Finanzkrise in der Türkei : Trumps und Erdogans Spiel mit dem Feuer

Die Türkische Lira stürzt in den Keller, während die Brandstifter in Washington und Ankara eine neue Finanzkrise riskieren. Ein Kommentar.

Ein Mitarbeiter einer Wechselstube in Istanbul beobachtet die Wechselkurse auf einem Bildschirm. Der Verfall der türkischen Landeswährung Lira hat sich Freitag nochmal rasant beschleunigt.
Ein Mitarbeiter einer Wechselstube in Istanbul beobachtet die Wechselkurse auf einem Bildschirm. Der Verfall der türkischen...Foto: Mustafa Kaya/XinHua/dpa

Zum Glück ist Wochenende: Die wichtigsten Leitbörsen der Welt ruhen. Das gibt allen Beteiligen ein wenig Zeit zum Nachdenken. Das gilt für die Brandstifter in Washington und Ankara, genau wie für alle, die große und kleine Vermögen verwalten, die mit Aktien, Anleihen, Gold und Devisen handeln.

Speziell türkische Privatleute dürften in diesen Stunden kaum ruhig schlafen. Denn das, was sich am Freitag auf den Märkten abgespielt hat, war ein Funke, der eine neue internationale Finanzkrise auslösen könnte. Insofern sollten auch alle, denen Politik und Wirtschaft in diesem bevölkerungsreichen EU-Anrainerstaat bisher herzlich egal war, die Entwicklung genau beobachten. Erschwerend kommt hinzu: Es geht hier nicht nur um Geld. Das internationale Sicherheitsgefüge ist beschädigt.

Was ist passiert? Am Freitagmorgen hatte der türkische Finanzminister, der Schwiegersohn des Präsidenten, halbgare Reformpläne für die Volkswirtschaft vorgestellt. Investoren senkten die Daumen, der Wert der Türkischen Lira fiel erneut kräftig. Der Kurs fällt bereits seit Jahresbeginn stetig, weil Anleger zunehmend das Vertrauen in die wirtschaftspolitische Fortune des Recep Tayyip Erdogan verlieren. Für die Bürger und Gäste der Türkei bedeutet das konkret, dass alle Güter, die importiert werden - und das sind eine ganze Menge - stetig teurer werden, für immer mehr Bürger unerschwinglich. Am Nachmittag Ortszeit, da war es Morgen in Washington, twitterte US-Präsident Donald Trump, dass er die Importzölle auf Stahl um Aluminium aus der Türkei verdoppeln wolle. „Unsere Beziehungen zur Türkei sind derzeit nicht gut“, schrieb er.

Die Bankguthaben türkischer Sparer haben um fast ein Viertel an Wert verloren

Die Folge: Die Kurse brachen noch stärker ein. Am Ende des Tages hatte der Wert der Bankguthaben türkischer Sparer 23 Prozent zum US-Dollar verloren, 18 Prozent zum Euro. Binnen 24 Stunden. Es war der größte Tagesverlust der Türkischen Lira seit 17 Jahren.

Trumps Aktion war wie der Tritt eines Schulhofschlägers der Oberstufe in die Magengrube des am Boden liegenden Drittklässlers. Grund für die Attacke: Trump will, dass die Türkei den lange in dem Land lebenden US-Pastor Andrew Brunson aus der Haft entlässt. Man wirft ihm vor, Putschisten der Gülen-Bewegung unterstützt zu haben. Zudem ist Trump sauer, dass Erdogan ein neues Flugabwehrraketensystem bei den Russen einkaufen will - und nicht das „Patriot“-System des US-Herstellers Raytheon.

Vielleicht gibt es noch weitere Gründe. Egal. Die wichtigste Erfahrung bleibt, dass der Oberbefehlshaber der größten Streitmacht der Welt seinem Nato-Bündnispartner per Smartphone mehr Schaden zugefügt als Barack Obama wohl jemals den Taliban mit seinen Drohnen.

Der Amerikaner hat mit seiner Zollankündigung Investoren in aller Welt signalisiert, dass es mit der Türkei wirtschaftlich weiter bergab gehen wird. Die dadurch ausgelösten Kursstürze treffen Erdogan an der empfindlichsten Stelle seines politischen Machtsystems. Denn das basiert im wesentlichen darauf, dass er die Türkei vom Agrarstaat zum prosperierenden Schwellenland mit einer wachsenden Mittelschicht aufgebaut hat. Wenn nun seine Wähler verarmen, wird er davongejagt noch vor der nächsten Wahl. Da braucht es keinen Verschwörer Gülen (der übrigens weiter unbehelligt in den USA lebt).

Hierzulande könnte man den Vorgang schadenfroh als kuriosen Konflikt zweier äußerst unbeliebter Staatsmänner abtun - wenn die Kollateralschäden nicht so beträchtlich wären. Und die Risiken. Die Europäische Zentralbank ist besorgt, weil einige französische und spanische Großbanken stark in der Türkei investiert sind. Geraten sie ins Wanken? Beginnt hier die nächste Euro-Krise? Deshalb fiel am Freitag auch der Kurs des Euro. Erdogan wird derweil durch Trumps Verhalten fast genötigt, den Pakt mit den seit Jahre nörgelnden West-Alliierten zu brechen und sich noch stärker Moskau zuzuwenden. Nicht nur die politische Tektonik an der Ostgrenze der EU wird empfindlich gestört, die Krise der Türkei trifft alle Länder mit großen türkischen Gemeinschaften. Deutschlands Türken müssen - wenn es dort weiter bergab geht - vielleicht Verwandte finanziell auffangen. Neue Flüchtlinge werden an den Grenzen stehen.

Nur ein Horroszenario? Sicher. Aber leider eines, das sich kaum durch politische Verhandlungen abwenden ließe. Investoren - und dazu zählen auch Kleinaktionäre - sind selten von Staatsraison getrieben, auf globalen Finanzmärkten entziehen sie sich jeder außenpolitischen Strategie. Rette sein Geld, wer kann. Viel mehr zählt nicht.

Erdogan fiel am Freitag zum Thema wenig mehr ein, als die Türken in einer Rede zum "nationalen Kampf" gegen den „Wirtschaftskrieg" aufzurufen. Die Bürger sollen ihre Dollar-, Euro- und Goldreserven in Lira tauschen, um die Landeswährung zu stützen, forderte er. „Vergesst nicht: Wenn sie (die USA) Dollar haben, dann haben wir unseren Gott“, fügte er hinzu. Wenn das seine beste Idee war, dann gilt bald in ganz Europa: Gnade uns Gott.

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