Gleichstellung in der Wissenschaft : Die Karrierehelferin

Von vier Professuren ist nur eine von einer Frau besetzt. Das zu ändern ist nur eine der vielen Aufgaben von Frauenbeauftragten an Hochschulen.

Das Vorbild. Lise Meitner war 1926 die erste außerordentliche Professorin an der Berliner Universität.
Das Vorbild. Lise Meitner war 1926 die erste außerordentliche Professorin an der Berliner Universität.Foto: S. Schwartz/HU

Von 9 bis 12 Uhr: Vorbereitung und Sitzung der Kommission für Frauenförderung, um über die Mittelvergabe aus dem Gleichstellungsfonds der Berliner Humboldt-Universität (HU) zu entscheiden; 12 bis 13 Uhr: Treffen mit der HU-Vizepräsidentin für Studium und Lehre sowie Studierenden. Danach eine Stunde Gespräch mit der eigenen Stellvertreterin. 14 bis 16 Uhr: Plenum der 36 dezentralen HU-Frauenbeauftragten. Im Anschluss E-Mails beantworten bis in den späten Abend. Nein, die Arbeit von Ursula Fuhrich-Grubert ist kein Nine-to- five-Job. Seit zehn Jahren ist sie die zentrale Frauenbeauftragte an der HU. „Mein Ziel ist, Gleichstellung als Selbstverständlichkeit an der Universität zu etablieren“, sagt die promovierte Historikerin.

Als sie ihre Stelle im August 2009 antrat, brachte sie eine Menge Erfahrung mit: Sie war vorher stellvertretende zentrale Frauenbeauftragte an der Freien Universität Berlin sowie zentrale Frauenbeauftragte an verschiedenen Berliner Hochschulen: der Fachhochschule für Verwaltung und Rechtspflege, der Hochschule für Wirtschaft und Recht und der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“.

Die Frauenbeauftragte ist überall dabei

An der HU ist ihr Aufgabenfeld groß. Als Frauenbeauftragte ist sie in zahlreichen Gremien der HU vertreten, etwa im Kuratorium, dem Akademischen Senat sowie der Entwicklung- und Planungskommission. Sie nimmt an Sitzungen von Berufungskommissionen teil, jenen Gremien, die Kandidaten für zu besetzende Professuren finden wollen. „Sollten auf einer Berufungsliste nur Männer vertreten sein, ist es meine Aufgabe zu intervenieren“, sagt sie. Das komme schon noch des Öfteren vor, etwa in männerdominierten Fächern wie Physik oder Informatik. „Dies lässt sich nicht immer vermeiden, es muss allerdings sehr gut begründet sein, warum keine Wissenschaftlerinnen darauf zu finden sind“, sagt sie. Ihre Aufgabe sei es dann nicht zuletzt diese Begründungen einzufordern, denn: „Gleichstellung bedeutet auch, den Frauenanteil in jenen Bereichen zu steigern, in denen Frauen unterrepräsentiert sind“, sagt sie.

Bundesweit ist es für Frauen immer noch schwierig, bis zur Professur aufzusteigen. Auf dem Weg von der Promotion über die Postdoc-Phase bis hin zur Professur nimmt ihr Anteil stetig ab. Nur ein Viertel der Lehrstühle sind an Deutschlands Hochschulen von Frauen besetzt. Immerhin: Die HU schneidet mit einem Professorinnenanteil von mehr als 32 Prozent überdurchschnittlich gut ab, bei Fuhrich-Gruberts Amtsantritt waren es noch 16 Prozent. „Es hat sich etwas geändert im Bewusstsein von vielen Menschen an der HU, Chancengleichheit und Vielfalt werden immer wichtiger“, sagt sie. Dieser Kulturwandel wird auch anschaulich gemacht: Seit Oktober 2014 steht im Ehrenhof der Universität ein Denkmal für die Naturwissenschaftlerin Lise Meitner. Es ist das erste öffentliche Denkmal für eine Wissenschaftlerin bundesweit, wie die Mitinitiatorin Fuhrich-Grubert anmerkt. Meitner war die erste Frau, die 1926 an der Berliner Universität eine Professur übernommen hat.

Seit fast zehn Jahren gibt es ein Familienbüro

Zuständig ist Fuhrich-Grubert, die ein Team von bis zu zwölf Mitarbeiterinnen leitet, noch für viele andere Bereiche. So hat sie im Jahr 2010 das Familienbüro gegründet, das HU-Angehörigen bei allen Fragen rund das Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie helfen soll. Auch als Karriereberaterin steht sie bereit, für Doktorandinnen genauso wie für Professorinnen. Für letztere hat ihr Team auch ein Leadership-Programm entwickelt, das Wissenschaftlerinnen ein Jahr lang Workshops, Einzelcoachings oder Netzwerktreffen anbietet. „Es geht darum, sie mit einander zu vernetzen, sie aber auch zu unterstützen, sich in Leitungspositionen in Wissenschaft und akademischer Selbstverwaltung, etwa als Dekanin oder als Sprecherin großer Forschungsverbünde, zu etablieren“, sagt sie.

Auch zu den Themen sexualisierte Diskriminierung und Gewalt sowie Mobbing und Stalking gibt Fuhrich-Gruberts Team Ratschläge. „Sexualisierte Diskriminierung und Gewalt sind tabuisierte Themen und richten sich vor allem gegen junge Frauen“, sagt sie. Beispiele dafür wurden ihr in ihrem beruflichen Leben zahlreiche geschildert – zum Beispiel von jener Wissenschaftlerin, die von ihrem Professor gemobbt wurde, sich aber nicht an die dezentrale Frauenbeauftragte wenden konnte, da diese die Sekretärin des Professors war. So wandte sie sich an Fuhrich-Grubert. Oder eine Professorin, die sich in ihrem Institut diskriminiert fühlte und dann zu ihr kam. Der Umgang mit solchen Fällen ist an der HU in einer Dienstvereinbarung und Richtlinie für ein respektvolles Miteinander genau beschrieben. „Ich verstehe mich als Anwältin der Betroffenen“, sagt die Frauenbeauftragte. Sie hört ihnen zu, sichert ihnen Vertraulichkeit zu und bespricht dann mit ihnen die Möglichkeiten, wie sie weiter damit umgehen können. Prinzipiell überlasse sie die Entscheidung der Betroffenen: „Ich kann die Sache auf sich beruhen lassen oder ich gebe das weiter, etwa an die Personalabteilung oder an die Universitätsleitung, je nachdem, welche Position der oder die Beschuldigte an der HU innehat“, sagt sie. Mit der Entwicklung auf dem Gebiet der Chancengleichheit an der HU ist die Frauenbeauftragte zufrieden. Immerhin: Die Hälfte der Mitglieder des Präsidiums und der Abteilungsleitungen sind heute Frauen, freut sich Fuhrich-Grubert.

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