Borsig-Gelände in Tegel : Klarmachen zum Andocken

Auf dem früheren Borsig-Gelände in Tegel werden neue Büroflächen hergerichtet.

Traditionsreicher Standort. Das „Dock 100“ liegt auf dem riesigen Areal der einstigen Borsig-Werke.
Traditionsreicher Standort. Das „Dock 100“ liegt auf dem riesigen Areal der einstigen Borsig-Werke.Grafik: Beos AG

Dampf entweicht auf dem Borsig-Gelände in Tegel heute bestenfalls noch aus Kaffeemaschinen in Büros sowie diversen Restaurants, Kantinen und Teeküchen. Denn wo nach 1898 Europas größter Hersteller von Dampflokomotiven seine Produkte aufs Gleis stellte, macht sich heute kaum mehr jemand im Wortsinn die Hände schmutzig. Nach 1992 hatte schließlich der Schreibwarenhersteller Herlitz unter der Adresse Borsigturm 100 begonnen, das Gelände der alten Borsigwerke zu einem Gewerbestandort zu entwickeln. Meilenstein war 1999 die Eröffnung eines Einkaufszentrums in den restaurierten Borsighallen, danach siedelten sich Zug um Zug überwiegend Büros, Logistikunternehmen und andere Dienstleister auf den 15 Hektar an. Beispielhaft für die Entwicklung dieser neuen Jobmaschine ist das „Dock 100“, ein Gewerbe- und Logistikpark unter Management der Beos AG, der sich soeben wieder neuen Gegebenheiten anpasst.

Das hätte sich vor 120 Jahren Familie Borsig wohl nicht im Traum vorstellen können, einmal Mieter auf dem Gelände zu sein, auf dem die dritte Unternehmergeneration mit Ernst Borsig an der Spitze 1898 ein neues Werk eröffnet hatte. Borsig war als Unternehmen ein Gigant, produzierte neben Dampfmaschinen und Lokomotiven auch Kältemaschinen, Schiffsdampfmaschinen und Dampfpflüge. Entwickelt und produziert wird zwar heute noch, allerdings unter anderen Voraussetzungen. Die nach Irrungen und Wirrungen 2003 durch ein Management-Buy-Out neu entstandene Borsig GmbH wurde 2008 vom malaysischen KNM-Konzern übernommen und mietet heute Büro- und Produktionsflächen von der niederländischen Investmentgesellschaft DDS Lime B.V. Heute entwickelt und fertigt Borsig Apparate zur Kühlung von Gasen mit hohen Temperaturen und hohen Drücken – und ist dabei nur einer von vielen Mietern bei diversen Eigentümern auf dem Borsig-Gelände.

Das „Dock 100“ ist fast komplett vermietet

An den Vorteilen des Standorts hat sich nichts geändert. Schon damals war die Anbindung an das öffentliche Wegenetz von immenser Bedeutung. Sowohl zu Wasser als auch per Schiene erreichbar zu sein, war für Borsig seinerzeit so wichtig wie Auto- und U-Bahn-Anschluss heute. Wie lange der nahe Flughafen Tegel noch ein Argument pro Borsiggelände sein wird, bleibt Spekulation.

Chronik

Im Jahr 1837 eröffnet August Borsig im von den Berlinern damals „Feuerland“ genannten Industriegebiet vor dem Oranienburger Tor seine Eisengießerei. Vier Jahre später verlässt die erste Dampf- lokomotive das Werk. Nachdem diese eine Wettfahrt gegen ein englisches Konkurrenzmodell gewann, stieg Borsig im damaligen Preußen zum Monopolisten auf, später zum zweitgrößten Lokomotivenhersteller der Welt. Das Borsig-Gelände in Tegel eröffnete 1898. Als der Boom des Eisenbahngeschäfts endete, wurde diese Sparte in den 1930er Jahren an AEG verkauft. Nach dem Ausscheiden der Borsig-Familie folgten wechselhafte Jahrzehnte mit immer neuen Eigentümern. Anfang der 1990er Jahre übernahm Herlitz das Tegeler Gelände, inzwischen gehört es deutschen und internationalen Investoren. Das Unternehmen Borsig, das heute noch unter dem traditionsreichen Namen firmiert, gehört zum malaysischen KNM-Konzern und ist nur noch Mieter. Es produziert Apparate zur Kühlung von Gasen mit hohen Temperaturen und hohen Drücken.

