Wirtschaft : „Familienpolitik muss aus Steuern bezahlt werden“

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Die große Koalition will in Kinderbetreuung investieren. Sollte der Staat dafür zusätzliches Geld in die Hand nehmen oder lieber beim Kindergeld sparen?

Wenn Familienpolitik als das angesehen wird, was sie ist, nämlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, dann muss eine Verbesserung der Betreuung aus dem allgemeinen Steueraufkommen finanziert werden. Der Vorschlag, den Ausbau von Kindertagesstätten durch ein Einfrieren des Kindergeldes und damit letztlich von Eltern mit Kindern zu finanzieren, ist nur dann begründet, wenn man erstens das Kindergeld in seiner derzeitigen Höhe für ausreichend, wenn nicht für zu hoch erachtet und zweitens der Ansicht ist, dass Betreuungseinrichtungen mehr nützen als Transferzahlungen. Da ich glaube, dass die Infrastruktur für die Betreuung von Kindern im Vorschulalter bei uns im Vergleich zur direkten monetären Unterstützung von Familien defizitär ist, würde ich, wenn die Politik der Auffassung ist, nicht mehr Geld für die Familienpolitik ausgeben zu können, in einer Finanzierung der zusätzlichen Kitas durch ein Einfrieren des Kindergeldes einen gangbaren Weg sehen.

Zusätzlich 750 000 Krippenplätze zu betreiben, das klingt nach einem gigantischen Staatsprogramm. Gehört es zu den originären Aufgaben von Kommunen, Kitas zu betreiben, oder sollte sich der Staat auf die Zuteilung von Zuschüssen an Eltern, etwa durch Gutscheine, beschränken?

Es spricht nichts gegen Gutscheine und damit für privat betriebene Kitas. Aber ich habe Zweifel, dass es aus Kostengründen – jenseits der Qualitätssicherung bei der Betreuung – möglich ist, auf staatlich organisierte und betriebene Einrichtungen verzichten zu können, wenn man wirklich am Ziel von 750 000 zusätzlichen Krippenplätzen festhält.

Braucht Deutschland – wie es die Bundesfamilienministerin reklamiert – mehr Betriebskindergärten?

Ja, Deutschland braucht mehr Betriebskindergärten. Und ich bin mir sicher, viele Unternehmen werden bald erkennen, dass sich derartige Einrichtungen auch betriebswirtschaftlich über die damit verbundenen personalpolitischen Produktivitätseffekte rechnen.

Kann man mit der Kinderbetreuung zukünftig Geld verdienen?

Ich gehe davon aus, das man in der Zukunft mit der Kinderbetreuung, ähnlich wie mit der Pflege, deutlich mehr Geld als heute verdienen kann und es neben dem öffentlichen Angebot auch einen privaten Markt für Betreuungsunternehmen geben wird, auf dem Arbeitsplätze geschaffen werden. Allerdings kommt dem Staat in diesem Bereich eine mindestens so ausgeprägte Pflicht zur Qualitätssicherung zu wie im Pflegebereich. Denn neben einer fachlichen Qualifikation sollten die dort tätigen Betreuerinnen und Betreuer auf jeden Fall auch ein gutes Deutsch sprechen können.

Bert Rürup (63)

ist Wirtschaftswissenschaftler und seit März 2005

Vorsitzender des

Sachverständigenrats der Bundesregierung.

Die Fragen stellte Antje Sirleschtov

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