Ein bitteres Eingeständnis

Seite 2 von 2
Fairphone : Ein Gadget für das gute Gewissen

Die Offenheit erzwang jedoch auch ein bitteres Eingeständnis: Ein vollständig fair hergestelltes Smartphone ist vorerst nicht erreichbar. „Meine größte Furcht war, dass die Leute uns dann nicht mehr mögen würden“, sagt van Abel. Doch die Interessenten blieben der Sache treu. Das Anliegen zählt mehr als dessen vollständige Erfüllung.

Ausgerechnet bei der Rohstoffbeschaffung müssen die Fairness-Pioniere große Kompromisse eingehen. Zu ihrem Glück können sie zumindest bei zwei der fünf umstrittenen Mineralien auf die Vorarbeit anderer bauen. Mit Förderung der niederländischen Regierung gründeten die Konzerne Philips und Motorola gemeinsam mit Hilfswerken im Herbst 2012 die „Conflict-Free Tin Initiative“. Der gelang mitten in der Kriegsprovinz Süd-Kiwu ein kleines Wunder.

In der Mine „Kalimbi“ entstand eine sichere und überwachte Produktion für Cassiterite, das Erz zur Gewinnung von Lötzinn. Mehr als 1000 neue Jobs gibt es nun, und die Einkommen der Bergwerker haben sich verdoppelt. Schon in den ersten drei Monaten bis Januar förderten die gut 200 Tonnen Erz im Wert von rund 1,7 Millionen Dollar. In verplombte Säcke verpackt, wurde es an eine Zinnhütte nach Malaysia exportiert, die das extrahierte Metall wiederum an zwei Hersteller von Lötpaste in Nordamerika lieferte. Diese geben es an jene Elektronikproduzenten weiter, die explizit konfliktfreies Lötzinn aus dem Kongo bestellen, darunter jetzt auch Fairphone.

Ein ähnliches Verfahren etablierte die tschechische Firma AVX gemeinsam mit einigen Elektronikkonzernen unter dem Titel „Solutions for Hope“ für Tantal. Das aus dem Roherz Coltan gewonnene Metall ist wegen seiner Hitzebeständigkeit für die winzigen Kondensatoren, die kleinen Energiepuffer, in jedem Gerät unverzichtbar. Die neue Organisation erschloss drei Minen in der südlichen Kongoprovinz Katanga, von wo das Roherz erst zur Verhüttung nach China verschifft und anschließend in Puderform nach Tschechien geschickt wird. Die damit hergestellten Kondensatoren erhalten einen mikroskopisch kleinen Aufdruck, „SolfH“, der ihre Verwendung überprüfbar macht. Für Wolfram, Kobalt und Kupfer gibt es dagegen keine vergleichbar sicheren Quellen, gesteht van Abel. Das werde wohl „noch fünf Jahre dauern“.

Schwimmt das faire Smartphone also nur im Trend dessen, was die ganze Branche ohnehin tut?

Der chinesische Hersteller stellt sich der Überprüfung

Andreas Manhart, Autor eines Gutachtens zum Thema für den Industrieverband BDI, widerspricht. Bisher würden die großen Hersteller „nur gerade so viel tun, dass sie etwas vorzeigen können“. Um die Lage im Kongo zu verbessern, müsse das aber „positiv vermarktet werden“, damit es Nachahmer finde. Insofern gehe Fairphone „genau den richtigen Weg“, sagt Manhart.

Nicht minder schwierig verlief die Suche nach dem richtigen Produzenten. Mangels Herstellern in Europa führte an China kein Weg vorbei. Vergangenen März besuchten van Abel und Ballester daher dort zehn Unternehmen. Aber zumeist ignorierten ihre Gesprächspartner das Fair-Konzept völlig. Nur bei der Firma A’Hong, einem Joint Venture des Staatskonzerns Chahong mit privaten Teilhabern, hatten die Newcomer gleich doppelt Glück. Nicht nur waren die Manager bereit, sich auf die geforderte Überprüfung der Arbeitsbedingungen einzulassen. Sie boten zudem eine Lizenz für ein Smartphone aus eigener Entwicklung, das die Fairphoner ihren Anforderungen anpassen konnten. Doch was hat der Konzern davon, sich für ein paar tausend Exemplare eines noch dazu mit besonderen Komponenten bestückten Telefons den Auflagen eines Zwergunternehmens zu unterwerfen?

