Erzieher in Berlin : Männersache

Sie sollen Rollenvorbilder sein und dem Fachkräftemangel entgegenwirken: Berlin sucht Männer, die Erzieher werden wollen.

Laurin Meyer
Unter Frauen. In Berlin ist jeder neunte Erzieher männlich.
Unter Frauen. In Berlin ist jeder neunte Erzieher männlich.Foto: Bernd Thissen/dpa

Was es bedeuten kann, als Erzieher mit Vorurteilen konfrontiert zu sein, hat Till Engel erlebt. Der 28-Jährige arbeitete in einer Berliner Einrichtung, als plötzlich Gerüchte aufkamen. Einzelne Kinder hätten erzählt, dass Engel sie anders angucken würde, als es weibliche Kolleginnen tun. „Weder Eltern noch Kolleginnen konnten auf meine Nachfrage nähere Details nennen“, sagt der junge Erzieher. Der Verdacht stand im Raum: Ist Engel womöglich ein Pädophiler? Der Erzieher stand daraufhin unter ständiger Beobachtung, musste sich fortan für jede Aktion rechtfertigen, berichtet er. Eine starke Belastung. „Da braucht man schon ein ganz dickes Fell.“

Till Engel ist trotzdem in dem Beruf geblieben – und versucht jetzt gegen solche Vorurteile anzugehen. Seit fast sieben Jahren produziert er YouTube-Videos, in denen er über seine Erfahrungen mit Diskriminierung, aber auch über den Alltag und die Herausforderungen für Männer in seinem Job spricht. „Als ich mit dem Erzieherberuf angefangen habe, gab es nur wenig Informationen dazu. Doch angehende Erzieher sollten wissen, was sie erwarten könnte“, sagt er.

Ein Pluspunkt für die frühkindliche Bildung

Wie wichtig männliche Erzieher in Kitas sind, das betont regelmäßig die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Zum einen aus pädagogischer Sicht: Durch mehr Männer in den Kitas könnte auch die Qualität der frühkindlichen Bildung zunehmen. Die Kinder würden differenzierter lernen, besonders ihre Einstellung zu Geschlechterrollen könnte sich verbessern, heißt es in der OECD-Analyse.

Zum anderen könnten Männer dazu beitragen, den Fachkräftemangel in den Einrichtungen zu verringern. In Berlin sind Erzieher knapp, zugleich baut die Stadt das Kita-Angebot weiter massiv aus. Allein im vergangenen Kita-Jahr stieg die Zahl der angebotenen Plätze um knapp 7000 auf 178 000 Plätze. „In den nächsten Jahren werden voraussichtlich rund 3 000 Fachkräfte mehr benötigt“, heißt es aus der Senatsverwaltung.

Was junge Männer bisher oft davon abhielt, Erzieher zu werden: die schlechte Entlohnung, niedrige soziale Anerkennung und geringe Aufstiegschancen sind zentrale Barrieren, hat eine Studie des Bundesfamilienministeriums 2015 herausgefunden. In allen drei Punkten ist nachgebessert worden. So arbeiten Kitas daran, sich gegenüber männlichen Kollegen zu öffnen. Auch Geld wird es in Zukunft mehr geben. In einer öffentlichen Kita in Berlin können Berufseinsteiger ab dem kommenden Jahr für eine Vollzeitstelle mit rund 2900 Euro brutto im Monat rechnen.

Von wegen typisch Mann, typisch Frau

Seit Jahren versuchen Bund und Länder durch verschiedene Programme mehr Männer für den Beruf zu interessieren. Beim jährlichen Zukunftstag lernen Mädchen typische Männerberufe und Jungs typische Frauenberufe kennen. „Es ist uns stets wichtig, den Erzieherberuf nicht als klassischen Frauenberuf darzustellen“, heißt es aus der Senatsverwaltung. So seien auch Männer immer auf Abbildungen von Informations- und Werbematerialien für den Beruf zu sehen, die Verwaltung spreche außerdem meist von „pädagogischen Fachkräften“ oder „Erzieherinnen und Erziehern“.

Tatsächlich hat sich etwas getan: In Berliner Kitas sind aktuell elf Prozent der Beschäftigten männlich. Im Jahr 2014 lag der Anteil bei 8,8 Prozent. Mit diesen Zahlen hat Berlin im Ländervergleich eine Vorreiterrolle: Im bundesweiten Schnitt ist gerade einmal gut jeder zwanzigste Erzieher männlich. Das es in Berlin bald noch mehr werden, darauf lassen die Ausbildungszahlen schließen und die Ausweitung des Quereinstiegs. Im Schuljahr 2017/18 war laut Erhebung des Senats knapp ein Viertel der Ausbildungsabsolventen männlich, bei der berufsbegleitenden Teilzeitausbildung war der Anteil an Männern noch etwas höher.

Männer haben Wickelverbot

Fast 30 000 Nutzer haben die YouTube-Videos von Engels bisher angeklickt, nahezu täglich bekomme er Mails von männlichen Kollegen, sagt er. Darunter solche, in denen Betroffene ihm von Diskriminierung berichten. In vielen Kindergärten herrsche sogar ein präventives Wickelverbot für männliche Erzieher. „Für viele Männer sind die pflegerischen Aspekte wie das Wickeln nicht die beliebtesten Aufgaben“, sagt Engel. Ihm gehe es ums Prinzip, und darum, mit Stereotypen aufzuräumen. Doch es gebe auch positive Rückmeldungen. Kollegen bedanken sich dafür, dass er sie darin bestärkt habe, im Beruf weiterzumachen oder ihn überhaupt zu ergreifen. Denn dafür kämpft Engel. Aus Sicht des Erziehers würden die Vorurteile erst aufhören, wenn Männer in Kitas selbstverständlich seien.

Eine berufsbegleitende Teilzeitausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher hat auch Engel gemacht: Zwei Tage in der Woche ging er zur Berufsschule, drei Tage arbeitete er in der Kita. Und das drei Jahre lang. Wer sich für diese Art der Ausbildung bewerben will, braucht Fachabitur oder einen mittleren Schulabschluss und berufliche Vorbildung.

Bei der dreijährigen Vollzeit-Ausbildung an einer Fachschule für Sozialpädagogik sammeln die Schüler Praxiserfahrung im Rahmen mehrmonatiger Praktika. Als dritten Weg gibt es die Umschulung: Wer arbeitslos oder arbeitssuchend ist, kann die dreijährige Ausbildung absolvieren. Sie wird in den ersten beiden Jahren von der Arbeitsagentur gefördert. Im dritten Jahr schließen die Umschüler einen Vollzeit-Arbeitsvertrag mit dem Ausbildungsträger ab.

Engel zog nach den Anschuldigungen übrigens die Reißleine: Er wechselte den Arbeitgeber. Heute ist er unter anderem an einer Einrichtung in Bonn tätig. „Ich fühle mich gut hier“, sagt er. Die Arbeit mit Kindern macht ihm viel Spaß.

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