Wirtschaft : Finanzinvestoren sollen draußen bleiben

IG Metall und Betriebsrat bevorzugen einen strategischen Partner bei Siemens VDO

Nicole Huss

München - Der Autozulieferer VDO Automotive aus dem Siemens-Konzern ist heißbegehrt. Neben strategischen Investoren aus der Branche erwägen auch Finanzinvestoren, ein Gebot für die Sparte abzugeben, die Siemens vom Konzern abspalten will. Arbeitnehmer fürchten, dass der Elektronikkonzern bei einem verlockenden Preis nachgeben und seine Pläne für einen Börsengang fallenlassen könnte. Damit würden für die Mitarbeiter ungewisse Zeiten anbrechen.

„Es gibt Finanzinvestoren, die starkes Interesse an VDO haben und das Geschäft gerne übernehmen würden“, sagte ein Branchenkenner, ohne Namen von möglichen Bietern zu nennen. Bisher hat nur der Hannoveraner Autozulieferer Continental offiziell Interesse bekundet, der VDO am liebsten komplett übernehmen würde. Konzernchef Manfred Wennemer sagte vergangene Woche, es werde regelmäßig mit Siemens darüber gesprochen. Continental sei jedoch flexibel gegenüber verschiedenen Beteiligungsmodellen. Auch der US-Zulieferer TRW Automotive, der zum Finanzinvestor Blackstone gehört, soll an der Übernahme interessiert sein.

Ein Siemens-Sprecher bestätigte Interessensbekundungen mehrerer Unternehmen an VDO. Darunter seien industrielle Interessenten und Finanzinvestoren. Siemens werde alle konkreten Angebote prüfen. Der Konzern plane aber weiterhin den Börsengang. Wenn das Marktumfeld günstig sei, solle VDO bis zum Ende des Geschäftsjahres im September aufs Parkett gehen. „Wenn das Umfeld schlecht ist, lassen wir uns aber nicht hetzen.“

Siemens hatte Ende Januar angekündigt, voraussichtlich noch in diesem Jahr 25 bis 50 Prozent der Sparte an die Börse bringen zu wollen, an der industriellen Führerschaft bei VDO aber festzuhalten. Der Automobilzulieferer, der Produkte rund um Antrieb, Motorsteuerelektronik und Einspritztechnik sowie Navigations- und Airbag-Kontrollsysteme fertigt, beschäftigt 53 000 Mitarbeiter an weltweit 130 Standorten und erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von zehn Milliarden Euro. VDO gehört zu den Ertragsperlen von Siemens. Da sich der Konzern jedoch künftig auf die Felder Automatisierungs- und Medizintechnik sowie Energie fokussieren will, passt VDO nicht mehr ins Portfolio.

Die Gewerkschaft IG Metall fürchtet, dass der Einstieg eines Finanzinvestors noch größere Gefahren für die VDO-Mitarbeiter birgt als ein Börsengang. Auch bei dem wisse man nicht im Voraus, wer welche Aktienpakete übernehme, sagte Bernd Rübsamen von der IG Metall dem Tagesspiegel. In beiden Fällen könnten tausende Arbeitsplätze gestrichen werden, fürchtet er. Anfang Februar hatte Siemens bereits angekündigt, 1000 der 20 000 deutschen Arbeitsplätze bei VDO zu streichen. Rübsamen hält die Übernahme durch einen strategischen Investor wie Continental für die bessere Lösung. Aufgrund von Doppelstrukturen in der Verwaltung könne man zwar auch nicht vom Erhalt aller Arbeitsplätze ausgehen. Es sei aber besser, wenn VDO zu einem Unternehmen komme, das Interesse am operativen Geschäft habe. „Ein reiner Finanzinvestor als Käufer wäre für uns die schlechteste Lösung“, glaubt auch Reiner Liebl-Blöchinger, Betriebsratsvorsitzender des zweitgrößten VDO-Standorts Schwalbach im Taunus. In diesem Falle sei zu befürchten, dass sich der Investor „nur die Filetstücke von VDO herausschneiden und den Rest verhökern“ wolle.

Analysten rechnen eher mit einem Börsengang. „Im Falle eines Verkaufs an einen Finanzinvestor ist die Gefahr zu groß, dass dem Unternehmen ein zweiter Fall BenQ passiert“, meint Theo Kitz von Merck Finck. Einen weiteren derartigen Imageschaden könne sich Siemens nicht leisten. Die Handysparte mit mehr als 3000 Mitarbeitern war nur ein Jahr nach dem Verkauf an BenQ aus Taiwan in die Pleite geschlittert. „Falls ein Finanzinvestor einen zweistelligen Milliardenbetrag für VDO bietet, könnte Siemens aber schwach werden“, glaubt auch Kitz. Derzeit wird VDO von Analysten mit etwa sieben Milliarden Euro bewertet. Auch Roland Pitz von der Hypo-Vereinsbank ist überzeugt, dass sich Siemens angesichts des BenQ-Desasters „mögliche Partner sehr genau ansehen wird“. Deshalb glaubt er eher an eine industrielle Partnerschaft oder einen Börsengang. „Einen personellen Kahlschlag bei VDO wird Siemens sicher nicht zulassen.“

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