„Die Friedrichswerdersche Kirche ist in einem benutzbaren Zustand“

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Denkmalschützer Jörg Haspel : „Eine Zukunft für die Vergangenheit schaffen“
Die Friedrichwerdersche Kirche wurde 2015 durch das benachbarte Neubauprojekt schwer beschädigt.
Die Friedrichwerdersche Kirche wurde 2015 durch das benachbarte Neubauprojekt schwer beschädigt.Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Wenn private Bauherren ins Spiel kommen und in den Besitz von Denkmälern, heißt es ja häufig, eine Sanierung respektive Restaurierung rechne sich nicht. Das Gesetz gibt Ihnen die Möglichkeit, sich auf diese Position zurückzuziehen. Welche Gesetze kritisieren Sie im denkmalpflegerischen Sinne?

Das Berliner Denkmalschutzgesetz ist gut. Ich sehe keinen besonderen Bedarf, es zu schärfen. Worauf es ankommt ist, dass es in der Politik und in den parlamentarischen Gremien ein Grundverständnis von Denkmalschutz gibt.

Was heißt das?

Es muss Konsens sein, dass die ganze Gesellschaft einen Verlust erleidet und nicht der Denkmalkonservator, wenn ein Denkmal verloren geht. Diesen gesellschaftlichen Verlust geben wir weiter an die nächste Generation. Deshalb müssen Anstrengungen unternommen werden, Denkmäler zu erhalten.

Wenn Sie also ein neues Denkmalschutzgesetz schreiben müssten auf Grundlage Ihrer Erfahrungen, da würden Sie also alles so lassen, wie es ist?

Nun, es fiele uns sicher einiges ein, was wir an deutschen Denkmalschutzgesetzen ändern, verbessern und vereinheitlichen könnten und wie wir sie stärken könnten. Das betrifft sowohl die gesetzlichen Formulierungen, aber auch die personelle Ausstattung der Ämter und das betrifft in vielen Bundesländern, auch in Berlin, die Ausstattung mit Fördermitteln, die verbesserungsfähig ist. Dabei müssen wir auch von der Vorstellung wegkommen, dass es verlorene Zuschüsse sind. Das sind Investitionen und Multiplikatoren, die Impulse für Entwicklung setzen. Die Investition in die Vergangenheit ist eine Investition in die Zukunft. Es geht darum, eine Zukunft dieser Vergangenheit zu schaffen, weil die Zukunft ein Interesse daran hat, sich zu vergegenwärtigen und verorten zu können.

Wie beurteilen Sie die Reparatur der Friedrichswerderschen Kirche von Schinkel?

Wir haben die Reparatur begleitet – sowohl die statische Sicherung als auch die Reparaturmaßnahmen bis hin zur Schließung der Oberflächen. Unter den gegebenen Umständen halte ich das für ein sehr gutes Ergebnis, was natürlich die dahinter liegenden Schäden nicht vergessen machen kann. Aber das Gebäude ist in einem benutzbaren Zustand. Ich weiß nicht, wie dieser Vorgang hätte anders und besser bewältigt werden können. Die Schäden rückgängig machen, das können wir nicht. Aber sie sind nicht gefährdend, weder für das Baudenkmal noch für die künftige Nutzung. Das finde ich ein positives Ergebnis.

Die Evangelische Kirche und die Stiftung Preußischer Kulturbesitz sind weniger gnädig mit dem Investor Jürgen Leibfried und der Bauwert AG, die die Schäden durch Bauarbeiten mit verursacht hat. Sie verweisen auf bleibende Schäden – man wisse nicht, ob man den Bau je wieder so eröffnen könne. Die nahe Bebauung war vom Bezirk und vom früheren Senatsbaudirektor Stimmann offenbar so gewollt, zumal die Kirche früher auch eingemauert war. Können Sie da einen Schiedsspruch fällen?

Ich verstehe dass viele auch mit denen hadern, die für die Planung verantwortlich sind. Ich will nichts Schlechtes unterstellen, gehe aber davon aus, dass wir heute andere Diskussionen über die städtebauliche Entwicklung und die Einbindung der Friedrichswerderschen Kirche führen würden als damals. Es geht nicht nur darum, historische Stadtgrundrisse wiederherzustellen, sondern auch um die Frage der Tiefe von Untergeschossen, um die Frage der Höhe von Bebauungen. Es ist auch wichtig, die Wirkungsräume solcher Objekte wie der Friedrichswerderschen Kirche zu sichern.

Stichwort historische Stadtgrundrisse: Wir haben vor einer Woche Planungen der „Stiftung Zukunft“ für einen Platz der Demokratie vor dem Roten Rathaus vorgestellt. Er sieht vor, die unter dem Pflaster liegenden Grundmauern sichtbar zu machen, beispielsweise durch eine Struktur verschiedenfarbige Pflastersteine. Eine gute Idee?

Ich glaube, dass das Bedürfnis, sich seiner Vergangenheit und seinen Traditionen zu vergewissern, die substantiell verloren gegangen sind, etwas Bemerkenswertes ist. Und dass das auch eine gute Chance ist, unverwechselbare Stadträume und Gestaltungen zu schaffen, die Anknüpfungspunkte als Orientierung und Identifizierung bieten. Wenn es gelingt, das mittelalterliche Rathaus, die mittelalterliche Rathauskapelle, die zwischen dem U-Bahn-Ausgang und dem Rathaus steht, zugänglich zu machen, wird das ein großer Gewinn sein für Berlin. Wir sehen auch in anderen Städten wie Sofia oder Neapel, dass das Thema Archäologie nicht museal gelöst wird, sondern man versucht es, in sito zu belassen und zu nutzen. Jetzt sind wir auch bei der Berliner Innenstadt dazu aufgerufen, uns zu fragen, wie bestimmte Orte, die eine hohe Bedeutung haben, vergegenwärtigt werden können.

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