Wirtschaft : Familientreffen

Die Walls und Jean-François Decaux freuen sich über die neue Partnerschaft. Die Berliner bekommen VVR Berek doch noch

Alfons Frese

Berlin - Der Patriarch zeigte sein breitestes Lächeln, als er das Modell einer Litfaßsäule dem „lieben Jean-François“ zum Geburtstag überreichte. Jean-François Decaux, geboren am 8. März 1959 in Paris, wurde am Donnerstag überaus liebenswürdig behandelt von Hans Wall in dessen Unternehmenszentrale an der Berliner Friedrichstraße. Von einer großen Familie war die Rede, in der es eben auch schon mal drunter und drüber gehe, man am Ende aber zusammenstehe. Vergessen war der erbitterte Bieterstreit um die Werbetochter VVR Berek der Berliner Verkehrsbetriebe, die Decaux dem Platzhirschen Wall vergangenen August für 103 Millionen Euro vor der Nase weggeschnappt hatte – und nun doch weiterreicht an Wall. Der gibt dafür seine niederländische und russische Tochtergesellschaften an Decaux ab sowie zehn Prozent an der gemeinsamen US-Gesellschaft. Ferner verzichtet Wall auf die Option, im kommenden Jahr die 35 Prozent, die Decaux an der Wall AG hält, zurückzukaufen und so den bislang unerwünschten Eindringling wieder loszuwerden.

„Wall und Decaux bleiben Partner“, diese Botschaft versuchten die beiden bisherigen Kontrahenten sowie Daniel Wall, Sohn des Gründers und seit Anfang des Jahres Vorstandschef, der Öffentlichkeit zu vermitteln. Dass Decaux, mit fast zwei Milliarden Euro Umsatz knapp zehnmal so groß wie Wall, einst den Berliner Mittelständler komplett übernehmen könnte, bleibt zumindest für Hans Wall außerhalb des Vorstellungsvermögens. „Nach diesem Deal ist die Wall AG unverkäuflich, die kann kein Mensch bezahlen“, sagte Hans Wall gewohnt selbstbewusst. Den Deal hatte sein Sohn eingefädelt, „in meinem Auftrag“, wie der Vater sagte. Andere Stimmen aus der Branche meinen, der Junge haben den Alten überredet, den Widerstand gegen die Kooperation mit Decaux aufzugeben.

Am Ende sind jedenfalls alle zufrieden. Decaux freut sich über die „Sicherung der Partnerschaft“ mit Wall, also die langfristige Beteiligung; über die „wertvollen Gesellschaften“, die er von Wall übernimmt, sowie schließlich über die gemeinsame Vermarktungsgesellschaft. In Berlin werden beide Firmen eine Gesellschaft mit 50 Arbeitsplätzen ansiedeln, die künftig alle Plakatflächen von Wall und Decaux in Deutschland vermarktet. Zusammen können sie dann einem Kunden, der bundesweit ein Produkt bewerben möchte, rund 160 000 Plakatflächen anbieten.

Für Decaux ist das ein „Meilenstein“ in der Geschichte der Außenwerbung. Der Anteil der Außenwerbung an der Werbung in Deutschland insgesamt liegte bei 3,5 Prozent, in Frankreich sei er mehr als doppelt so groß. Decaux kann sich vorstellen, in den nächsten Jahren das französische Niveau zu erreichen. Wobei sich sein Konzern und die Wall AG auch künftig getrennt an Ausschreibungen beteiligen werden, also weiterhin als Wettbewerber agieren. Nur die Werbeflächen werden gemeinsam vermarktet.

Decaux betonte die hohe Qualität der Wall’schen Stadtmöbel und Werbeflächen, die man „auf der Straße spüren kann“. Er selbst, dessen Ehefrau aus Berlin stammt, setze „100 Prozent auf Berlin, diese fantastische Stadt mit viel Potenzial“. Deshalb habe er auch nicht lange gezögert, als Wall die neue Vermarktungsgesellschaft in Berlin ansiedeln wollte. Dem Vernehmen nach hat Wall bereits am Oranienburger Tor, in der Nähe seiner Unternehmenszentrale, ein Grundstück gekauft, auf dem dann ein Gebäude für die neue Gesellschaft entstehen soll. Die Gründung dieser Gesellschaft steht noch unter dem Vorbehalt des Bundeskartellamtes.

Hans Wall, der in der kommenden Woche 65 wird, bedankte sich bei seinem Sohn „für das allerschönste Geburtstagsgeschenk: die Lizenz von Ernst Litfaß“. Die geht mit der VVR Berek ins Wall-Eigentum über. Er selbst, so Wall Senior, habe „immer davon geträumt, Marktführer zu werden im Bereich Stadtmöbel und beleuchteter Plakate“. Gemeinsam mit Decaux sieht er jetzt offenbar die Möglichkeit, an den deutschen Branchenführer Ströer heranzukommen, und vor allem „die Idee von Ernst Litfaß auf eine neue Ebene zu stellen“. Litfaß, 1816 in Berlin als Sohn eines Buchdruckers geboren, hatte 1855 die gleichnamige Säule auf den Markt gebracht. In der Tradition Litfaß’, der sich seinerzeit auch als Wohltäter auszeichnete, sieht sich Hans Wall. „Wenn der noch da wäre, würde er sich über die Wall AG freuen“, glaubt er sich des Zuspruchs des Vorbilds sicher. Und Decaux zitiert einen Schriftsteller, um das wechselhafte Verhältnis zu Wall zu erklären. „Das Wesen der Geschichte ist die Wandlung.“

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