Francotyp-Postalia : Ein Berliner Traditionsunternehmen - und ein Investor, den niemand da haben will

Francotyp-Postalia liefert gute Zahlen. Trotzdem installiert ein aktivistier Investor einen neuen Vorstand. Doch der alte will nicht gehen.

Seit fast 100 Jahren baut Francotyp-Postalia Frankiermaschinen.
Seit fast 100 Jahren baut Francotyp-Postalia Frankiermaschinen.Jens Büttner/dpa

Frohe Pfingsten gibt es nicht für die Belegschaft von Francotyp-Postalia (FP). Und schon gar nicht für den Vorstandsvorsitzenden Rüdiger Andreas Günther. Denn am Dienstag kommt ein neuer Mitarbeiter in die FP-Zentrale an der Prenzlauer Promenade, den dort niemand will: Carsten Lind, ehemals für Fujitsu tätig und in der Private Equity-Branche unterwegs gewesen, wurde vom Aufsichtsrat als neuer Vorstand bestellt.

Im ersten Schritt, sobald Günther vom Hof getrieben ist, soll Lind Vorstandschef werden. Doch Günther will nicht weichen. Seit 2016 führt er das traditionsreiche Berliner Unternehmen mit rund 1000 Mitarbeitern durchaus erfolgreich.

Gerade eben erst wurden ordentliche Quartalszahlen vorgelegt. Doch das wird ihn vermutlich nicht retten, denn Großaktionär Rolf Elgeti besitzt inzwischen 28 Prozent der FP-Aktien und macht Druck: „Wir haben kein Vertrauen in Günther“, hatte Elgeti im Februar dem Tagesspiegel gesagt. Und dann den Druck auf Günther weiter erhöht.

"Wir liefern super Zahlen"

Aufsichtsratschef Klaus Röhrig, dessen Beteiligungsgesellschaft AOC 9,5 Prozent an FP hält, hatte Günther vor einem Jahr noch den Vertrag verlängert bis 2023. Doch mit Unterstützung Elgetis änderte er seine Meinung und versucht nun seit Monaten, Günther zum Aufgeben zu bewegen.

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Der will aber nicht, sieht die Belegschaft und die zwei übrigen Vorstände an seiner Seite und argumentiert mit der guten Entwicklung des Unternehmens unter seiner Führung. „Wir liefen super Zahlen“, sagte Günther am Freitag dem Tagesspiegel. „Das 15. Quartal in Folge schneiden wir besser ab als die Wettbewerber.“

Trotz erster Coronawirkungen stieg das Ergebnis vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen in den ersten drei Monaten um 15 Prozent auf acht Millionen Euro. Das zweite Quartal wird wegen Corona schlechter ausfallen, im Konzern gibt es Kurzarbeit. Im vergangenen Jahr kam FP mit den Geschäftsbereichen Frankieren/Kuvertieren, Mail Services und Software auf 210 Millionen Euro Umsatz. Doch Elgeti, der sich zu seinen Vorstellungen nicht äußert, geht womöglich die digitale Transformation zu langsam.

Internet der Dinge soll die Zukunft sein

„Die Beschäftigten machen sich Sorgen um die zukünftige Ausrichtung, da offiziell zur strategischen Ausrichtung nichts verlautbart wird“, heißt es bei der IG Metall. „Wichtig wäre, vom neuen Vorstandsmitglied, dem Vorstand und den Eigentümern in Summe die nachvollziehbaren Eckpunkte einer belastbaren Zukunftsvision und -strategie erkennen zu können.“ Das bleibt vorerst ein Wunsch.

FP hat weltweit rund 210.000 Kunden, die mit Hilfe von Frankiermaschinen rund 1,5 Milliarden Dollar an Portogebühren transferieren. Den sicheren Transfers von Geld und Daten bietet das Unternehmen und will sich im Bereich Internet of Things etablieren.

Zum Beispiel bei der Ausstattung von Kühlketten der Metro, die für den Transport von Waren aus Südamerika bis in deutsche Märkte funktionieren müssen, bei Steuerungen von Windrädern oder Aufzügen. Es geht immer um die zuverlässige und sichere Übertragung von Daten. Und das kann FP. Indes ist der Quartalsumsatz von 4,5 Millionen Euro in dem Bereich Software/Digitales noch vergleichsweise mickrig.

Was soll Lind machen?

Wie das mit dem neuen Vorstand Lind anders werden soll, ist offen. Bis Freitagnachmittag war auch nicht klar, welche Aufgaben Lind überhaupt wahrnimmt. Jedenfalls wird er in der FP-Zentrale erwartet, ein Arbeitsplatz ist vorbereitet. Wie es im Unternehmen heißt, wird ein Aufsichtsrat gewissermaßen als Begleitschutz die neue Führungskraft am ersten Arbeitstag begleiten.

Womöglich wird sich der Aufsichtsrat am Dienstag zur Geschäftsverteilung der Vorstandsmitglieder äußern. Und Günther, der auch die Finanzen verantwortet, Funktionen entziehen. Ob und wie der sich dagegen wehrt, ist dann die nächste Frage.

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