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Mieten und Kreditraten konnten bis Juni gestundet werden - jetzt werden sie fällig.
© imago images/Sabine Gudath
Tagesspiegel Plus

Gestundete Zahlungen werden fällig: Wie Mieter und Kreditnehmer es vermeiden, drei Monate auf einmal zu zahlen

Bis Juni konnten Mieten und Raten ausgesetzt werden. Doch das ist vorbei. Nun gib es verschiedene Wege, die Zahlungen zusätzlich zu laufenden Kosten zu begleichen.

Von Sabine Hölper

Als im März die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie klar wurden, handelte die Politik schnell: Sie entlastete Immobilienbesitzer und -eigentümer unbürokratisch. Mietern durfte fortan wegen Mietrückständen, die zwischen dem 1. April und dem 30. Juni 2020 auflaufen, nicht gekündigt werden. Wer einen Immobilienkredit laufen hatte, erhielten das Recht, dessen Raten für drei Monate auszusetzen, ohne dass die Kündigung des Darlehens drohte. Das verschaffte Luft.

Doch seit dem 1. Juli ist die Schonfrist vorbei. Der Gesetzgeber sprach sich für ein Ende der Überbrückungshilfen aus. Muss man jetzt drei Monatsmieten auf einen Schlag zahlen? Was passiert, wenn man das nicht kann? Wann droht die Kündigung? Betroffene haben einige Möglichkeiten, die gestundeten Zahlungen bestmöglich zu begleichen.

Banken wollen Wohnungseigentümern entgegenkommen

Wohnungseigentümer, sprich Kreditnehmer, hat es weniger hart getroffen. Sie haben das Glück, dass die meisten Banken in den nächsten Monaten kulant sein wollen. Einige verlängern die vom Gesetzgeber erlaubte Aussetzung der Rate bis September oder sogar bis Ende des Jahres auf eigene Faust.

„Zum Teil bieten die Banken die Option der Stundung im Rahmen eines freiwilligen Moratoriums von Mitgliedern des Bundesverbandes deutscher Banken an, zum Teil auch nach individueller Prüfung und Absprache“, sagt Michael Neumann, Vorstandsvorsitzender des Finanzdienstleisters Dr. Klein.

Zu den entgegenkommenden Kreditinstituten gehören unter anderen die Commerzbank und die Deutsche Bank. Ihr Ansatz: Man will Kreditnehmern, die jahrelang ihre Verbindlichkeiten bedient haben und unverschuldet in Not geraten sind, den Vertrag nicht kündigen.  Allerdings sollte ein Kreditnehmer in jedem Fall das Gespräch mit dem Bankberater suchen. Die meisten Geldhäuser erwarten außerdem Nachweise über die Einkommensausfälle.

Was, wenn die eigene Bank nicht nachsichtig ist?

Eigentümer, die ihren Kredit bei einem Institut unterhalten, das kein freiwilliges Moratorium einräumt, sind schlechter dran. Aber auch sie haben diverse Möglichkeiten, ihre Aufwendungen vorübergehend zumindest zu senken. Schließlich sind auch diese Banken „nicht daran interessiert, dass Darlehen nicht zurückgeführt werden“, sagt Neumann.

Die Preise für Wohnungen sind in Berlin ohnehin schon ein Streitthema. Jetzt kommen noch die gestundeten Zahlungen hinzu.
Die Preise für Wohnungen sind in Berlin ohnehin schon ein Streitthema. Jetzt kommen noch die gestundeten Zahlungen hinzu.
© dpa

Entsprechend werden die Institute ähnlich wie vor der Pandemie verfahren. „Wir haben bereits vor der Coronakrise gemeinsam mit Kunden, die Zahlungsstundungen anfragen mussten, Lösungen erarbeitet. Das werden wir selbstverständlich auch in Zukunft tun“, sagt ein Pressesprecher der Umweltbank.

Auch die Berliner Sparkasse will „individuelle Lösungen bei Zahlungsschwierigkeiten“ finden, sagt ein Sprecher. „Je nach Ursache und finanzieller Situation können vorübergehende Tilgungsaussetzungen eine von verschiedenen Lösungen sein.“ Der Kunde zahlt also nur die Zinsen. Angesichts der aktuell niedrigen Zinssätze ist ihr Anteil an der Rate oft viel niedriger, sodass der Großteil der ursprünglichen Belastung entfällt.

Eine weitere Option ist, den Tilgungssatz zu verringern, beispielsweise von drei auf ein Prozent. „In manchen Darlehensverträgen ist dieses Recht verankert, ohne dass die Bank zustimmen muss“, sagt Jörg Sahr, Finanz- und Immobilienexperte bei Test.de. Ist dies nicht der Fall, muss man das Gespräch mit dem Berater suchen. In der Regel wird sich der Kreditgeber aber auf einen vorübergehenden Wechsel des Tilgungssatzes einlassen.

