Am Erkelenzdamm : „Dieser Liegenschaftsfall wird in die Geschichte eingehen“

Die Kreuzberger Firma Enderlein will ihren Standort an ein Start-up verkaufen. Baustadtrat Schmidt ist dieser Wandel suspekt.

Enderlein-Stammhaus. Hier soll auch künftig produzierendes Gewerbe ansässig sein, wenn es nach dem Bezirk geht.
Enderlein-Stammhaus. Hier soll auch künftig produzierendes Gewerbe ansässig sein, wenn es nach dem Bezirk geht.Foto: Enderlein

Die Verträge sind unterschrieben, der Umzugswagen ist bestellt. Ein Digitalunternehmen ist auf dem Sprung nach Berlin, 30 neue Arbeitsplätze im Gepäck. Doch plötzlich stehen die Signale auf Rot. Der Kreuzberger Baustadtrat Florian Schmidt blockiert das Verfahren. Zum 1. Juli wollte Hansjoachim Salbach mit seiner Firma Enderlein das bisherige Stammhaus am Erkelenzdamm 3 verlassen zugunsten eines Digital-Dienstleisters aus Thüringen. Für das Traditionsunternehmen, einst spezialisiert auf die Herstellung von Kulturtaschen – besser bekannt als Kulturbeutel – ist das Gebäude zu groß geworden. Salbach will sein Erbbaurecht auf dem landeseigenen Grundstück veräußern.

Eigentlich schien alles geregelt. Der Vertrag war nach monatelangen Vorgesprächen mit den Behörden und der Wirtschaftsfördergesellschaft Berlin Partner fixiert, der Bezirk war seit Oktober 2017 über die Verkaufsabsichten informiert. Die Wirtschaftssenatsverwaltung hatte bereits im Februar schriftlich ihre Zustimmung erteilt. Als Nutzungsbindung wurde die „Erbringung von Dienst-, Entwicklungs- und Beratungsleistungen auf dem Gebiet der Informations- und Kommunikationstechnologien“ festgelegt.

Dann plötzlich die Wende: Die Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM), die sich um die rund 4700 landeseigenen Liegenschaften kümmert, stellte per Mail am 3. Mai das Signal auf Stopp. „Nach sorgfältiger Abwägung in Abstimmung mit dem Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg“ habe man den Beschluss getroffen, dem Standort „prioritär eine produzierende gewerbliche Nutzung zuzuordnen“. Am aktuellen Nutzungszweck sei unbedingt festzuhalten.

Bezirk versteift sich auf produzierendes Gewerbe

Produzierendes Gewerbe statt digitaler Transformation? Firmenchef Salbach, wundert sich sehr über die Volte der Behörden. In seiner Branche hat er über die Jahrzehnte miterleben müssen, wie die Produktion von Textilien, Schuhen und Taschen nach Osteuropa und Fernost abgewandert ist. Am Erkelenzdamm hat die Firma Enderlein einst bis zu 80 Näherinnen beschäftigt. Das Unternehmen war die Nummer eins in Deutschland. Als die Aufträge für Kulturtaschen weniger wurden, nahm Hansjoachim Salbach noch Kosmetikspiegel als Handelsware in sein Sortiment. Die Angebotspalette wandelte sich zusehends in Richtung exklusive und modische Reise- und Badeaccessoires. Der Handelsanteil am Geschäft wuchs. Heute beliefert Enderlein Kunden in ganz Europa. Dazu gehören die großen Warenhausunternehmen und Parfümerien. Die Firma beschäftigt noch zehn Mitarbeiter. Die fünf Geschosse am Erkelenzdamm werden nicht mehr benötigt.

Das Unternehmen Enderlein wurde 1919 gegründet. Zum 100-jährigen Jubiläum ist nun eigentlich der Neustart mit Showroom und Verkauf in zentraler Lage geplant. Statt der bisher mehr als 1200 werden nur noch 120 Quadratmeter gebraucht. Enderlein ist ein weiteres Beispiel der Kreuzberger Metamorphose: Die klassischen Hinterhof-Manufakturen verschwinden. Es folgen Lofts, Ateliers oder auch digitale Dienstleistungen.

