HNA-Chef Chen Feng : Der größte Aktionär der Deutschen Bank steht unter Druck

Über die HNA-Gruppe hält Chen Feng fast zehn Prozent an der Deutschen Bank. Jetzt gerät der Konzern unter Druck. Angeblich soll er Kredite nicht fristgerecht zurückzahlen.

Ning Wang
Erst hat Chen Feng eine Airline gegründet, inzwischen investiert er weltweit – zum Beispiel in die Deutsche Bank.
Erst hat Chen Feng eine Airline gegründet, inzwischen investiert er weltweit – zum Beispiel in die Deutsche Bank.Foto: picture alliance / Gao Lin/Imagi

Er ist ein Mann mit Macht, auch wenn man ihm das nicht sofort ansieht. Meist trägt Chen Feng schwarze Anzüge mit hohem Stehkragen: ein Outfit, das unter Intellektuellen in China beliebt ist, wenn sie sich von den ausländischen Geschäftsleuten mit Hemd und Krawatte unterscheiden wollen. Auch sonst geht Chen gerne andere Wege. Er rühmt sich damit, dass er klassische chinesische Literatur liest, sich mit Philosophie beschäftigt und das Gelernte durch tägliche Kalligrafieübungen vertieft. Dass es im Geschäft nur um Profit geht, hält er für ein Monster der westlichen Unternehmensführern, sagte er in einem seiner seltenen Interviews.

Kaum jemand würde auf die Idee kommen, dass jemand wie Feng einen Konzern wie die HNA Group leitet. Ein Unternehmen, das auf der Liste der umsatzstärksten Unternehmen weltweit auf Platz 170 landet. Dem etliche Airlines gehören, der Regionalflughafen Hahn, 25 Prozent an den Hilton Hotels - und fast zehn Prozent an der Deutschen Bank.

So beeindruckend Chens Aufstieg ist, so erschreckend sind doch die jüngsten Nachrichten. Wegen Liquiditätsengpässen gerät der Mischkonzern immer mehr in Bedrängnis. Mehrere Banken der Wall Street sollen sich gegenseitig darüber informiert haben, dass HNA Kredite nicht fristgerecht zurückzahlt. Chen hat bereits Probleme eingeräumt und das mit den Zinserhöhungen in der USA begründet. Viele Beobachter fragen sich nun, was los ist bei dem größten Einzelaktionär der Deutschen Bank.

HNA hat international expandiert

Reich geworden ist Chen mit Tourismus und Flughafendienstleistungen. Doch längst konzentriert er sich nicht mehr nur darauf. Im Jahr 2016 kamen zuerst der Bereich HNA Technologie und dann 2017 die HNA Innovation/Finanzen hinzu. Längst expandiert der Konzern weltweit. Mehr als 40 Milliarden Dollar hat sich Chen die Zukäufe außerhalb von China bereits kosten lassen. Allein für die Beteiligung an der Hilton-Gruppe zahlte sein Konzern in den USA 6,5 Milliarden Dollar. Seine Beteiligung an der spanischen Hotelgruppe NH soll derzeit 630 Millionen Euro wert sein. Für den weltgrößten IT-Dienstleister Ingram Micro gab HNA 6,1 Milliarden Dollar aus.

Dabei kaufte sich Chen fast immer zu Höchstpreisen ein – nach dem Motto, was teuer ist, muss auch gut sein. Bislang hatte er damit durchaus Erfolg gehabt. Das von ihm 1993 gegründete Unternehmen, einst nur eine kleine Fluggesellschaft im Süden Chinas, ist über die Jahrzehnte zu einem der weltweit größten Mischkonzerne aufgestiegen. Über 100 Milliarden Dollar setzt Chens Konzern jedes Jahr um. Damit ist er bereits größer als die Deutsche Telekom und etwa halb so groß wie Apple.

Chen hat die Unterstützung der Regierung

Geholfen haben Chen bei seinem Aufstieg unter anderem die guten Kontakte in die Politik. Bereits als er 1993 mit Hainan Airlines die erste private Fluglinie Chinas gründete, bekam er Unterstützung aus Peking. Auch war er der erste Unternehmer aus China, bei dem Star-Investor George Soros einstieg: Gleich zwei Mal investierte der Amerikaner in Chens Fluggesellschaft.

