Die Londoner "Scherbe" beherbergt Wohnraum in der Spitze

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Berlin ist eine Hauptstadt (fast) ohne Hochhäuser : Schön auf dem Boden bleiben
The Shard ist 310 Meter hoch und war zwischenzeitlich das höchste Gebäude Europas, bis 2012 in Moskau der Mercury City Tower mit 338 Metern Höhe eingeweiht wurde.  
The Shard ist 310 Meter hoch und war zwischenzeitlich das höchste Gebäude Europas, bis 2012 in Moskau der Mercury City Tower mit...Foto: Daniel Leal-Olivas/dpa

In London wurde unter Premierministerin Margaret Thatcher den Bedürfnissen des stark expandierenden Finanzsektors durch die Ausweisung eines gänzlich neuen Areals in den ehemaligen Docklands entsprochen. In diesem Gebiet, meist mit dem Namen seines einstigen Hauptbetriebs als Canary Wharf bezeichnet, durften in den 1980er Jahren Hochhäuser mit 200 Metern Höhe errichtet werden.

Die Erschließung der Docklands erfolgt durch ein eigenes, schienengebundenes und vollautomatisiertes Nahverkehrsnetz, die "Docklands Light Railway" (DLR), die als Verbindung in das Kerngebiet der Londoner City, des seit dem 18. Jahrhundert als Zentrum der Bankenwelt dienenden Areals reicht. Wohnungen wurden und werden in Canary Wharf allein nach Marktregeln errichtet, mithin in aller Regel als Eigentumswohnungen zu den Gehältern des Finanzsektors entsprechenden Kaufpreisen.

Für die Behebung oder auch nur Inangriffnahme des immer drängenderen Wohnungsmangels in Greater London liefert die strikt marktwirtschaftliche Organisation der Docklands-Bebauung keine geeigneten Hinweise.

Inzwischen hat sich das Schwergewicht der Bautätigkeit zurückverlagert in den Bereich der historischen City sowie an einige weitere, markante Punkte der Stadt. Noch vom Labour-Bürgermeister Ken Livingstone genehmigt wurde der Bau des "Shard" (Scherbe) genannten, spitz-pyramidenförmigen Hochhauses nahe dem Bahnhof London Bridge nach Entwurf von Renzo Piano, mit 306 Metern das höchste Gebäude des nicht-russischen Europa.

Es handelt sich um ein Mixed-use-Gebäude, das die Nachteile der großen Höhe durch die Ausweisung von Wohnungen im Spitzenbereich des Bauwerks ausgleicht, während in den mittleren Etagen ein Hotel und im unteren Drittel Büros untergebracht sind. Entscheidend für den Standort in einem unterentwickelten und wenig attraktiven Stadtviertel Londons war die hervorragende verkehrliche Erschließung durch zahlreiche U-Bahn- und Regionallinien.

"The Shard" soll ein Beispiel sein für extreme Verdichtung unter gleichzeitiger die Vermeidung von innerstädtischem Individualverkehr. Das ist bei den weiteren, nun vom konservativen und extrem wirtschaftsaffinen Bürgermeister Boris Johnson befürworteten Hochhausprojekten im weiteren Bereich der City bis hinein in die traditionellen Einwandererstadtteile East End/Whitechapel nicht der Fall.

Derzeit befinden sich über 400 (!) Hochhäuser in Planung. Ideen für Wohnungen in Hochhäusern aber sind im traditionell dem flachen Reihenhausbau anhängenden England bislang nicht vorgestellt worden; womöglich spielt dabei auch das negative Image des nach dem Zweiten Weltkrieg forcierten Sozialwohnungsbaus in Geschossbauten eine Rolle.

Im Moskauer "Triumfalnaja"-Gebäude wohnen die Superreichen

In der russischen Hauptstadt Moskau fehlt es seit der Auflösung der Sowjetunion allgemein an Büroflächen. Seit dem stalinistischen „Generalplan“ Moskaus von 1935 waren lediglich sieben Hochhausstandorte für einzelne Höhendominanten bestimmt; ein achter Hochhausbau im Stalin-Klassizismus nahe dem Kreml blieb ebenso unausgeführt wie das zuletzt auf 400 Meter Höhe projektierte Riesenbauwerk „Palast der Sowjets“.

Grundsätzlich dürfen innerhalb des Straßenzuges „Gartenring“ keine Bauten errichtet werden, die die Türme des Kreml überragen. Stattdessen wurde für die Bedürfnisse der sich rasant entwickelnden und in der Hauptstadt konzentrierenden Marktwirtschaft ein Geschäftszentrum im Westen, genannt „Moscow City“, festgelegt, wo sich mittlerweile dicht gedrängt mehr als ein Dutzend veritabler Skyscraper erheben, darunter allein neun der elf höchsten Häuser Europas und mit dem 379 Meter – ohne Antenne! – messenden „Föderationsturm“ das höchste Gebäude überhaupt.

Das höchste reine Wohngebäude Europas allerdings ist das städtebaulich völlig unstrukturiert im Nordwesten der Stadt errichtete „Triumfalnaja“-Gebäude mit 264 Metern Höhe über einem breit auskragenden Sockelbauwerk . Es bietet allerdings ausschließlich Eigentumswohnungen im oberen Preissegment für die Spitzengruppe der steilen russischen Einkommenspyramide.

Die erhebliche Potentiale Berlins sind nicht im mindesten ausgeschöpft

Gemessen an diesen Metropolen herrscht in Berlin der idyllische Zustand einer Stadt im baulichen Gleichgewicht. Noch. Die vergleichsweise hervorragende Verkehrs-Infrastruktur Berlins wäre in der Lage, weit größere Flächen, ob in Gewerbe- oder Wohnbauten, zufriedenstellend zu erschließen. Die polyzentrische Struktur der Stadt erweist sich als großer Vorzug, erlaubt sie doch die Bildung mehrerer, eher begrenzter Hochhauscluster an unterschiedlichen Standorten.

Erhebliche Potentiale sind nicht im mindesten ausgeschöpft, etwa im Bereich der S-Bahn-Umsteigestation "Westkreuz". Eine leichte Verdichtung gibt es im Bereich der Landsberger Allee ebenfalls am S-Bahnring, der jedoch noch erhebliche Möglichkeiten bereithält. Die Untätigkeit der gelegentlich sehr verheißungsvoll auftretenden Investoren am Alexanderplatz, wo tatsächliches Baurecht längst geschaffen ist, lässt eine marktwirksame Nachfrage nach Hochhausflächen als eher gering erscheinen.

Stattdessen sollte sich die Stadt auf die Lösung der Wohnungsfrage konzentrieren, die in der herkömmlichen Blockrandbebauung mit Berliner Traufhöhe - so richtig diese Vorgaben in geschlossenen Wohngebieten sind - nicht bewältigt werden kann. Das chinesische Beispiel standardisierter Punktbauten mit einheitlicher Geschosszahl mag nicht eben verlockend sein - doch es zeichnet sich ab, dass nur eine Planung in großen Dimensionen, wie zuletzt bei den Großsiedlungen beiderseits im geteilten Berlin, dauerhafte Lösungen verspricht.

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