Fleischalternativen : Wenn das Steak aus dem Drucker kommt

Experten erwarten eine Revolution in der Ernährungsindustrie. Nämlich dann wenn das Fleisch statt von der Weide aus dem Labor kommt.

Daniela Schröder
Fleisch könnte in Zukunft verstärkt aus dem Labor kommen.
Fleisch könnte in Zukunft verstärkt aus dem Labor kommen.Foto: Getty Images/iStockphoto

In der Pfanne brät ein saftiges Steak, für morgen steht gegrillte Hähnchenbrust auf dem Speiseplan. Das Besondere der Gerichte: Für keines musste ein Tier sterben. Denn das Steak kommt aus dem 3D-Drucker und das Hähnchenfleisch aus dem Labor. Neben veganen Fleischalternativen entwickelt sich ein weiterer Sektor in rasantem Tempo: Künstliches Fleisch aus dem Labor.

Noch ist Tierfleisch ein beliebtes Nahrungsmittel und für viele Menschen ein fester Bestandteil ihrer Ernährung. Seit Anfang der 1960er Jahre hat sich der weltweite Fleischverzehr mehr als vervierfacht. Aktuell liegt der Pro-Kopf-Konsum bei durchschnittlich 41,9 Kilogramm pro Jahr, in Deutschland sind es gut 60 Kilogramm. Schwellenländer wie China und Indien holen beim Fleischverzehr auf, auch in Afrika steigt die Nachfrage.

Zugleich nimmt in den Industrieländern das Bewusstsein für die Probleme der industriellen Fleischerzeugung zu. Der Tierschutz spielt eine Rolle, vor allem aber hat die Massentierhaltung massive Folgen für Menschen, Umwelt und Klima: Tierliebe hin, Umweltschutz her – wem Fleisch schmeckt, der will ungern darauf verzichten. Wissenschaftler und Ernährungsexperten wollen künftig Fleisch auf neuen Wegen erzeugen. Einer von ihnen ist Guiseppe Scionti, Forscher an einer Universität in Barcelona und Gründer des Startups Novameat. Seine Idee: Veganes Steak aus dem 3D-Drucker.

Vegane Produkte als Fleischersatz sind schon seit Jahren auf dem Markt, doch in Geschmack und Optik waren sie von echtem Fleisch weit entfernt. Sciontis Fleischersatz besteht aus einer rötlichen Paste aus Reis, Erbsenmehl und Seetang, der 3D-Drucker bringt sie Schicht für Schicht in Steak-Form. In Textur und Konsistenz ist das Pflanzen-Fleisch identisch mit echtem Fleisch, sagt Scionti. Zudem ähneln die pflanzlichen Proteine den Proteinkomplexen in tierischem Fleisch, das sorgt für einen ähnlichen Geschmack. Doch der Forscher will das Maximum erzielen: „Noch imitiert das Steak nicht den Geschmack von Tierfleisch.“ Scionti betont, dass er für sein Produkt keine Rohstoffe verwendet, die sich negativ auf die Umwelt auswirken. Daher habe er sich gegen Avocado und das proteinreiche Getreide Quinoa entschieden, der weltweite Hype um die beiden Lebensmittel hat sich für ihre Anbauländer mittlerweile zu einem ökologischen Problem entwickelt.

Supermeat züchtet Fleisch aus Stammzellen

Einen ganz anderen Ansatz als Scionti verfolgt SuperMeat, ein Startup aus Tel Aviv. Das Geschäftsmodell des Unternehmens basiert darauf Fleisch künstlich zu züchten. Aus dem Muskelgewebe eines lebenden Huhns werden Stammzellen gewonnen, die sich in Containern mit einer Nährstofflösung massenhaft vermehren. In einer Zuchtmaschine wachsen die Zellen zu Fleischfasern zusammen – fertig ist das Hühnerbrustfilet.

