"Wohnen im Hochhaus ist teuer"

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Bausenatorin Katrin Lompscher : "Es geht nicht nur um zusätzlichen Wohnraum"
Reinhart Bünger
Katrin Lompscher (Die Linke) ist seit 8. Dezember 2016 Berlins Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen.
Katrin Lompscher (Die Linke) ist seit 8. Dezember 2016 Berlins Senatorin für Stadtentwicklung und Wohnen.Foto: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung

Es wird immer wieder kolportiert, Sie seien gegen Hochhäuser. Stimmt das überhaupt, wenn man Sie hier in Ihrem Büro im 14. Stock arbeiten sieht?

Gegen Hochhäuser zu sein würde bedeuten, dass man die Dynamik verkennt, die es in dieser Stadt gibt. Ich bin nicht gegen Hochhäuser, sondern für eine geordnete Stadtentwicklung. Hochhäuser müssen dort errichtet werden, wo es sinnvoll ist, und nicht dort, wo es sich aus Sicht eines privaten Eigentümers gerade anbietet. Man sollte sich keine Illusionen darüber machen, welchen Beitrag solche Bauten zu einer sozialen Wohnraumversorgung leisten können. Wohnen im Hochhaus ist teuer, weil es teuer ist, sie zu errichten. Man muss sich außerdem klar machen, welche stadtgestalterische Wirkung sie nicht nur in der Silhouette sondern auch angesichts ihres Fußabdrucks hinterlassen. Ein Hochhaus sieht von weitem elegant und schmal aus. Auf seinen unmittelbaren Stadtraum hat es aber erhebliche Auswirkungen. Das ist einer der Gründe, warum wir sagen: Wir brauchen verbindliche Leitlinien für die Hochhausentwicklung in Berlin. Darin muss geklärt werden an welchen Standorten Hochhäuser städtebaulich und stadtgestalterisch sinnvoll und verträglich sind. Ein solches Konzept muss außerdem Fragen beantworten zu ihrem Nutzen für die Allgemeinheit und für den öffentlichen Raum.

Was haben Sie gegen finanzkräftige Menschen aus dem Ausland – darunter vielleicht auch finanzkräftige Investoren – die sich nichts Schöneres vorstellen können als am unwirtlichen Alexanderplatz mit dem Fahrstuhl in die 60. Etage eines Hochhauses zu fahren, um von dort aus die Welt zu betrachten?

Ich bin mir gar nicht sicher, ob es davon tatsächlich so viele gibt. Aber gut, nehmen wir mal an, wir haben all diese kaufkräftigen Investoren, die unbedingt diesen Blick auf Berlin brauchen. Beim Thema Alexanderplatz ist für mich die absolut entscheidende Frage: Wie geht ein Hochhauskonzept mit dem Wahrzeichen Fernsehturm um? Ich stelle nicht den Alexanderplatz als Hochhausstandort infrage, wünsche mir aber eine Komposition, die die Dominanz des Fernsehturms und die wichtigen Sichtbeziehungen akzeptiert. Und zwar sowohl was die Standorte angeht als auch die Höhenentwicklung.

Wo wir gerade über Horizonte sprechen: Gibt es schon einen Zeithorizont für diesen Hochhausrahmenplan?

Ein entsprechender Antrag der Koalition befindet sich im Geschäftsgang des Abgeordnetenhaus. Realistischerweise muss man damit rechnen, dass man zwei Jahre braucht, bis man hier eine vernünftige – und auch mit Öffentlichkeitsbeteiligung fundierte – Planungsgrundlage hat. Das hieße von heute an 2019.

Senatsbaudirektorin Regula Lüscher hat also noch nichts in der Schublade.

Auch wenn es schon Vorarbeiten oder einen Plan gäbe, müssten wir ihn sorgsam prüfen und diskutieren.

