• Hochschulen sollen über Tarif zahlen: Mit welchen Gehältern KI-Experten in Deutschland gehalten werden sollen

Hochschulen sollen über Tarif zahlen : Mit welchen Gehältern KI-Experten in Deutschland gehalten werden sollen

Um KI-Talente konkurrieren Hochschulen und Forschungsinstitute mit Facebook, Google und Co. Künftig sollen sie ihnen mehr bieten können.

Anschub. Deutschland will seine KI-Forschungslandschaft konkurrenzfähig aufstellen.
Anschub. Deutschland will seine KI-Forschungslandschaft konkurrenzfähig aufstellen.Axel Heimken/dpa

Blickt man auf die finanziellen Möglichkeiten von Tech-Konzernen, haben deutsche Hochschulen und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen oft wenig anzubieten. Statt dem Rundum-sorglos-Paket inklusive Immobilien oder guter Schulen für die Kinder wird hier häufig nach Tarifen für den öffentlichen Dienst bezahlt.

Das soll sich nun ändern: Die Institute sollen mehr Flexibilität bei der Ausgestaltung der Gehälter bekommen. Eine erste Initiative der Länder im Bundesrat nimmt sich das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) vor. Langfristig dürften aber auch die anderen KI-Forschungszentren profitieren.

Die großen Forschungsgemeinschaften wie Fraunhofer, Max Planck, Leibniz und Helmholtz sind vom sogenannten Besserstellungsverbot befreit, nach dem Forscher nur ein Gehalt vergleichbar mit dem eines Bundesbeamten bekommen dürfen. Obwohl sie zum Großteil mit öffentlichen Geldern forschen, können die Institute die Gehälter aufstocken, um so auch die hart umkämpften Spitzenforscher anzulocken. Diese Ausnahme soll nun auch dem DFKI zugutekommen.

Wettbewerb um die besten Köpfe verschärft sich

Eine Entschließung des Bundesrates auf Initiative der DFKI-Sitzländer Saarland, Rheinland-Pfalz und Bremen will gleiche Rahmenbedingungen. Die Initiatoren, darunter der saarländische Digitalminister Ammar Alkassar (CDU), beobachten einen „zunehmenden Aufmerksamkeitsgewinn der Schlüsseltechnologie KI“. Die Ausweitungen der Forschungsaktivitäten auf nationaler und internationaler Ebene von privaten und staatlichen Einrichtungen habe dazu geführt, dass sich der „Wettbewerb um die besten Köpfe“ seit einigen Jahren „deutlich verschärft“ habe. Alkassar geht es um „wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen“. „Wir drängen da schon lange drauf“, sagt DFKI-Chef Antonio Krüger.

Das DFKI gibt es zwar schon seit 1988, das Besserstellungsverbot erst seit 2012, aber gerade in den vergangenen Jahren habe der Wettbewerb im Bereich Künstliche Intelligenz deutlich angezogen. „Das Gehalt ist zwar nicht alles, aber wir benötigen mehr Flexibilität, um auf die Bedürfnisse einzelner Forscher eingehen zu können“, meint Krüger. „Wir haben schon Wissenschaftler verloren, weil wir in puncto Gehalt so unflexibel waren.“

US-Doktorand verdient so viel wie ein Professor hier

Nicht allein das DFKI spürt den Druck. Gerade im Machine Learning sei der Markt wie „leer gefegt“, beobachtet Fabian Theis, Professor für Mathematische Modellierung biologischer Systeme an der TU München, der gerade für die Helmholtz-Gemeinschaft den KI-„Knoten“ München aufbaut und dafür zahlreiche Wissenschaftler sucht. Seine Message an die jungen KI-Talente: „Helmholtz hat die großen Datensätze, hier kann man zu gesellschaftlich relevanten Fragen forschen.“

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Er nennt die Gehaltsstrukturen für KI-Forscher in Deutschland aber „im negativen Sinne verrückt“. „Zum Vergleich: In einschlägigen Firmen an der amerikanischen Westküste verdient ein Doktorand so viel wie ein Professor hier“, sagt Theis. „Und Einstiegsgehälter für fertige Doktoranden sind locker doppelt bis dreimal so hoch wie die Professorengehälter bei uns.“

Selbst die erweiterten Möglichkeiten, die eine vom Besserstellungsverbot ausgenommene Forschungsgemeinschaft wie Helmholtz hat, kommen also an ihre Grenzen. Entscheidend sei, dass man schon dem wissenschaftlichen Nachwuchs, also den Doktoranden und Postdocs, ein gutes Angebot machen könne, ist Theis überzeugt.

Teil der nationalen KI-Strategie

Das Programm der Humboldt-Stiftung, ein zentraler Baustein der nationalen KI-Strategie, setzt hingegen bei den oberen Gehaltsklassen an. Die Stiftung sichtet derzeit wieder sieben Nominierungen für die vom Bund geförderten KI-Professuren und will darüber im Herbst entscheiden. Vorgeschlagen werden die Personalien von den Universitäten.

Von der Stiftung erhalten sie ein Preisgeld von fünf Millionen Euro. Aus diesem Topf dürfen die Universitäten auch die landesüblichen Gehälter der KI-Professoren aufstocken, bisher um maximal 180.000 Euro, künftig sollen die Universitäten sogar bis zu 250.000 Euro pro Jahr drauflegen können.

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Speziell für das DFKI soll bis Ende des Jahres eine Lösung her, auf Arbeitsebene ist man schon in Gesprächen. Ende Juni wurde eine Bund-Sitzländer-Arbeitsgruppe mit Vertretern des BMBF sowie aus Rheinland-Pfalz, Bremen und dem Saarland einberufen, die bis Ende des Jahres konkrete Vorschläge ausarbeiten soll. Ob dafür das Wissenschaftsfreiheitsgesetz – ein Bundesgesetz – geändert werden muss, oder eine andere Lösung denkbar ist, ist noch nicht klar.

Die "weicheren Faktoren" kommen später

Parallel dazu laufen derzeit nach Tagesspiegel-Informationen die Gespräche in der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) über die Zukunft der KI-Kompetenzzentren für Maschinelles Lernen an, auch dazu wurde eine Arbeitsgemeinschaft gegründet. Der Bund fördert die Kompetenzzentren in Berlin, Dresden/Leipzig, Dortmund/Bonn, Tübingen und München bisher über Projektmittel und will diese Förderung bis 2022 verdoppeln, darüber werden auch weitere KI-Professuren finanziert.

Perspektivisch wird aber eine Verstetigung der Förderung angestrebt, zusammen mit den Sitzländern – und womöglich eine ganz neue Organisationsform. Auch deshalb hat etwa Bayern im Bundesrat darauf gedrungen, dass ein etwaiger Deal zum DFKI keine negativen Konsequenzen für die Kompetenzzentren haben darf: „Mit der Schaffung des Ausnahmetatbestands für das DFKI werden Maßnahmen der strukturellen Stärkung an vergleichbaren KI-Zentren in Deutschland nicht negativ tangiert, sondern mittelbar befördert“, heißt es jetzt.

„Die Entschließung ist ein wichtiger erster Schritt auf dem Weg zu konkurrenzfähigen Gehältern“, sagt DFKI-Chef Antonio Krüger. Im zweiten Schritt müsse man sich aber auch den ‚weicheren‘ Faktoren widmen, die für ein gutes Arbeitsumfeld nötig sind. Die seien bei Google, Facebook & Co. ganz selbstverständlich Teil des Pakets.

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