Frankreichs Autoindustrie : Selbstmordserie bei Renault

Der schwächelnde Autokonzern Renault soll wieder flott werden, doch damit wächst der Druck auf die Beschäftigten. Die Zahl der Selbstmorde unter ihnen steigt deutlich.

Paris - Renault-Konzernchef Carlos Ghosn hat den ehrgeizigen Plan "Renault Contrat 2009" vorgegeben - nicht zur Freude aller Beteiligten: Die Gewerkschaften beklagen stark gestiegene Arbeitsanforderungen. Die Selbstmordfälle von Mitarbeitern häuften sich: vier in den vergangenen zwei Jahren, davon drei innerhalb der letzten fünf Monate. "Seit der Ankunft des neuen Chefs herrscht im Renault-Technologie-Zentrum ein großes Unbehagen", hieß es aus der Belegschaft. "Der Plan erhöht den Arbeitsdruck", monierten die Gewerkschaften. Nun kündigte Ghosn Maßnahmen an, die zur Verbesserung der Arbeitssituation dienen sollen.

"Die Personalführung ist ganz wesentlich, denn sie betrifft die wichtigste Ressource eines Unternehmens, nämlich die Männer und Frauen. Ohne sie hat ein Unternehmen weder Zukunft noch Erfolg", betont Ghosn. Bis Mitte März will der als "Kostenkiller" bekannte Unternehmensführer einen konkreten Aktionsplan vorlegen, der die Lage in den Griff kriegen soll. Die Versailler Staatsanwaltschaft hat sich inzwischen der Selbstmordserie angenommen. Sie will die Arbeitsbedingungen des Forschungs- und Entwicklungszentrums in Guyancourt bei Paris genauer unter die Lupe nehmen. Laut Gewerkschaft sind an dem schlechten Arbeitsklima vor allem die bewusst geförderte Konkurrenz unter Kollegen und die verschärfte Bewertung der Arbeitsleistung jedes einzelnen Schuld.

Ingenieur litt unter Leistungsdruck

In dem 1998 - pünktlich zum hundertjährigen Bestehen des französischen Autobauers - neu eröffneten Forschungs- und Entwicklungszentrum in Guyancourt bei Paris werden sämtliche neuen Autos des Unternehmens entworfen. In dem "Bienenkorb", wie die Beschäftigten das riesige Zentrum nennen, arbeiten laut Renault-Leitung nur "leidenschaftliche Ingenieure, die Autos entwickeln". Einer davon war Raymond D., der sich am 16. Februar zu Hause mit einem Ledergürtel erdrosselt hatte. Raymond D. war mit dem Entwurf des neuen Laguna beschäftigt, der helfen soll, den Absatz von Renault anzukurbeln. Der 38-jährige Familienvater hinterließ einen Abschiedsbrief, indem er erklärte, dass er nicht mehr in der Lage sei, diese Arbeit zu leisten, und dass sie zu schwer sei. Auch seine Kollegen bestätigten, dass er dem Leistungsdruck nicht mehr gewachsen war.

Im Gegensatz zu Raymond D. nahmen sich die beiden anderen Mitarbeiter am Arbeitsplatz das Leben. Im vergangenen Oktober stürzte sich ein Renault-Informatiker aus dem fünften Stock des Entwicklungszentrums, im Januar ertränkte sich ein Ingenieur in einem Teich in unmittelbarer Nähe. Ghosn setzt bei seinem Konzernprogramm, das ohne Stellenabbau auskommt, auf größere Produktivität und eine Reihe neuer Wagen. So sollen nach dem "Renault Contrat 2009" insgesamt 26 Modelle in den nächsten zwei Jahren auf den Markt kommen, davon 13 als völlige Neuentwicklung. Der neue Twingo wird derzeit auf dem Automobilsalon in Genf vorgestellt. (Von Sabine Glaubitz, dpa)

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