um ein historisch niedriges Produktionsniveau, wie es seit Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre nicht mehr verzeichnet wurde“, hieß es. Weltweit würden 2017 ersten Schätzungen zufolge 246,7 Millionen Hektoliter Wein hergestellt, gut acht Prozent weniger als 2016.

Auch die Weinbauern in Deutschland hatten kein gutes Jahr. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Produktion um zehn Prozent. Mit der Qualität sind die Winzer allerdings zufrieden: reife Trauben, lebendige Säuren, gute, aber nicht zu hohe Mostgewichte.

Ernte in Rekordzeit

Rekordverdächtig war in den deutschen Anbaugebieten die Erntezeit: In den 13 deutschen Weinregionen blubberten bereits Anfang Oktober die Moste im Keller, der größte Teil der Trauben war geerntet. „Es war die früheste Lese seit 40 Jahren“, sagt der Pfälzer Topwinzer Hansjörg Rebholz, es könnte sogar eine der frühesten in der langen Geschichte des deutschen Weinbaus gewesen sein. „Schön, wenn man in kurzer Hose arbeiten kann“, flachst Schwabenwinzer Rainer Schnaitmann. Er hatte zum ersten Mal seit Bestehen seines Betriebs schon Ende August die ersten Trauben geholt, einen gut ausgereiften Frühburgunder. „Eigentlich“, so Schnaitmann, „sind wir ja Oktoberernter“, aber diese Zeiten sind mit der Klimaveränderung wohl vorbei.

Der ungewöhnlich warme März hatte die Rebstöcke zeitig aufgeweckt und für frühen Austrieb gesorgt. So hatte sich der gesamte Vegetationszyklus um drei bis vier Wochen vorverschoben. Die Quittung kam mit polaren Luftmassen in der Nacht zum 20. April, als ein strammer Frost die bereits ausgetriebenen Reben packte. Franken, Saale-Unstrut und Sachsen blieben weitgehend verschont, in den übrigen Anbaugebieten gab es teilweise verheerende Frostschäden. Der Aprilfrost ist auch der Hauptgrund für die landesweit kräftigen Ertragseinbußen. Extremes Wetter machte den Weinbauern in der gesamten EU zu schaffen, wie die Weinorganisation OIV am Dienstag erklärte. So wird die Weinerzeugung 2017 EU-weit etwa um 15 Prozent unter dem Vorjahreswert liegen. Portugal, Rumänien, Ungarn und Österreich sind laut OIV die einzigen EU-Länder mit steigenden Produktionsmengen.

Winzer haben Nässe und Trockenheit bewältigt

Quantität sagt jedoch bekanntlich wenig über die Qualität aus. Juniorchef Sebastian Fürst vom fränkischen Spitzenweingut Rudolf Fürst in Bürgstadt freut sich über „sehr aromatische Trauben“ und einen „zum Glück fast normalen Ertrag“. Nach weitgehend trockenen Lesephasen hatte Fürst am 27. September seinen Spätburgunder, die wichtigste Traube des Weinguts, komplett im Keller. Nasse und trockene Phasen seien in diesem Jahr gut zu bewältigen gewesen, „ich glaube, wir können mit dem Jahrgang glücklich werden“, bilanziert Fürst.

In Rheinhessen, dem größten deutschen Anbaugebiet, sind die Frostschäden extrem unterschiedlich verteilt. „Den Norden hat’s richtig gebeutelt, wir waren frostfrei“, sagt Jochen Dreissigacker in Bechtheim. Auch hier gab’s „die früheste Lese ever, Wahnsinn!“ Nach holprigem Beginn und etlichen Regentagen brachte Dreissigackers Leseteam bei Riesling und Weißburgunder am Ende sogar einige spektakuläre Qualitäten auf die Kelter: hochreifes gesundes Lesegut mit idealen Säurewerten.

"Gute saftige Trauben"

Schwabenwinzer Rainer Schnaitmann musste beim Lemberger erhebliche Mengeneinbußen hinnehmen. Der Frost hatte einige der besten Lagen erwischt, anfangs habe er einen Totalschaden befürchtet. Doch viele Rebzeilen hätten den Frost relativ gut verdaut. „Eigentlich ein kleines Wunder, wie viele Trauben wir bekommen haben!“ Schnaitmanns Fazit: ein schneller hektischer Herbst und rund ein Drittel weniger Menge, dafür aber „gute saftige Trauben, schöne Säuren und keine übertriebenen Mostgewichte“.

Das gilt so auch für die Pfalz. Dort hatte Hansjörg Rebholz im September allerdings noch eine Angstperiode zu überstehen, als kräftige Niederschläge die reifen Trauben in Gefahr brachten. Danach hätten erste Fäulnisnester den Lesehelfern Beine gemacht. Rebholz hat durchgehend Trauben um die 90 Oechsle gelesen. Um die Traubengesundheit zu erhalten, sei allerdings viel Laubarbeit nötig gewesen, „es hat sich gelohnt“.

Im Rieslingtal der Mosel zieht sich die Weinlese, ähnlich wie im Rheingau, nicht selten bis in den November hinein. Dieses Jahr war auch hier Anfang Oktober der größte Teil der Hänge abgeerntet. „Wir haben goldgelbe reife Trauben, schöner geht’s nicht“, sagt Terrassenwinzer Reinhard Löwenstein aus Winningen, selten hätte ihm schon der Traubensaft so gut geschmeckt. Auch Löwenstein beklagt leichte Frostschäden und reduzierte Erträge. Er konnte aber als edelsüße Kür mal wieder eine Beerenauslese einbringen: Zarte Edelfäule hatte etliche Beeren zu den gewünschten Rosinen schrumpfen lassen.

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