Architektur und Stadtplanung : BAK warnt vor Freigabe der Honorarsätze

Sollte der EUGH die verbindlichen Honorarsätze für Architekten, Ingenieure und Stadtplaner kippen, gefährdet das die Baukultur. Ein Gastbeitrag.

Barbara Ettinger-Brinckmann
Hausbau. Wer billig plant, baut oft teuer.
Hausbau. Wer billig plant, baut oft teuer.Foto: dpa

Natürlich hat es einen Wert, sich in einem Gebäude oder Freiraum oder einem Quartier wohlzufühlen, effektiv arbeiten, schnell gesunden oder gut lernen zu können. Aber welchen Wert? Und kann man diesen bepreisen? Fest steht, dass die planerische Leistung maßgeblichen Anteil daran hat, wie gut oder schlecht wir unsere Umwelt gestalten. Das Planungshonorar macht zwar nur zwei Prozent der Lebenszykluskosten eines Gebäudes aus, die Planungsleistung hat aber 90-prozentigen Einfluss auf die Kosten. Am Honorar zu sparen kann also im Ergebnis schnell zu Mehrkosten führen, denn einfach gesagt, wer billig plant, baut teuer.

Deshalb verfolgt die erprobte Honorarordnung für Architekten und Ingenieure (HOAI) gemeinsam mit einem ganzen Bündel anderer geregelter Maßnahmen wie Berufsordnung, Fortbildungspflicht oder Qualifikationsnachweisen das Ziel, die Qualität von Planung als bedeutsame geistig-schöpferische und zugleich für den Laien schwer bewertbare Leistungen zu sichern. Dieses geschieht, indem einerseits eine hohe Qualifikation der Leistungserbringer eingefordert und laufend überprüft wird, aber eben auch dadurch, dass Schlechtleistungen aufgrund von Dumpingangeboten weitgehend verhindert werden.

Ähnliches gilt für die Leistungen anderer Freier Berufe, wie Ärzte, Rechtsanwälte oder Steuerberater. Wir bezahlen mit einem angemessenen Honorar für eine Leistung, auf deren inhaltliche Qualität wir vertrauen müssen, weil wir sie nur ansatzweise beurteilen können, deren Auswirkung auf unser Leben hingegen aber enorm ist und wir sie täglich spüren. Denn die Gestaltung der Lebensräume, ob in der eigenen Wohnung, im eigenen Garten, in der Stadt oder in der Landschaft, ist gerade kein reines Wirtschaftsgut, sondern Ausdruck von Kultur. Nur wenn das im Mittelpunkt steht, lässt sich begründen, warum die Planung nicht allein den Marktgesetzen unterworfen werden darf.

Alle, die – ob einmal im Leben oder mehrfach – gebaut haben, werden die (letztlich zeit- und bürokratiesparenden) Vorteile der HOAI mit ihrem transparenten Preissystem zu schätzen wissen, einschließlich des nachvollziehbaren Leistungskataloges gerade bei einer so komplexen Aufgabe wie dem Planen und Bauen.

Es geht um Qualität

Aber die Europäische Kommission sieht das anders und hat Deutschland vor dem Europäischen Gerichtshof verklagt mit dem Ziel, die verbindlichen Mindest- und Höchstsätze der HOAI abzuschaffen und alle Planungsleistungen dem freien Wettbewerb auszusetzen. Erstaunlich schlicht argumentiert die Kommission, dass beispielsweise die in Deutschland niedergelassene Architektin aus Portugal oder der Stadtplaner aus Rumänien bei der Bewerbung um einen Planungsauftrag in Deutschland benachteiligt würden, weil sie maßgeblich über die Qualität und eben nicht allein über den Preis konkurrieren müssten. Ein in sich stimmiges und funktionierendes Honorierungssystem für Planungsleistungen wird einer Dienstleistungsfreiheit geopfert, die an keiner Stelle jemals gefährdet war. Die HOAI bezieht sich auf einen ganz bestimmten Ausschnitt von Bausummen und ermöglicht mit vielen Spielräumen allen Beteiligten eine effiziente, transparente Aufgaben-, Vertrags- und Honorargestaltung.