Conghua He, der verantwortliche Manager am Standort der Fabrik in der zentralchinesischen Megametropole Chongqing, ist da ganz offen. „Profit erwarten wir nicht“, sagt er. Wohl aber öffne die Zusammenarbeit „für uns einen Weg in den europäischen Markt“. Außerdem liege das faire Smartphone im Trend. „Die Kunden wollen Produkte, denen sie vertrauen können, auch bei der Herstellung“, sagt He. Dazu gehöre, dass, so wie jetzt vereinbart, unabhängige Gutachter die Lage der Arbeiter prüfen. Die entsprechende Untersuchung werde in Kürze veröffentlicht, unzensiert, „einschließlich der Stundenlöhne, da liegen wir über dem nationalen Durchschnitt“, versichert er. Sollte es dennoch Fälle geben, wo die Einkommen für ein auskömmliches Leben nicht reichen, haben beide Seiten Zuzahlungen aus einem Sozialfonds vereinbart, dem für jedes Gerät fünf Euro zufließen sollen.

Gleichwohl ist auch das nur ein erster Schritt. Über die Zustände bei den vielen Zulieferern vom „Touchscreen“ bis zum „Chipset“, dem technischen Kern, „wissen wir nichts“, gesteht van Abel. Aber die Liste aller Zulieferer ist offen zugänglich und ermöglicht im Prinzip eine Überprüfung. Das sei „in dieser Welt, wo kein Geschäft ohne Vertraulichkeitserklärung läuft, ein großes Zugeständnis“.

Alle Pläne wären freilich reine Theorie geblieben, wäre den Fairphonern nicht ein weiterer Coup gelungen. Auch als sie endlich wussten, womit, wie und wo ihr Traumprodukt zu produzieren wäre, hatten sie nicht annähernd genügend Kapital, um die Produktion zu starten. So setzten sie Mitte Mai alles auf eine Karte und warben bei ihren Unterstützern im Web um Bestellungen gegen Vorkasse. Das „schien uns sehr riskant“, erzählt Miquel Ballester, „wir haben gezittert.“ Aber schon nach drei Wochen hatten 5000 Käufer je 325 Euro ins Blaue bezahlt, und für van Abel kam die Stunde der Wahrheit, als er das Geld nach China überwies. Und das Risiko übernahm.

Seitdem geht es hektisch zu in dem engen Büro an der Amsterdamer Hafenkante. Schon sind die Bestellungen auf mehr als 16 000 gestiegen, und täglich kommen an die 100 dazu, vermutlich auch deshalb, weil das Angebot erstaunlich günstig ist. Die neuen Geräte bieten nicht nur ein gutes Gewissen, das sogar mit einer genauen Aufschlüsselung dessen beruhigt wird, wo genau das Geld hinfließt. Zudem sind sie mit einer modernisierten Android-Software und allen üblichen Modulen von der Satellitennavigation bis zur Kamera nicht schlechter als die Konkurrenz. Den günstigen Preis erklärt van Abel damit, dass keine Ausgaben für Marketing anfallen und sein „social enterprise“, mehrheitlich im Besitz der gemeinnützigen Waag-Stiftung, nicht auf Gewinn angelegt ist. Wenn die nun gelieferten 25 Prototypen die Tests überstehen und die Behörden sowie der Android-Lizenzgeber Google die nötigen Zertifikate erteilen, dann werden alle Käufer noch vor Weihnachten ihr Wunschtelefon in den Händen halten.

Womöglich bekommen van Abel und sein Team dann aber ein ganz anderes Problem. Nichts spricht sich bei Technik- Fans so schnell herum wie ein schickes neues „gadget“, das den Besitzer schmückt. Was also, wenn plötzlich eine halbe Million Kunden ein Fairphone wollen? „Bloß das nicht!“, seufzt van Abel. Müsste die Produktion schnell ausgeweitet werden, „dann würden wir es ja genauso machen wie die anderen und die Hersteller unter Druck setzen, auf Kosten der Beschäftigten zu wirtschaften“.

Diese Gefahr sieht sein chinesischer Partner allerdings nicht. „Wir können auch 500 000 Stück in ein paar Monaten herstellen“, versichert A’Hong-Manager He, „kein Problem“.

Dieser Text erschien auf der Dritten Seite.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

14 Kommentare

Neuester Kommentar