Hongkong-Krise : Der Ruf nach Freiheit bringt die Wirtschaft ins Schwanken

Kunden bleiben weg, Unternehmen suchen Alternativen – der größte Finanzstandort Asiens bekommt Probleme. Doch auch China ist von der Metropole abhängig.

Ning Wang
Die Skyline von Hong Kong: Rund 60 Prozent der Direktinvestitionen nach China laufen über die Sonderverwaltungszone.
Die Skyline von Hong Kong: Rund 60 Prozent der Direktinvestitionen nach China laufen über die Sonderverwaltungszone.Foto: imago/Westend61

„In den ersten zehn Tagen vom August ist die Zahl der Touristen um mehr als 30 Prozent eingebrochen“, berichtete kürzlich Andrew Au, Wirtschaftsberater der Hongkonger Regierung. Tourismus und Einzelhandel machen bis zu 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Viele Festlandchinesen, die bisher in Massen zum Shoppen nach Hongkong kamen, haben ihre Reisepläne aufgrund der dort andauernden Proteste gestrichen.

Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres kam der Großteil der 27 Millionen Besucher in der Sonderverwaltungszone vom Festland. Besonders das Luxuswarensegment leidet darunter, dass die Käufer ausbleiben. Dort sind die Umsätze im Juni zweistellig eingebrochen. Auch die Umsätze des Einzelhandels sind im Juni um sieben Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum gefallen.

Zudem ist der Flughafen von Hongkong mit einer jährlichen Auslastung von fast 73 Millionen Passagieren einer der verkehrsreichsten weltweit und trägt fünf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Für die Woche, in der am 12. und 13. August der Flugverkehr durch die Demonstranten teilweise lahmgelegt wurde, schätzen Experten den Schaden auf 76 Millionen Dollar.

Ausgerechnet deutsche Unternehmen könnten davon stark betroffen sein. Die Außenhandelskammer (AHK) in Hongkong hat eine Blitzumfrage unter seinen Mitgliedern gestartet, denn viele deutsche Firmen sind in der Transport- und Logistikbranche tätig, sodass eine Störung des Luftverkehrs Schäden verursachen dürfte.

Demonstrierender Pilot suspendiert

Die Aktien der Hongkonger Fluggesellschaft Cathay Pacific fielen zeitweise auf den tiefsten Stand seit einer Dekade. Das zeigt die Dramatik und den Zwiespalt, in der die Unternehmen vor Ort stehen – seien es nun heimische oder ausländische. Die chinesische Bank ICBC hatte zum Verkauf der Aktie von Cathay geraten, nachdem die chinesische Flugaufsicht CAAC die Airline dazu aufforderte, keine Mitarbeiter und Piloten auf Flügen über den chinesischen Luftraum einzusetzen, die sich an den Protesten in Hongkong beteiligt hatten.

Die Fluggesellschaft suspendierte daraufhin einen Piloten. Zu groß war die Furcht vor Boykott-Aufrufen von chinesischen Kunden in den sozialen Netzwerken, und vor noch negativeren Folgen, sollte man nicht auf die Forderungen Pekings eingehen.

Max Zenglein, Leiter des Programms Wirtschaft beim Berliner China-Thinktank Merics sagt, dies habe eine Signalwirkung auf ausländische Unternehmen. Er sieht „die Politisierung der Geschehnisse als in höchstem Maße Besorgnis erregend. Durch starke wirtschaftliche Interessen werden Unternehmen gezwungen, ihre eigenen Mitarbeiter zu disziplinieren“, sagt Zenglein.

Die Demonstrationen sind sowohl für die Wirtschaft Hong Kongs als auch für die Chinas eine Gefahr.
Die Demonstrationen sind sowohl für die Wirtschaft Hong Kongs als auch für die Chinas eine Gefahr.Foto: dpa

Ausländische Unternehmen in Hongkong haben hinter vorgehaltener Hand ihren Mitarbeitern untersagt, an den Demonstrationen teilzunehmen. Zu groß ist die Ungewissheit über die Auswirkung auf ihre Geschäftstätigkeiten, sollte sie Pekings Zorn treffen. Siemens Chef Joe Kaeser hat in seiner Funktion als Vorsitzender des Asien-Pazifik-Ausschusses der deutschen Wirtschaft (APA) an die Konfliktparteien appelliert, aufeinander zuzugehen.

