Großbank übernimmt Fintech : ING Diba kauft Berliner Kreditportal

Die Direktbank kauft Lendico. Das Start-up vermittelt Kredite an kleine und mittlere Unternehmen.

Die Gründer von Lendico: Christoph Samwer, Dominik Steinkühler und Clemens Paschke (von links nach rechts). Heute ist nur noch Paschke im Unternehmen, er ist Geschäftsführer.
Die Gründer von Lendico: Christoph Samwer, Dominik Steinkühler und Clemens Paschke (von links nach rechts). Heute ist nur noch...Foto: Lendico

Den Samwer-Brüdern kann man eines nicht absprechen: Ihr Gespür für Trends. 2013, als die Fintech-Szene noch jung war, gründeten sie einen Kreditmarktplatz unter dem Dach ihrer Start-up-Fabrik Rocket Internet. Lendico, nach dem englischen to lend für verleihen benannt, vermittelte zunächst Kredite zwischen Privatleuten, wechselte dann aber das Geschäftsgebiet. Heute ist die Berliner Plattform auf Darlehen für kleinere und mittlere Unternehmen spezialisiert.

Das macht Lendico interessant für einen der Großen in der Bankenlandschaft. Die ING Diba, die mit Tagesgeldkonten für Privatkunden groß geworden ist, will bis zum Jahr 2022 zu den fünf größten Firmenkundenbanken aufsteigen. Derzeit bewegt man sich zwischen Platz acht und zehn. Um den Sprung nach oben zu schaffen, soll Lendico helfen: Am Montag teilte die ING Diba mit, dass sie mit der Übernahme des Berliner Start-ups ihr Geschäft mit Firmenkrediten ausbauen will.

ING Diba will Firmengeschäft ausbauen

„Mit dem Erwerb gewinnen wir die Zielgruppe der kleinen und mittleren Unternehmen hinzu“, sagte der Deutschlandchef der ING Diba, Nick Jue, am Montag. Die Bank will die ECommerce Holding II kaufen, deren wichtigste Beteiligung Lendico ist. Zum Kaufpreis äußerte sich die Bank nicht. Das Vorhaben sei aber bereits beim Bundeskartellamt angemeldet, man rechne mit einer Entscheidung innerhalb von vier Wochen. Bei der Wettbewerbsbehörde war jedoch am Montag noch kein entsprechender Antrag eingegangen.
Mit dem Berliner Unternehmen kommt die ING Diba an eine Kundschaft heran, die bisher bei der Direktbank eher seltener anzutreffen ist. Der durchschnittliche Lendico-Kunde kommt nach „Handelsblatt“-Informationen auf einen Umsatz von 2,6 Millionen Euro, nimmt einen Kredit über 120.000 Euro auf und beschäftigt fünf bis zehn Mitarbeiter. In Deutschland liegt die Kreditgrenze derzeit bei 250.000 Euro, in der Schweiz bei 500.000 Franken.

Lendico ist von Rocket Internet zum Hedgefonds Arrowgras gewechselt

Im vergangenen Jahr verließ das Unternehmen Rocket Internet und wurde mehrheitlich an den britischen Hedgefonds Arrowgrass verkauft, schreibt das „Handelsblatt“. Als die ING Diba Interesse an Lendico signalisiert habe, sei Arrowgrass die Entscheidung zum Verkauf nicht schwer gefallen, zitiert das Wirtschaftsblatt Finanzkreise. Nach Informationen von „Finanz-Szene.de“ ist Lendico nie so recht in Schwung gekommen. 2016 hätten die Samwers eine „Wertminderungsaufwendung“ von 19,5 Millionen Euro vornehmen müssen, das Neugeschäft in Spanien, Polen und Südafrika sei wieder eingestellt worden. Das Unternehmen selbst veröffentlicht seit 2014 keine aktuellen Geschäftszahlen mehr. Einzig im vergangenen Herbst verkündete Lendico, dass man Kredite im Umfang von fünf Millionen Euro monatlich vergebe. Nach Berechnungen von „Finanz-Szene.de“ würden jedoch gerade einmal zwei Kredite täglich vermittelt.

Interessant ist die Technik

Dennoch ist die Kreditplattform für die ING Diba interessant. Weniger wegen der Kundendatei, sondern vor allem wegen der Technik. Indem die Bank mit dem Unternehmen dessen Technologie übernimmt, spart sie ein bis zwei Jahre, die nötig gewesen wären, um eine eigene Plattform auf die Beine zu stellen. Beim Bankenverband rechnet man damit, dass Banken und Fintechs weiter zusammenwachsen. „Für die Fintechs ist es nicht so einfach, in der Finanzszene Fuß zu fassen, und die Banken kaufen über die Fintechs die Technik ein“, sagt Thomas Schlüter vom Bundesverband deutscher Banken. Jede große Bank habe eine Zusammenarbeit mit einem Finanz-Start-up - über Joint-ventures oder Inkubatoren.

Die ING Diba ist besonders aktiv

Besonders aktiv ist hier die ING Diba. Die Direktbank arbeitet bereits mit dem Robo-Advisor Scalable Capital und dem Versicherungsmakler Clark zusammen. Mit der Übernahme von Lendico geht die Bank jetzt jedoch einen Schritt weiter: Lendico ist der erste große Kauf eines Fintechs, einer jungen Digitalfirma im Finanzsektor, durch eine führende Bank hierzulande. Zwar hatte 2016 bereits die Privatbank Hauck & Aufhäuser den Robo-Advisor Easyfolio übernommen, die ING Diba spielt aber in einer anderen Liga und könnte so eine Trendwende im Finanzbereich markieren.

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