Förderprogramm Mindbox : Die Digitalisierung der Bahnsteigkante

Seit zwei Jahren fördert die Deutsche Bahn Start-ups. Nun gibt es erste Ergebnisse.

Vincent Genz und seine Mitstreiter bringen Beton zum Leuchten. Er hält einen weißgrauen Würfel in die Höhe. „Damit haben wir mal angefangen“, sagt der Gründer des Start-ups Siut und drückt einen Schalter, der samt  Akku mit schwarzem Klebeband an der Unterseite befestigt ist. Auf einmal leuchten dutzende, vorher nicht zu erkennende Punkte an den Seiten des Würfels.

Leuchtbeton soll für mehr Pünktlichkeit sorgen

 

Mit diesem Prototypen und der Idee, Lichtfasern in Beton zu integrieren, war Genz vor zwei Jahren auch zur Deutschen Bahn gekommen und hatte sich für das damals noch ganz neue Start-up-Förderprogramm der Bahn beworben. Inzwischen ist daraus eine intensive Zusammenarbeit geworden. „Wir sind dabei, die digitale Bahnsteigkante zu bauen“, sagt Genz. Besichtigen kann man die im Dezember in Stuttgart. Dort wird gerade der Bahnsteig des S-Bahnhofs Cannstatt umgebaut. Wie LEDs sind da nun die kleinen Leuchtpunkte der Berliner Tüftler in zwei Reihen im Boden integriert. Sie sollen anzeigen, wo der Zug hält und wo sich die Türen befinden. Die Lichtfasern im Beton können sogar in verschiedenen Farben erstrahlen und sollen so im zweiten Schritt in Grün, Gelb oder Rot auch anzeigen, wie voll der ankommende Wagen ist. Die Informationen dazu zieht Siut unter anderem aus den Videokameras der Bahn. Die Deutsche Bahn erhofft sich davon kürzere Einsteigezeiten und somit pünktlichere Züge. „Ich wäre ja auf viele Wege gekommen, um Komfort und Pünktlichkeit zu erhöhen“, sagt Onno Szillis, Leiter der DB Mindbox. „Doch auf leuchtenden Beton bestimmt nicht.“

 

Die Zusammenarbeit mit dem Start-up ist daher eines der Vorzeigeprojekte aus der Mindbox. Vor zwei Jahren öffnete die Bahn in den S-Bahnbögen unter der Jannowitzbrücke, wo einst Ex-Hertha-Stürmer Axel Kruse eine Sportsbar hatte. Mehr als 30 Jungunternehmen wurden hier seither für jeweils drei Monate gefördert, mit 20 davon arbeitet die Bahn weiter an konkreten Projekten.

 

Zur Förderung gehört ein finanzieller Zuschuss von 25000 Euro, vor allem aber die Kontakte zur Deutschen Bahn und die dabei manchmal nötige Übersetzungs- und Vermittlungsfunktion. Wenn es gut läuft, führt das sogar dazu, dass ein Start-up seine Idee ändert. So wie Konux. Die Münchner entwickeln Sensoren und wollten damit eigentlich Maschinenbauer beliefern. „Dann hat irgendwann die Bahn angerufen“, erinnert sich Konux-Chef Andreas Kunze. Das Unternehmen suchte Start-ups für sein neues Programm und Kunze dachte, anschauen könne man sich das ja mal. Zwei Jahre später liegt der Fokus seines Unternehmens nun komplett auf dem Zugverkehr. Sie haben einen Kasten voll Sensortechnik entwickelt, der auf Schwellen zwischen den Gleisen gebaut werden kann. Damit werden Vibrationen und andere Bewegungen gemessen und so zum Beispiel prognostiziert, wann wieder Schotter unter die Schwellen gestopft werden muss. Bisher erfolgen diese Kontrollen noch manuell.

 

Nach mehreren erfolgreichen Tests sollen im kommenden Jahr eine große Zahl der etwa 70000 Weichen bei der Bahn mit den Sensoren ausgerüstet werden. Auch das könnte wieder die Pünktlichkeit verbessern, denn Weichenstörungen sind ein häufiger Grund für Zugausfälle und Verspätungen.

„Wir wollen die Bahn nicht hip, sondern besser machen“

 

„Wir wollen die Bahn nicht hip, sondern schlicht besser machen“, lautet denn auch das Credo von Szillis. Und die Kooperation mit Start-ups biete dabei neue Ansätze. „Wir können einfach mal Dinge ausprobieren und sehen, wie die Kunden reagieren.“ So wird die digitale Bahnsteigkante in Stuttgart nun erst einmal ein halbes Jahr getestet. Damit die leuchtende Türanzeige auf dem Boden funktioniert, müssen jedoch auch die Bahnfahrer mitspielen. Bisher halten sie mal einen Meter weiter vorn oder hinten. Damit sie künftig genauer bremsen und tatsächlich wie angezeigt halten, gibt es nun nochmal eine Schulung.

 

Und auch die BVG hat sie schon bei Siut gemeldet. Eine erste Installation gab es auch schon am Anhalter Bahnhof in Berlin. Doch die Leuchtpfeile, die auf den alten Bunker hinwiesen, mussten nach Intervention des Eisenbahnbundesamtes wieder ausgeschaltet werden: Sie könnten im Notfall flüchtende Fahrgäste irritieren.

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