Wie andere Konzerne hat jedoch auch Chen sehr lange auf Wachstum auf Pump gesetzt. Immer wieder hat er neue Kredite aufgenommen. Risikokapital gab es in China schließlich stets genug. Doch nun zeigt sich die Kehrseite dieser Strategie. Inzwischen haben sich so viele Schulden angehäuft, dass der Konzern trotz hoher Profite die Kredite nicht mehr fristgerecht zurückzahlen kann. Bis Mitte des Jahres muss Chen 16 Milliarden Dollar zurückzahlen. Insgesamt sollen noch im ersten Quartal 65 Milliarden Yuan (8,3 Milliarden Euro) fällig werden. Bereits Ende vergangenen Jahres tat sich der Konzern deshalb schwer damit, an neue Kredite zu kommen. Zu dem Zeitpunkt soll HNA die Fristen für Kreditrückzahlungen bereits nicht mehr eingehalten haben. Zudem hieß es, der Konzern habe teilweise Leasingraten für Flugzeuge zu spät bezahlt.

Der Konzern verkauft Immobilien, um liquide zu werden

Um das Problem zu lösen, will der Konzern sich nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg in den nächsten Monaten von Vermögenswerten im Wert von 16 Milliarden Dollar trennen. In Sydney soll der Konzern bereits eine Gewerbeimmobilie für 165 Millionen Dollar an den US-Finanzinvestor Blackstone verkauft haben. Auch in Hong Kong, London und New York sind nach Angaben von Bloomberg bereits Verkäufe geplant.

Das zeigt, unter welchem Druck Chen steht. Zumal sich amerikanische Großbanken bereits aus allen Geschäften mit HNA zurückgezogen haben sollen. Selbst die renommierte Investmentbank Goldman Sachs ließ von Deals mit HNA ab: Zum einen drängte die US-Regierung auf mehr Transparenz. Zum anderen sind die Strukturen hinter HNA zu komplex geworden – angeblich gibt es Zweifel an der Eigentümerstruktur der Gruppe.

Hierzulande ist die Europäische Zentralbank ebenfalls misstrauisch geworden. Sie will prüfen, ob die HNA Gruppe mit ihrem Anteil von 9,9 Prozent an der Deutschen Bank nicht ein Inhaberkontrollverfahren durchlaufen müsste. Dabei würde geprüft werden, wer wie viele Anteile an der HNA Group hält und welche Interessen diese an der Deutschen Bank haben.

Deutsche-Bank-Beteiligung hat HNA über Kredite finanziert

Problematisch ist darüber hinaus, dass die HNA ihre Anteile an der Deutschen Bank durch Kredite und über Derivate von der Schweizer Großbank UBS finanziert hat. Zu verlieren gäbe es dabei eigentlich nichts, denn wenn der Kurs der Deutschen Bank unter eine bestimmte Grenze fiele, würde die UBS einspringen – klettert der Kurs, verdienen HNA und die UBS. Ist das also ein Zocken mit Sicherheitsnetz oder einfach eine innovative Finanzstrategie? Auch wenn Beobachter schon länger ein ungutes Gefühl hatten, kommt nun die Angst hinzu, dass sich die Beteiligung von HNA negativ auf die Aktie der Deutschen Bank auswirken könnte.

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Dabei ist das nur ein Teil des Problems. Dazu kommt nämlich noch die politische Entwicklung in China. Die Volksrepublik drängt Privatunternehmen seit einigen Monaten verstärkt dazu, Gelder nicht mehr ins Ausland zu verschieben, Investitionen außerhalb Chinas zurückzufahren und riskante Finanzierungsmodelle einzustellen. Bisher hat sich Peking bei der HNA allerdings zurückgehalten – anders als bei anderen privaten Unternehmen aus China wie Wanda Group oder Fosun. Trotzdem sorgt die Entwicklung auch bei dem Großaktionär der Deutschen Bank für Unsicherheit. Dabei hat das Institut bereits genug eigene Probleme.

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