Ferienwohnungen sind ein Angebot, das zur Palette der Unterkünfte gehört wie Ferienzimmer und Hostels. Wie würden Sie es finden, wenn es an der von Berlinern geliebten Ostsee keine erschwinglichen Ferienwohnungen mehr gäbe und alle Berliner und Berlinerinnen gezwungen wären, dort entweder zu zelten oder ein Hotel zu nehmen.

Das würde ich nicht vergleichen wollen. Die Situationen an Küsten und in Tourismusregionen sind völlig andere als in Ballungsräumen. Wenn es in gewachsenen Strukturen mit häufig ländlichem Charakter möglich ist, Unterbringungen in Wohnungen und Häusern zu integrieren, kann das durchaus angemessen sein. Wenn die Zahl der Ferienwohnungen in solchen Orten überhandnimmt, führt es im Übrigen auch dort zu Problemen. In Berlin haben wir aber eine andere Situation. Wir haben in den letzten 20 Jahren Hotelbetten in Größenordnungen hinzugefügt. Berlin hat eine Hoteldichte, die ihresgleichen in anderen europäischen Städten sucht – einer der Gründe, weshalb das Hotelzimmer hier noch vergleichsweise billig ist. Zugleich verzeichnen wir einen zunehmenden Wohnungsmangel. Deshalb müssen wir den Wohnraum vor Zweckentfremdung schützen. Und Zweckentfremdung heißt auch Ferienwohnungsnutzung. Was natürlich nicht verboten ist, wenn Menschen ein Zimmer in ihrer Wohnung zur Verfügung stellen.

Die Verwaltung des Mangels bleibt unser Thema: Es gibt einen Landesentwicklungsplan und es gibt auch Gespräche mit dem Land Brandenburg über den Verflechtungsraum Berlin-Brandenburg – doch mit greifbaren Ergebnissen ist damit noch nicht zu rechnen. Wie wichtig ist Ihnen die aktuelle Weiterentwicklung des Speckgürtels?

Wenn wir über Berlin und Brandenburg reden, dann reden wir über eine gemeinsame Hauptstadtregion und meinen damit die Territorien beide Länder in Gänze. Also nicht nur das Berliner Umland, sondern auch die anderen Regionen Brandenburgs. Dank einer gemeinsamen Landesplanung verfügen wir über ein gutes Niveau, auf dem wir kooperieren können. Um erfolgreich zu sein, müssen wir aber die unterschiedlichen Interessenlagen antizipieren. In Brandenburg gibt es eine große Sorge, dass bei einer Konzentration auf das Berliner Umland das übrige Landesgebiet ins Hintertreffen gerät. Diese Sorge kann ich absolut verstehen und sage: Das Problem muss man in Angriff nehmen. Die starken Wachstumsimpulse müssen sich am Siedlungsstern entlang in die weiter entfernten regionalen Zentren in Brandenburg orientieren. So kann die Entwicklung für beide Seiten von Vorteil sein. Darüber reden wir mit der Landesregierung Brandenburg, aber auch im aktuellen Landesentwicklungsplan Hauptstadtregion.

Welches ist das wichtigste stadtplanerische Vorhaben, das Sie persönlich in der vor Ihnen liegenden Zeit unbedingt durchsetzen möchten?

Es gibt nicht das „eine“ Vorhaben. Was wir brauchen, ist ein städtebaulich geordneter, sozial gerechter und ökologisch vorbildlicher Umgang mit dem Wachstum dieser Stadt. Wir müssen uns klarmachen, dass es nicht nur darum geht, zusätzlichen Wohnraum zu produzieren, sondern um die Schaffung lebendiger Stadtquartiere. Infrastrukturen, Mobilitätskonzepten, Vielfalt, Demografie – dies alles müssen wir mitdenken. Vor dem Hintergrund stehen natürlich die landeseigenen Wohnungen und öffentliche Infrastrukturbauten, insbesondere Schulen, besonders im Fokus.

Dann wünschen wir Ihnen viel Erfolg für diese Vorhaben!

Das Interview führte Reinhart Bünger.