Wirtschaft : Flexibilität oder Lohndumping

Bis 2010 könnte sich die Leiharbeit verdoppeln - und immer mehr Stammbelegschaften verdrängen

Alfons Frese Yasmin El-Sharif

Berlin - Keine Branche wächst dynamischer, keine hat bessere Perspektiven und keine ist umstrittener. Mit dem Erfolg der Zeitarbeit formieren sich auch ihre Kritiker. Die Gewerkschaften beleben ein altes Feindbild neu, weil der massenhafte Einsatz von Leiharbeitnehmern auch an ihre Substanz geht. Die Billigkräfte verdrängen die Stammbelegschaften und drücken überhaupt das Lohnniveau im Betrieb, argwöhnt vor allem die IG Metall, in deren Organisationsbereich die meisten Leiharbeiter tätig sind. Die berüchtigsten Beispiele: Im BMW-Werk in Leipzig sind 30 Prozent der Beschäftigten Leiharbeiter, und von 22 000 Airbus-Beschäftigten hierzulande kam in der Spitze rund ein Drittel von einer Zeitarbeitsfirma.

„Der Beschäftigungsaufbau der vergangenen Monate wird zur Hälfte von Zeitarbeitsverhältnissen getragen“, klagt Olivier Höbel, IG-Metall-Chef von Berlin, Brandenburg und Sachsen. Dagegen freut sich Heide Franken, Geschäftsführerin von Randstad, der größten Verleihfirma in Deutschland. „Im Moment haben wir so eine große Nachfrage wie noch nie“, sagte Franken auf Anfrage. Bei weiter steigender Tendenz. „Eine Verdopplung der Zahl der Zeitarbeitnehmer bis 2010 ist durchaus möglich“, glaubt Franken, weil sich „der deutsche Arbeitsmarkt weiter flexibilisieren muss.“

Doch um Flexibilität, also um die zeitweise Abdeckung von Auftragsspitzen, geht es nach Einschätzung der Gewerkschaften schon lange nicht mehr. „Wenn 20 bis 30 Prozent der Belegschaft Leiharbeitnehmer sind, hat das nichts mehr mit Flexibilität zu tun“, sagt Klaus Pickshaus, der beim IG Metall-Vorstand in Frankfurt das Projekt „Gute Arbeit“ betreut. „In mehr als einem Viertel der Nutzerbetriebe verdrängt Zeitarbeit reguläre Beschäftigung“, schreibt der Jenaer Sozialwissenschaftler Klaus Dörre in einem „Sozialreport Zeitarbeit“ der Berliner IG Metall. Die Leiharbeiter bei BMW würden zum Teil 50 Prozent weniger verdienen als die Angestellten. Dörre spricht von „zwei Klassen von Arbeitnehmern“, Pickshaus von „Spaltungsprozessen in der Belegschaft“. Randstad-Chefin Franken sagt, „im Einzelfall“ würden ihre Leute auch Stammarbeitskräfte ersetzen. Je nachdem, was der Kunde will. „Die Standortsicherung ist auf der Agenda vieler Firmen, und eine Lösung ist dabei der flexible Einsatz von Personal“, sagt Franken. Und zum Teil werde das entliehene Personal eben auch „permanent“ eingesetzt. Dazu sagt Detlef Wetzel, IG-Metall-Chef in Nordrhein-Westfalen, es müsse geklärt werden, „welche Rolle die Zeitarbeit spielen soll: Flexibilisierung oder Lohndumping“. Gegen das Dumping empfiehlt er ein altes Prinzip: Gleiches Geld für gleiche Arbeit. Uwe Beyer, Geschäftführer von Adecco, hat „für diese Maximalforderung der Gewerkschaften“ Verständnis. Grundsätzlich sei sein Unternehmen bereit, „die Löhne zu erhöhen, wenn der Markt es erfordert“. Das betreffe vor allem Höherqualifizierte. „Sonst haben wir keine Chance, Leute zu rekrutieren.“ Und trotz dieser Schwierigkeiten glaubt auch er an eine Verdopplung der Leiharbeit „voraussichtlich in den kommenden drei Jahren“.

Tatenlos werden das die Gewerkschaften nicht hinnehmen. Wetzel spricht von einem „konfliktorischen“ Umgang mit dem Thema und hat erste Erfolge. In 20 NRW-Betrieben haben sich Geschäftsführer und Betriebsräte darauf verständigt, die Leihkollegen so zu entlohnen wie die „eigenen“ Beschäftigten. Und wenn nicht? Dann kann der Betriebsrat der Einstellung von Leiharbeitern widersprechen, sagt Wetzel. Und der Arbeitgeber muss sich die Zustimmung beim Arbeitsgericht holen. Das kostet Zeit und Geld.

Überall da, wo die Gewerkschaft stark vertreten ist, will sie künftig Vereinbarungen wie bei Daimler-Chrysler und Airbus anstreben. Bei Daimler dürfen die Leiharbeitnehmer nicht mehr als vier Prozent der Belegschaft ausmachen und bei Airbus wurde in einer Vereinbarung ,equal pay’ festgeschrieben: gleiches Geld für gleiche Arbeit.

Und wenn das auch nicht wirkt, soll die Politik mit einer Änderung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes helfen. Bei der IG Metall hat man aufmerksam registriert, dass SPD-Chef Kurt Beck eine entsprechende Bereitschaft signalisiert hat, falls tatsächlich Stammbelegschaften von Leihkräften verdrängt werden.

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