Man sollte sich schnell um Lösungen kümmern

Ist auch das nicht der Fall oder die Hilfen reichen nicht, sollte man dennoch alles daran setzen, dass der Kredit nicht gekündigt wird. Im besten Fall reichen temporäre Hilfen. Wohnungseigentümer, die das Objekt selbst nutzen, können etwa einen Lastenzuschuss beantragen. Das ist eine Art Wohngeld für Eigentümer. Es richtet sich nach dem Einkommen, der Haushaltsgröße, den laufenden Kreditraten und den Bewirtschaftungskosten der Immobilie.

Wichtig ist, dass die Maßnahmen schnell in die Wege geleitet werden. Denn schon nach zwei rückständigen Raten in Folge kann die Bank die Kündigung aussprechen. Schuldnerberatungsstellen und Verbraucherschützer sind mögliche Anlaufstellen, um eine Lösung zu finden. Nur wenn diese nirgends in Sicht ist, sollte der Verkauf der Immobilie in Betracht gezogen werden.

Mietern kann es schon bald an den Kragen gehen

Für Mieter sieht es anders aus. Der August könnte für viele zum Schicksals-Monat werden. Der Deutsche Mieterbund rechnet mit Kündigungen im großen Stil. Denn auch wenn das Mietenmoratorium am 1. Juli ausgelaufen ist: Die Krise ist noch lange nicht vorbei, noch immer sind die Menschen in Kurzarbeit, vielleicht gar arbeitslos geworden oder haben, sofern sie selbstständig sind, hohe Umsatzeinbußen.

Die Einnahmen sind also genauso gering wie in den Monate zuvor, im schlimmsten Fall sogar geringer, doch die Mietzahlungen sollen ab 1. Juli wieder in voller Höhe geleistet werden. Das kann nicht gutgehen, befürchtet der Mieterbund in Berlin.

„Es ist davon auszugehen, dass viele Mieter die Belastung nicht stemmen können“, sagt eine Sprecherin, sie geht von einer nie dagewesenen Kündigungswelle aus. Schließlich erlaubt der Gesetzgeber Vermietern schon dann die fristlose Kündigung, wenn zwei Monate in Folge die Miete nicht in der gesamten Höhe gezahlt wird. Theoretisch reicht es aus, wenn in einem Monat gar keine Miete gezahlt wird und im nächsten Monat ein einziger Cent des Gesamtbetrages fehlt.

Bis Juni 2022 müssen gestundete Mieten gezahlt sein

Der Mieterbund plant mit anderen Akteuren ein Sozialfonds, der säumigen Mietern unter die Arme greift. Er soll aber vor allem im Sommer 2022 einspringen. Denn bis Ende Juni 2022 müssen die im Frühjahr dieses Jahres gestundeten Mieten nachgezahlt werden. Man kann sich ausmalen, dass dann die nächste Kündigungswelle anstehen könnte.

Wie schwierig es für Mieter ist, innerhalb von zwei Jahren und in einer angespannten wirtschaftlichen Situation drei volle Monatsmieten ansparen, zeigt eine aktuelle Studie des Sachverständigenrates für Verbraucherfragen. Demnach sind ein Viertel aller Haushalte schon ab einem Einkommensverlust ab 100 Euro netto pro Monat durch die Mietkosten finanziell überlastet. Selbst wenn sie es schaffen, ab Juli ihre Miete wieder zusammenzukratzen: Geld zurücklegen für hohe Nachforderungen dürfte unter diesen Voraussetzungen sehr schwierig sein.

Was Mieter jetzt tun sollten

Doch erst einmal müssen sich die Mieter, die dieser Tage ihren Verpflichtungen nicht nachkommen können, um das Hier und Jetzt kümmern. Was sie tun sollten: mit ihrem Vermieter sprechen und glaubhaft darlegen, dass sie bald wieder in der Lage sind, die fälligen Zahlungen zu leisten. Das kann zum Beispiel eine Bescheinigung des Arbeitgebers sein, dass zum Zeitpunkt x die Kurzarbeit endet, die reguläre Festanstellung wieder aufgenommen wird. Bei Selbstständigen sind dokumentierte Auftragseingänge ein Äquivalent.

Eine weitere Möglichkeit: die Kosten minimieren, etwa durch Untervermietung eines Zimmers. „Der Vermieter muss dem zwar zustimmen“, heißt es vom Deutschen Mieterbund. „Bei einem berechtigten Interesse und einer nur vorübergehenden Untervermietung ist das Recht aber in der Regel auf der Seite des Mieters.“

Darüber hinaus ist die Beantragung von Wohngeld anzuraten. Allerdings ist diese Zuwendung nur ein Zuschuss. Je nach Miethöhe entlastet sie mehr oder weniger. Notfalls bleiben andere staatliche Unterstützungsleistungen, etwa die Grundsicherung. Zwar wünscht sich das niemand. Aber es ist immer noch besser, als Ende des Sommers auf der Straße zu sitzen.

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