Eine grenzüberschreitende Auftragsteilhabe von europäischen Kollegen ist auch heute schon nicht an die HOAI gebunden und betrifft in der Regel aufwandsbedingt sogar vorwiegend die großen Bauvorhaben, deren Baukosten ohnehin oberhalb der Höchstsätze der HOAI liegen, also frei verhandelbar sind.

Barbara Ettinger-Brinckmann ist seit 2013 Präsidentin der Bundesarchitektenkammer.
Barbara Ettinger-Brinckmann ist seit 2013 Präsidentin der Bundesarchitektenkammer.Foto: Till Budde/BAK

Vor dem Europäischen Gerichtshof spricht der Generalanwalt unserer Honorarordnung jegliche Berechtigung für die Qualitätssicherung beim Bauen ab und hält die negativen Auswirkungen einer Abschaffung auf die Baukultur im Land nicht einmal einer Erörterung wert. Hinzu komme, so die Kommission, dass Deutschland mittlerweile der einzige Mitgliedsstaat der Europäischen Union mit einer verbindlichen Honorarordnung für Architekten und Ingenieure sei.

Das kommt einer Ironie oder eher einem Zynismus gleich: Die Europäische Kommission hatte zuvor in Griechenland, Italien, Frankreich, Belgien, Tschechien und Polen die bis dahin geltenden Honorarregelungen für Architekten abgeschafft, um nun damit zu argumentieren, Deutschland sei das einzige Land in der EU mit einer solchen Regelung.

Schätzen und Schützen

Über Jahrzehnte hinweg konnten die Kammern immer wieder erfolgreich die Verbindlichkeit der HOAI zusammen mit Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat erhalten. Und so hat die Bundesregierung auch im jetzigen Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof die Gegenargumentation der Europäischen Kommission überaus fundiert und überzeugend widerlegt. Und so protestieren auch die im europäischen Dachverband mit der Bundesarchitektenkammer gemeinsam agierenden Architektenorganisationen anderer europäischer Mitgliedsstaaten. Denn die Kolleginnen und Kollegen aus diesen Nachbarländern, die ja vermeintlich benachteiligt werden, schätzen die HOAI, wenn sie hier bei uns arbeiten, und wissen aus leidvoller Erfahrung um die Schwierigkeiten, die bis dahin geltenden Qualitätsstandards in einem harten Preiswettbewerb aufrechtzuerhalten. Rationalisierungs- und Konzentrationsprozesse zulasten der klein- und mittelständischen Strukturen, die eine gerade in Krisenzeiten robuste und flächendeckende Versorgung der Bevölkerung auf hohem Niveau und zugleich gesamtwirtschaftliche Stabilität sichert, nehmen zu.

Ja, es geht uns um die Sicherung auskömmlicher Honorare für Planungsleistungen. Es geht also tatsächlich um die Sache, nämlich als Sachwalter und Treuhänder der Bauherren und Auftraggeber zur Erfüllung ihrer Wünsche und Bedürfnisse die beste Lösung zu entwickeln und gleichzeitig – und das ist mir ganz besonders wichtig – dabei auch immer all diejenigen im Kopf zu haben, die nicht an diesen Prozessen beteiligt sind. „Wenn Du ein Haus baust, denke an die Stadt“ hat der Schweizer Architekt Luigi Snozzi einmal gesagt – oder anders Manfred Sack, der ehemalige Feuilletonist der ZEIT, „Bauen ist nie nur privat, es immer auch öffentlich“.

Denke also immer daran, dass die geistig-schöpferischen Leistungen von uns Architekten, Ingenieuren und Stadtplanern individuell und gesellschaftlich regelmäßig einen sehr viel größeren Einfluss auf das Leben der Menschen haben, als es der reine Planungsauftrag vorsieht. Und so verstehe ich auch den freien europäischen Binnenmarkt. Er sollte den Menschen helfen, die bestmöglichen Lebensräume zu gestalten und nicht allein dazu dienen, über den reinen Preiskampf individuelle Gewinnmaximierung verfolgen zu können.

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