Heute ist das Areal geprägt durch eine gute Mischung verschiedener Gewerbeflächen. Kleine und mittelständische Unternehmen, aber auch Privatpersonen können hier Büros, Lager, Produktions- und Werkstattraum mieten. Im Rahmen der Globalisierung gibt die „Generation Amazon“ in Tegel den Takt vor. Nun, nicht ganz. Im „Dock 100“, quasi ein Gewerbepark im Gewerbepark, mit einer vermietbaren Fläche von 87 153 Quadratmetern sind noch Unternehmen angesiedelt, die produzieren: wie die PCS GmbH als Hauptmieter, ein 2014 von Knorr-Bremse gekauftes Unternehmen im Bereich Energieumwandlung. „Handfestes“ gibt es auch bei der Bierlinie GmbH, nämlich vornehmlich Importbiere, oder beim Getränkeunternehmen Ambrosetti GbR, das gemeinsam mit Bierlinie seine Ware in der historischen Veithalle von 1900 lagert, die zum „Logistic Dock“ von Beos zählt. Das „Dock 100“ ist offiziellen Angaben zufolge zu mehr als 90 Prozent vermietet.

Über Amazon allerdings, den vielleicht bekanntesten Mieter im „Dock 100“, regte sich in der Vergangenheit Unmut. Der Versandhändler beliefert vom Borsigturm aus Besteller im gesamten Berliner Norden – und verursacht dadurch insbesondere zu Stoßzeiten wie Weihnachten sehr viel Verkehr. Das gefällt nicht jedem. Amazon solle sich einen anderen Standort suchen, wurde bereits im Rathaus gemurrt. Lars Ebert, Projektmanager bei der Beos AG, sagt jedoch: „Wir sind mit dem Mieter sehr zufrieden. Vor einiger Zeit gab es mal Beschwerden, aber das ist aus unserer Sicht kein Thema mehr. Verkehr gehört eben zur Logistik dazu.“

Über Mietpreise mag Beos nicht sprechen

Im „Dock 100“ entfallen 45 700 Quadratmeter auf Produktionsflächen, die im sogenannten Factory Dock untergebracht sind. Das „Office Dock“ direkt am Borsighafen, wo einst Herlitz seine Hauptverwaltung hatte, bietet 15 500 Quadratmeter Büroflächen sowie eine Kantine. Bis vor Kurzem dienten weite Teile des Gebäudes der Deutschen Rentenversicherung als Aktenlager. Nach deren Auszug eröffnen sich Beos lukrative Perspektiven: Neue, bestens zu vermietende Büroflächen werden hergerichtet. Und ein Mieter ist auch schon gefunden: Die ersten 3000 Quadratmeter im „Sky Dock“ werden im kommenden September fertiggestellt und von der S-Servicepartner Deutschland GmbH (Sparkassen-Finanzgruppe) bezogen. Die restlichen 11 000 Quadratmeter werden voraussichtlich im Februar 2019 bezugsfertig sein und ab Anfang 2022 von der S-Servicepartner Berlin GmbH bezogen. In der Zwischenzeit werden die Flächen temporär vermietet.

Über Mietpreise mag Beos nicht sprechen. Deshalb kann als ungefähre Richtschnur ein Angebot der Maklerfirma Engel & Völkers dienen, die eine Bürofläche mit 950 Quadratmetern im „Dock 100“ für 6 Euro Monatsnettokaltmiete plus 2,50 Euro Nebenkosten inseriert. Derzeit gebe es etwa 40 Mieter, sagt Ebert. „Wir sind sehr flexibel, vermieten durchaus auch kleinteilig, teilweise unter hundert Quadratmeter.“

Beos ist ein Projektentwickler und Asset-Manager aus Berlin. „Dock 100“ wurde von Beos 2014 für eine internationale Investorengruppe gekauft, neu strukturiert und wieder verkauft. Das Dock befindet sich heute in Händen von institutionellen Investoren aus Deutschland.

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