30 Jahre Deutsche Einheit : Denkmal wird zum Jubiläum nicht fertig

Bau der Großplastik „Bürger in Bewegung“ beginnt frühestens im September 2019.

This handout undated computer simulation released on February 14, 2017, shows the Monument to Freedom and Unity (Einheitswippe) designed by the German Milla & Partner agency and German choreographer Sasha Waltz. The concept entitled "Citizens in Motion" will finally be realized in the center of the German capital, near the rebuilt city castle. The 50 meters long monument is animate and is not to be approached merely as an object for contemplation - the intention is that it be entered and set in motion, movement being achieved by visitors working together as a group. / AFP PHOTO / Milla & Partner / HO / RESTRICTED TO EDITORIAL USE - MANDATORY CREDIT "AFP PHOTO / MILLA & PARTNER " - NO MARKETING - NO ADVERTISING CAMPAIGNS - DISTRIBUTED AS A SERVICE TO CLIENTS
This handout undated computer simulation released on February 14, 2017, shows the Monument to Freedom and Unity (Einheitswippe)...Foto: AFP

Die Stuttgarter Kreativagentur Milla & Partner geht jetzt an die Detailplanung zur Errichtung des Freiheits- und Einheitsdenkmals am Humboldt Forum in Berlin. Im September könnte frühestens nach Informationen dieser Zeitung mit dem Bau zwischen Schlossfreiheit und Kupfergraben begonnen werden. Milla & Partner nennt auf Anfrage noch keinen offiziellen Termin des Baubeginns. Die Agentur ist noch mit Ausschreibungen beschäftigt.

Zuvor gab es ein langes Gezerre um den richtigen Standort, etliche Debatten im Deutschen Bundestag und eine mehrfach vertagte Mittelfreigabe durch den Haushaltsausschuss.

Ursprünglich war die Einweihung des Denkmals zum 30. Jahrestag der Friedlichen Revolution im Herbst 2019 geplant. Nun könnte es November 2021 werden, denn mindestens zwei Jahre sind für die Realisierung zu veranschlagen. Dass der Bau am 30. Jahrestag der Deutschen Einheit am 3. Oktober 2020 fertig sein wird, ist ausgeschlossen.

"Waage" statt "Wippe"

Ob der Bau in zwei Jahren gelingt und im Herbst begonnen werden kann, hängt auch vom Verlauf der Bauarbeiten an der U-Bahnlinie 5 ab. Die neue U5 schließt die Lücke zwischen Alexanderplatz zum Brandenburger Tor. Die neue Tunnelstrecke führt unter der Spree und dem Humboldt Forum (Berliner Schloss) hindurch.

Doch nicht nur auf dieser Baustelle herrscht Hochbetrieb. Mit Blick auf die Logistik der Baustelle spielt auch die Fertigstellung des Humboldt Forums eine große Rolle. Ob die Bauarbeiten 2019 abgeschlossen werden können, ist einmal mehr fraglich.

Bereits 2011 waren Milla & Partner mit ihrem gemeinsam mit der Choreografin Sasha Waltz entwickelten Entwurf „Bürger in Bewegung“ siegreich aus einem Wettbewerb für das Einheitsdenkmal hervorgegangen, der vom Volksmund – oder waren es die Medien? – „Einheitswippe“ getauft wurde.

Auslober des Wettbewerbs waren der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien sowie das Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung. Agenturchef Johannes Milla spricht statt „Wippe“ lieber von einer „Waage“, die dem Konstruktionsprinzip der Großplastik eher zu entsprechen scheint: Treten mehr als fünfzig Menschen auf eine Seite der riesigen begehbaren Schale über dem historischen Sockel des Reiterstandbilds von Kaiser Wilhelm I., neigt sich diese zu einer Seite. Durch ein Feder- und Dämpfersystem ist sichergestellt, dass die Schale sich nur langsam bewegt. Die Außenseite wird mit Leichtmetallpanelen verkleidet und nachts von unten angeleuchtet.

Stahlnetze sollen verhindern, dass jemand unter die "Waage" kommt

Damit hier niemand unter die Waage kommen kann, sind Stahlnetze vorgesehen. Ein Teilbereich unterhalb der Schale wird zwar zugänglich sein, doch im kritischen Bereich kann niemand eingeklemmt oder gequetscht werden: Die Netze bewegen sich flexibel mit der Schale mit. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass vor dem Stahlnetz Obdachlose ein regengeschütztes Camp aufschlagen könnten. Denn zwischen dem Stahlnetz – der zweiten Sicherheitsebene – und dem baugesetzlich vorgeschriebenen 90 Zentimeter hohen Zaun ist noch Platz. Dies Zone ist allerdings in der Nacht voll beleuchtet und vergleichsweise ungeeignet, um sich dort zur Ruhe zu legen.

Die Schale – das bewegliche Hauptelement – wird mittig auf einer Konstruktion, die einem Tisch ähnelt, gelagert: sieben Tiefbohrpfähle werden im Boden verankert – 40 Meter lang und 1,5 Meter im Durchmesser.  Die gesamte Tragkonstruktion erstreckt sich über eine Längs- und Querachse von 50 und 18 Metern. Die Tragkonstruktion ist vom Gewölbe statisch entkoppelt.

„Das Denkmal ist eine soziale Plastik. Das metaphorisches Bild ist das Bild einer Waage. Es sind die Interaktionen der Menschen, die das Denkmal zum Leben erwecken. Durch ihre gemeinsame Aktivität verändert sich der Ausdruck“, sagt auf Anfrage Sebastian Letz, Kreativdirektor bei Milla & Partner.

Nur eine Informationstafel geplant

Weil das Deutsche Historische Museum (DHM) räumlich in unmittelbarer Nähe liegt, glaubt man auf umfangreiche Erläuterungen in Form von Tafeln am Standort des neuen Denkmals verzichten zu können, zumal das DHM eine Überarbeitung seiner Ausstellungen anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls plant. Neben der vor stadtbildprägenden Orten in Berlin obligatorischen Informationstafel wird es aber eine Internetpräsenz des neuen Denkmals geben. Die Gespräche laufen nach Informationen des Tagesspiegels.

Eine Be- oder Überwachung des Denkmals ist weder durch den Bund noch durch das Land vorgesehen. Eine Videobeobachtung oder Polizisten am Standort eines Denkmals, dass der Freiheit und der Deutschen Einheit gewidmet ist, widerspräche letztlich dem gesamten Vorhaben. So dürften Graffiti-Sprayer an diesem Ort ein leichtes Spiel mit ihren Farbdosen haben.

Ob die jährlich kalkulierten Kosten in Höhe von 150.000 Euro und notwendige Bauunterhaltsarbeiten alle fünf bis zehn Jahre in Höhe von rund 40.000 Euro (jährlich) ausreichen, um die Spuren der Nächte (und Tage) zu beseitigen, wird erst der laufende Betrieb des Denkmals zeigen.