Risikokapitalgeber aus den USA und auch der deutsche Geflügelfleischhersteller PHW – bekannt als Wiesenhof – haben in SuperMeat investiert. Das Gerät zum Fleischzüchten passt in jede Haushaltsküche. Doch ob sich das künstliche Hühnchen auf dem Markt durchsetzen kann, lässt sich noch nicht abschätzen. Entscheidend sind der Geschmack – und vor allem die Kosten.

Wirtschaftsexperten sehen die Fleischalternativen mit ihren neuen Geschäftsmodellen und Lieferketten als Revolution der Ernährungsindustrie. „Wir stehen vor nichts weniger als dem Ende der Fleischproduktion, wie wir sie kennen“, meint Carsten Gerhardt, Landwirtschaftsexperte der Unternehmensberatung A.T. Kearney. „Bereits 2040 werden nur 40 Prozent der konsumierten Fleischprodukte von Tieren stammen.“

Welches Wirtschaftspotenzial im Fleischersatz steckt, zeigt das US-Unternehmen Beyond Meat. Der kalifornische Hersteller produziert Fleischprodukte aus pflanzlichem Protein, Fastfood-Fans weltweit sind von Fleischgeschmack und -optik begeistert. Im Mai ging Beyond Meat an die Börse, die Aktie handelte zuletzt gut das Neunfache über dem Ausgabekurs, der Börsenwert des Unternehmens stieg in nur drei Monaten von 1,5 Milliarden auf 13,4 Milliarden US-Dollar.

Laborfleisch ist alles andere als naturbelassen

Doch es gibt auch Kritik. Ernährungsforscher weisen darauf hin, dass Pflanzenfleisch nicht automatisch gesünder sei als Tierfleisch. Zudem sind Laborprodukte der Inbegriff industriell hoch verarbeiteter Lebensmittel und damit für Anhänger von naturbelassenen Nahrungsmitteln keine Option.

Absolut natürliches und zugleich nachhaltig produziertes Protein bietet ein in Europa noch ungewöhnliches Nahrungsmittel: Insekten. Mehlwürmer, Heuschrecken, Grillen, Raupen und Co. stehen in vielen Ländern seit jeder auf dem Speiseplan. Mit ihrem hohen Gehalt an Proteinen und ungesättigten Fettsäuren sind Insekten sehr nahrhaft und gesund. Zudem sind sie ökologisch und ökonomisch im Vorteil: Insekten verbrauchen viel weniger Wasser, Nahrung und Fläche als Schweine, Rinder, Hühner. Dazu kommt ihre Effizienz: Im Vergleich zu den klassischen Schlachttieren bilden Insekten aus wenig Futter viel Körpermasse.

Produkte auf Insektenbasis sind bereits auf dem Markt, darunter Müsliriegel und Burger. Weil Insekten als Lebensmittel in Europa noch relativ neu sind, gibt es bisher keine klaren gesetzlichen Regeln für Unternehmen, die Insekten züchten oder verarbeiten. Die Wirtschaftsberatung Barclays prognostiziert dem Geschäft mit Insektenprotein enormes Wachstumspotenzial. Bis 2030 werde der weltweite Markt mit essbaren Insekten um mehr als 28 Prozent wachsen.

Insekten lassen sich auch in kleinem Maßstab züchten. Etwa mit einer Mehlwurmfarm in der eigenen Küche. Katharina Unger, eine österreichische Industriedesignerin, hat ein Gerät entwickelt, in dem Mehlwurmlarven mit Küchenabfällen gefüttert und nach wenigen Wochen verzehrfertig sind: per Schockfrosten im Tiefkühlfach werden sie getötet. Ungers Startup Livinfarms verkauft die weißen Zuchtboxen in alle Welt, die meisten Kunden kommen jedoch aus Europa – wo einst auch Sushi und Hummer als eklig galten. Noch ist die Mini-Wurmfarm ein Nischenprodukt. Unger baut daher auf Marketing: „Insekten sind das Nahrungsmittel der Zukunft. Nun brauchen sie endlich ein positives Image."

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