Fusion mit Tata : Thyssen-Krupp verabschiedet sich von seiner Geschichte

Vorstandschef Heinrich Hiesinger ist am Ziel: Das Joint-Venture mit Tata ermöglicht Thyssen-Krupp den Ausbau des Industriegeschäfts. Stahl spielt keine zentrale Rolle mehr.

Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger in einem Fahrsimulator für autonomes Fahren
Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger in einem Fahrsimulator für autonomes FahrenFoto: Rolf Vennenbernd/dpa

Heinrich Hiesinger schreibt deutsche Industriegeschichte. Erst beendete der Vorstandsvorsitzende von Thyssen-Krupp das zehn Milliarden Euro teure Abenteuer in Brasilien und den USA, indem er die Anlagen verkaufte. Jetzt steckt er das europäische Stahlgeschäft in ein Joint-Venture mit Tata und trennt sich damit vom Kern des Konzerns, der auf Friedrich Krupps Gründung 1811 zurückgeht. Den vom Aufsichtsrat gebilligten Vertrag mit der indischen Tata Steel „zur Schaffung eines neuen europäischen Stahlchampions“ kommentierte Hiesinger am Wochenende voller Genugtuung: „Es ist die einzige Lösung, die für Thyssen-Krupp und Tata Steel zusätzlichen Wert von rund fünf Milliarden Euro schafft.“ Aufgrund von Synergien, die jedes Unternehmen für sich allein „nicht realisieren könnte“.

Zwei Jahre hat Hiesinger für den Zusammenschluss gearbeitet, dabei die Widerstände der Arbeitnehmer, von Politikern und Investoren überwunden und nun erreicht, was er seit seinem Wechsel von Siemens zu Thyssen-Krupp immer wollte: Den Ruhrgebietskonzern zu einem Industrieunternehmen mit diversen Geschäftsfeldern machen, zu denen der konjunktursensible Stahl nicht gehört.

Hiesinger kam 2010 von Siemens

Hiesinger hatte im Siemens-Vorstand den Industriebereich verantwortet, als ihn Gerhard Cromme im Herbst 2010 von München nach Essen holte, wo er ein paar Monate später die Nachfolge von Ekkehard Schulz im Amt des Vorstandsvorsitzenden antrat. Damals ahnte Hiesinger nicht, was ihm Schulz, aber auch Aufsichtsratschef Cromme sowie der Chef der Krupp-Stiftung, Berthold Beitz, hinterlassen hatten: zwei neue Stahlwerke in Übersee, die so schlecht geplant und gebaut worden waren, dass sie Thyssen-Krupp einen Verlust von acht Milliarden Euro einbrachten. 2014 verkaufte er die Anlage in den USA und Anfang 2017 folgte das Werk in Brasilien. Für Hiesinger ein „wichtiger Meilenstein beim Umbau von Thyssen-Krupp hin zu einem starken Industriekonzern.“

Der nächste Meilenstein ist das Joint- Venture mit Tata, auf das sich die Partner bereits vor zehn Monaten verständigt hatten und das nun besiegelt wurde. Heute wollen Hiesinger und Tata-Steel-Chef Natarajan Chandrasekaran in Brüssel Details vorstellen. Dabei sind einige Voraussetzungen und Inhalte der Partnerschaft bereits bekannt. Da Thyssen-Krupp in den vergangenen Monaten deutlich bessere Geschäfte gemacht hat als Tata, gibt es nun eine „Kompensation“: Im Falle eines Börsengangs der neuen Firma bekommen die Deutschen 55 Prozent des Erlöses und die Inder 45 Prozent. Zudem darf Thyssen-Krupp über den Zeitpunkt des Börsengangs entscheiden.

4000 Arbeitsplätze fallen weg

Wie immer bei Zusammenschlüssen kostet auch diese Stahlfusion Arbeitsplätze. „Von bis zu 4000“ ist die Rede, die „ungefähr hälftig auf die beiden Joint-Venture-Partner“ verteilt werden. Ohne den Stellenabbau würden die avisierten 400 bis 500 Millionen Euro, die jedes Jahr eingespart werden sollen, kaum erreicht. IG Metall und Betriebsrat haben sich ihre Zustimmung zum Zusammenschluss indes von Hiesinger „bezahlen“ lassen: Bis 2026 gibt es eine Beschäftigungs- und Standortsicherung hierzulande. Jedoch kann schon 2020 „das Produktionsnetzwerk mit dem Ziel einer Integration und Optimierung der Fertigungsstrategie überprüft werden“.

Das neue Unternehmen startet – sofern die Kartellbehörden zustimmen – mit 48.000 Beschäftigten und rund 17 Milliarden Euro Umsatz. Nach Arcelor Mittal ist Thyssen-Krupp Tata Steel B.V. mit Sitz in Amsterdam der größte europäische Stahlhersteller. Den jeweils sechsköpfigen Vorstand und Aufsichtsrat wollen die Partner paritätisch besetzen. Die bestehenden Mitbestimmungstrukturen bleiben erhalten, ein Europäischer Betriebsrat wird gebildet und in einem „Employee Executive Committee“ sollen Vorstand und Arbeitnehmervertreter „regelmäßig über strategische Themen beraten“.

Tata Steel gehört zur indischen Tata- Gruppe mit mehr als 100 Unternehmen, 600.000 Mitarbeitern und rund 100 Milliarden Dollar Umsatz. Thyssen-Krupp produziert unter anderem Aufzüge, Autoteile, ganze Fabriken und U-Boote. Der Essener Konzern kam zuletzt mit knapp 160.000 Mitarbeitern auf 41 Milliarden Euro Umsatz. Mit der Abspaltung des Stahls hat Hiesinger nun mehr Spielraum für die Entwicklung der anderen Geschäftsbereiche, die bislang schon rund drei Viertel des Umsatzes ausmachen. In der nächsten Woche will der Vorstandschef dem Aufsichtsrat „die Weiterentwicklung der Strategie vorstellen“. Dann ohne den Stahl.

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