Güterverkehr der Deutschen Bahn : "Schienentransporte so einfach wie Online-Shopping"

Sigrid Nikutta, die neue Chefin der DB Cargo, will bis 2030 jedes Jahr 25 Millionen LKW-Ladungen auf die Schiene bringen.

Derzeit nur zu einem Bruchteil ausgelastet: Das einst schlagkräftige Netz der DB Cargo.
Derzeit nur zu einem Bruchteil ausgelastet: Das einst schlagkräftige Netz der DB Cargo.Foto: picture alliance/dpa

Sigrid Nikutta hat sich die schwierige Sanierung der größten Güterbahn Europas sicher anders vorgestellt. Kaum einen Monat nach ihrem Antritt als neue Vorstandsfrau für Logistik bei der bundeseigenen Deutschen Bahn AG und Chefin der DB Cargo AG legte die Corona-Pandemie immer mehr Transportgeschäfte lahm. „Eine außergewöhnliche Zeit“, sagt die vormalige Leiterin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG).

Die Krise hat für die 51-jährige Managerin indes auch etwas Gutes, denn der Fern-, Regional und Güterverkehr auf der Schiene habe seine Systemrelevanz gezeigt: „Die DB hat sich extrem bewährt, das war ein richtiger Leistungsbeweis.“

Die promovierte Psychologin nutzte am Donnerstag ihre erste große Telefonpressekonferenz mit Medienvertretern, für eine neue Ära des umweltschonenden Schienengüterverkehrs zu werben. DB Cargo habe für den Klima- und Umweltschutz „immense Bedeutung und große Verantwortung“. Jede Tonne Fracht, die von der Straße auf Züge verlagert werde, sorge für 80 Prozent weniger Belastung mit CO2-Schadstoffen. Da gebe es „ein unglaubliches Potenzial“, besonders auf längeren Strecken.

Der Ausbau der Bahntransporte sei daher „eine der am schnellsten umsetzbaren Klimaschutz-Maßnahmen“, sagt Nikutta. Denn das nötige Netzwerk dafür sei schon da: der Einzelwagenverkehr der DB als „grüne Alternative zum Lkw auf der Straße“.

Nur noch zu einem Bruchteil ausgelastet

Dieses umweltfreundliche und exzellent ausgebaute Transportsystem für alle Güter sei „ein enormes Pfund, auf das wir stolz sein und mit dem wir wuchern können“. Das Problem allerdings: Dieses einst schlagkräftige Netzwerk aus noch neun großen Rangierbahnhöfen und 2500 von einst mehr als 13.000 Verladestellen ist nur noch zu einem Bruchteil ausgelastet und deshalb extrem verlustreich. „Wir könnten das Vier- oder Fünffache an Transporten schaffen“, sagt Nikutta.

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Dafür soll nun eine ehrgeizige Wachstumsoffensive sorgen. Auch im Kombi- und Ganzzugverkehr soll DB Cargo nach Jahren des Schrumpfkurses, gescheiterter Sanierungen, tiefroter Zahlen und massiven Missmanagements endlich wieder zulegen und Kunden nicht länger durch Unzuverlässigkeit und fehlende Kapazitäten enttäuschen. Unter den europaweit knapp 30.000 Cargo-Beschäftigten herrsche Aufbruchstimmung wie seit Langem nicht mehr, berichten Betriebsräte, nachdem Nikutta in den letzten Monaten an vielen Stellen im Konzern am Ort war. Dabei traf sie auch alte Bekannte. Denn schon von 2001 bis 2010 war die Managerin bei DB Cargo. Besonders gut kommt an, dass sie wieder mehr Kompetenzen in die Regionen verlagert, damit anders als bisher auch garantiert zeitnah Lokführer da sind, um bestellte Züge pünktlich zu fahren.

Rund die Hälfte des Marktes an Konkurrenten verloren

Ein griffiges Ziel für alle hat die neue Chefin festgelegt. DB Cargo soll es bis 2030 schaffen, 25 Millionen Lkw-Fahrten pro Jahr von der Straße auf die Schiene zu verlagern. Diese enorme Zahl entspricht der Vorgabe der Bundesregierung und von Verkehrsminister Andreas Scheuer, bis dahin den seit Jahrzehnten drastisch gesunkenen Anteil der Schiene am Güterverkehr von aktuell kaum noch 19 auf wenigstens 25 Prozent zu steigern.

Allein kann der Staatskonzern das politische Ziel indes nicht schaffen. Denn der frühere Monopolist hat im Güterverkehr auf der Schiene seit der Bahnreform 1994 rund 50 Prozent des Marktes an zahlreiche Konkurrenten verloren, die Aufträge aus der Auto-, Stahl-, Agrar- oder Holzindustrie ergattert haben. Die Güterbahnen müssen weitere 25 Millionen Lkw-Ladungen pro Jahr gewinnen, wenn das politische Ziel tatsächlich erreicht werden soll.

Schienentransporte wie Online-Shopping

Die Wachstumsoffensive soll nicht zuletzt durch Innovation und Digitalisierung gelingen, wo der Güterverkehr wegen zu geringer Investitionen enormen Nachholbedarf hat. Auch hier hat Nikutta eine griffige Formel: „Wir machen Schienentransporte so einfach wie Online-Shopping.“ Dafür soll die neue Plattform Link to Rail sorgen, die bereits 150 Kunden nutzen. Wie beim Einkaufen per Klick könne man dort Güterwagen bestellen, den Standort der Ware orten oder das Ankunftsdatum sehen, schwärmt die Managerin. „Damit sind wir europaweit führend, der Durchbruch ist geschafft.

Voriges Jahr fuhr die Güterbahn ein Minus von mehr als 300 Millionen Euro ein und war der größte Verlustbringer im DB-Konzern, der nun weitere Milliardenhilfen vom Staat bekommt, dafür aber auch massiv sparen soll. „Das wird kein Sonntagsspaziergang.“

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