Dass sich der Bezirk Kreuzberg in diesem Fall auf produzierendes Gewerbe versteift, wirkt da wie ein Anachronismus. Das als Käufer des Erbbaurechts vorgesehene Unternehmen versteht sich als Start-up und hat sich der digitalen Transformation verschrieben. Für Unternehmen wie die Messe Düsseldorf oder Würth werden Internetseiten und Online-Konzepte entwickelt. 2006 in Jena gegründet, zählt das Unternehmen inzwischen 200 Mitarbeiter. Bis 2020 sollen weitere 100 hinzukommen. Für den Standort in Kreuzberg sind rund 30 Arbeitsplätze geplant.

Schmidt legt Widerspruch bei der BIM

Für zukunftsorientierte Digital-Unternehmen ist die Gegend um den Oranienplatz schon seit Jahren ein beliebter Standort. Kreativ-Agenturen mit Marketing- und Serviceangeboten tummeln sich dort. Ein weiterer Digital-Dienstleister würde gut dazu passen und den neuen Gründergeist in Kreuzberg stärken.

Zumal das Gebäude am Erkelenzdamm für produzierendes Gewerbe eigentlich ungeeignet ist. Am Haus gibt es nämlich keine Stellplätze. Die Firma Enderlein musste zu ihren Hochzeiten die beladenen Paletten auf dem Bürgersteig abstellen, wo sie dann auf öffentlichem Straßenland auf Lastwagen verladen wurden. Bei der Produktion von Internet-Inhalten sind solcherlei Ressourcen nicht nötig.

Platzfrage. Zu Hochzeiten musste Enderlein seine hergestellten Waren auf dem öffentlichen Straßenland verladen.
Platzfrage. Zu Hochzeiten musste Enderlein seine hergestellten Waren auf dem öffentlichen Straßenland verladen.Foto: Enderlein

Aus Sicht von Stadtrat Florian Schmidt stellt sich der Fall aber anders dar. Die Firma Enderlein gedenke, „das Erbbaurecht zum Höchstpreis an eine Web-Tech-Firma zu verkaufen“. Die könne damit aber nur etwas anfangen, wenn der Nutzungszweck geändert würde, worauf kein Rechtsanspruch bestehe. „Auf Basis unseres bezirklichen Gewerberaumkonzepts habe ich gemeinsam mit Wirtschaftsstadtrat Andy Hehmke Widerspruch bei der BIM eingelegt“, teilte Schmidt auf Facebook mit. Ziel müsse es sein, den wenigen Raum, der noch für produzierendes Gewerbe zur Verfügung stehe, zu erhalten.

Investor bedauert die Kehrtwende

Hansjoachim Salbach bestreitet, dass er mit dem Verkauf des Erbbaurechts einen Höchstpreis erzielen würde und setzt darauf, dass es doch noch zu einer einvernehmlichen Regelung kommt.

Schmidt hatte zuletzt einen neuen Gedanken ins Spiel gebracht: „Ideal wäre der Rückkauf des Erbbaurechts durch das Land Berlin.“ Der Senat habe einen Betrag von 50 Millionen Euro für den Ankauf von Gewerbeflächen bereitgestellt. Er sei im konstruktiven Gespräch mit Wirtschaftssenatorin Pop, sagte der Stadtrat. Welche Art von produzierendem Gewerbe ihm am Erkelenzdamm 3 genau vorschwebt, ließ er offen.

Der potentielle Investor sieht sich als Start-up-Gründer nicht im Widerspruch zu den Vorstellungen des Bezirkes. Man fördere soziale Projekte, unterstütze Flüchtlinge und finanziere Stipendien. Außerdem habe er geplant, das denkmalgeschützte Gebäude umfassend zu sanieren. Dass nach monatelangen Vorarbeiten auf der Grundlage der Zusage vom Februar nun eine Kehrtwende kam, sei „sehr schade“, sagte er dem Tagesspiegel.

Aber noch ist nicht aller Tage Abend: Stadtrat Schmidt hat kurzfristig einen Gesprächstermin angesetzt. Nach Redaktionsschluss trafen sich dort Vertreter der BIM, der verkaufsbereite Erbbauberechtigte Hansjoachim Salbach und der potentielle Käufer mit dem Dezernenten. Die auf Facebook von Schmidt abgegebene Prognose, „dieser Liegenschaftsfall wird in die Geschichte eingehen“, lässt jedenfalls Raum für künftige Entwicklungen.

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