Wirtschaft : Gerd Fröhlich

(Geb. 1926)||Barkeeper, Schwarzhändler, Goldschmied: Das Beste in jeder Situation.

Sandra Stalinski

Barkeeper, Schwarzhändler, Goldschmied: Das Beste in jeder Situation. Gerd war die Elfe. Nur eine Statistenrolle in Shakespeares „Sturm“, doch für den Zehnjährigen war es ein aufregender Einblick ins Theatertreiben. Und ein Ausblick auf die Welt der Großen mit ihren unbegrenzten Möglichkeiten. Die Schulaufführungen des Lehrers Reinhold Knick an der Hohenzollern-Schule waren damals in Berlin viel beachtet. Marcel Reich-Ranicki, auch ein ehemaliger Schüler des Dr. Knick, hat ihnen eine Passage in seiner Autobiografie gewidmet. Gerd Fröhlich hat oft davon gesprochen.

1947 lernte er Eva kennen, in einer Bar in der Grunewaldstraße bei Swing und alkoholischen Getränken. Der Krieg war zu Ende, sie waren frei und froh, noch mal mit dem Leben davongekommen zu sein. Er war sehr hübsch, und sie wusste sofort: Der oder keiner! „Liebe auf den ersten Blick“, sagt Eva Fröhlich, „ja, das gibt es wirklich.“

Er war gerade aus der amerikanischen Gefangenschaft gekommen, wo er sich als Barkeeper und Dolmetscher hervorragend mit den GIs arrangiert hatte. Er machte das Beste aus jeder Situation, er nahm die Dinge wie sie kamen. Jetzt war er Schwarzhändler und versorgte seine Freunde mit Tabak und Alkohol.

Dann ging alles sehr schnell: die Heirat, der Sohn. Gerd Fröhlich wollte die Welt sehen, wollte es zu etwas bringen. Er zog nach Amerika, Frau und Kind holte er nach. Im „Diamond Center“, New York, West 47th Street, arbeitete er. Der Chef, ein jüdischer Goldschmied aus Wien, behandelte ihn wie seinen Sohn. Er lernte, wie man Weißjuwelen herstellt und machte Schmuck für die betuchte Gesellschaft, Prominente und Künstler – eine Welt, die mit dem zurückgelassenen Nachkriegsdeutschland überhaupt nichts zu tun hatte.

Doch Amerika war auf Dauer nicht das Richtige für Gerd und Eva. Oft hieß es: „Ihr müsst uns unbedingt besuchen“, und als sie dann vor der Tür standen, bekamen die Leute einen Schreck.

Nach ein paar Jahren kehrten sie zurück nach Berlin. Er eröffnete eine kleine Goldschmiedewerkstatt und machte sich einen Namen. Nicht nur, weil er die eine von zwei Schleudergussmaschinen in Berlin besaß, mit der er seine Modelle mehrfach gießen konnte. Er war gewissenhaft und nicht zu teuer. Eine Stammkundin bemerkte, wie er sie immer sehr aufmerksam beobachtete, wenn sie das in Auftrag gegebene Stück auswickelte. Dann freute er sich fast mehr als sie, wenn er sie mit etwas Ausgefallenem überraschte.

Er war wie gemacht für seinen Beruf: kreativ und dennoch geduldig. Saß an seinem Werkbrett, über den Schoß das Lederfell gespannt, damit kein Goldpartikel verloren ging, und feilte, stundenlang, versunken in jedes Detail.

Er konnte aber auch sehr zornig werden, vor allem mit Eva. Die beiden waren bekannt für ihre Zankereien. Die waren zahlreich und exzessiv. Meist ging es um Nichtigkeiten. Dann sprachen sie einen Tag lang nicht mehr miteinander, und am nächsten war alles wieder gut. Ganz am Anfang der Ehe wollte Eva sich von ihm trennen. Da zog er zu seiner Mutter, kam nach kurzer Zeit zurück und fiel auf die Knie: „Ich kann doch nicht ohne dich.“ Dafür hat sie ihm auch die späteren Seitensprünge verziehen. Er war eben beliebt bei den Frauen.

Neben dem Beruf hatte er zwei große Leidenschaften. Die eine war das Kochen – das übernahm immer er, Eva hatte in der Küche nichts zu suchen. Immer wieder probierte er neue Rezepte aus, kaufte Töpfe und Pfannen. Ein Feinschmecker und „kiesätig“, sagt sie.

Die andere war das Reisen. Mexiko, Tahiti, Papua Neuguinea, Taiwan, Moskau. Mit der transsibirischen Eisenbahn von Irkutsk nach Datong. Mit 70 noch zwei Kreuzfahrten, zum Nordkap und auf die Bahamas. Die letzte Reise ging zum Ostseebad Heiligendamm, wo beide ihren 80. Geburtstag feierten. Da wusste er schon seit ein paar Monaten, dass es keine Hoffnung mehr gab.

58 Jahre waren Gerd und Eva Fröhlich verheiratet. Er wollte so gern noch die diamantene Hochzeit mit ihr feiern. Einen passenden Ring hätte er sicher für sie gemacht.

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