Mehr als 600 deutsche Unternehmen beschäftigen in Hongkong nach Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) etwa 40.000 Mitarbeiter. Die Unternehmen halten sich mit Stellungnahmen zurück. Die angespannte Lage hat nach Angaben einiger Großkonzerne wie Siemens, Adidas und BASF allerdings noch nicht dazu geführt, Investitionspläne zu ändern oder zurückzufahren.

Chinas neue Seidenstraße ist in Gefahr

Hongkong ist als Finanz- und Handelsmetropole unentbehrlich für Peking. Mehr als 60 Prozent der ausländischen Direktinvestitionen in die Volksrepublik laufen über Hongkong. Auch chinesische Firmen tätigen ihre Auslandsinvestitionen über Hongkong. Als Gründe dafür nennt Zenglein: „In Hongkong gibt es eine frei konvertierbare Währung, freie Kapital- und Warenflüsse und ein unabhängiges, funktionierendes Rechtssystem.“ Er weist aber auch darauf hin, dass die Bereitschaft, nach Hongkong zu gehen, rapide abgenommen habe. „An dem Tag, an dem das Militär dort einmarschiert, ist Hongkong als Handelsplatz tot“, warnt Zenglein.

Selbst der Traum des chinesischen Staats- und Parteichefs Xi Jinping, die ehemaligen und neuen Handelswege entlang der historischen Seidenstraße zu beleben, wäre in Gefahr. Über 80 Prozent der Seidenstraßenprojekt-Investitionen der chinesischen Regierung fließen noch über Hongkong. Auch haben viele chinesische Staatsunternehmen und reiche Privatleute ihr Kapital in Hongkong investiert oder untergebracht, da es dort nicht so strengen Kapitalverkehrsregulierungen unterliegt wie auf dem Festland.

Die Suche nach Alternativen beginnt

Die Unsicherheit der Anleger bildet der Hang Seng ab. Der Index der Hongkonger Börse ist seit April um mehr als 16 Prozent gefallen; der Hang Seng Properties Index, der die Immobilienbranche darstellt, ist um 19 Prozent gefallen. Je länger die Proteste andauern, desto mehr steht auf dem Spiel. Dabei galt die einstige britische Kronkolonie als Anziehungspunkt für ausländische Investoren, die jetzt immer öfter andere Standorte in Südostasien in Betracht ziehen, etwa Singapur oder Tokio.

Die Bilder von Massenprotesten sind ein herber Rückschlag für die Regierung Pekings. Gleichzeitig kämpft die Kommunistische Partei mit den USA einen unerbittlichen Handelskrieg aus und zu Hause schwächelt die Konjunktur. Die Proteste sind aber noch aus einem anderen Grund problematisch für Peking. Die „Keimstätte subversiver Ideen“ könnte zum Ende des einst von Deng Xiaoping eingeführten „Ein Land, zwei Systeme“ führen. Zwar hat die einstige britische Kronkolonie noch bis 2047 Sonderrechte, doch die führen bereits jetzt immer öfter zu unüberbrückbaren Streitigkeiten.

Die Alternativen, die Peking nun sucht, sind erste Anzeichen dafür, dass nicht mehr alles auf die Karte Hongkong gesetzt wird. Vor etwas mehr als einem Monat wurde in Schanghai eine eigene Technologiebörse eröffnet. Beim Hongkong-Nachbar Shenzhen wurden im Juli am Flughafen die internationalen Direktflüge von zuvor 50 auf 100 erhöht, um einen Ausweichort zu Hongkong zu schaffen. Am Himmel von Hongkong sieht man die Leuchtreklamen der dort ansässigen Firmen an den Hochhäusern glänzen. Sie stellten einst die Leuchttürme der Hafenstadt dar. Doch die Strahlkraft hat durch das Kräftemessen mit Peking mittlerweile deutlich nachgelassen.

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