Gemeinschaftliches Wohnen : In Lichterfelde-Süd entsteht ein neues Generationenhaus

Die Baugemeinschaft Generationenhaus Lichterfelde GbR errichtet zusammen mit der Bürgerstadt AG ein Generationenhaus mit 12 Wohneinheiten.

Voll belegt. Sechs Kinder und Jugendliche sowie 18 Erwachsene bis 60 und vier über 60 werden hier zu Hause sein.
Voll belegt. Sechs Kinder und Jugendliche sowie 18 Erwachsene bis 60 und vier über 60 werden hier zu Hause sein.Grafik: Bürgerstadt AG

Gemeinschaftliches Wohnen verschiedener Generationen kommt erneut in Mode. Wobei Mode eigentlich das falsche Wort ist. Bei vielen Menschen setzt sich schlicht wieder die Erkenntnis durch, dass das Wohnen unter einem Dach von ganz Jungen, rüstigen Ruheständlern und vielen dazwischen eine menschliche Bereicherung sowie oft für alle eine Hilfe im Alltag sein kann. Und so verlässt diese Wohnform allmählich ihre bislang eher alternativ angehauchte Nische. In Berlin, wo geeignete Grundstücke rar und teuer sind, ist die Umsetzung der Idee gewiss ungleich schwieriger als auf dem platten Land. Unmöglich ist sie allerdings nicht. Als beispielgebend gelten dabei Projekte der Bürgerstadt AG, die soeben ein neues „Generationenhaus“ in Lichterfelde-Süd baut, mit zwölf unterschiedlichen Wohnungen für zwölf unterschiedliche Lebenssituationen.

Vorab sei erwähnt: Sogenannte Generationenhäuser sind nicht zu verwechseln mit den Begegnungsorten, die in Berlin als „Mehrgenerationenhäuser“ bekannt sind. Letztere bieten tagsüber verschiedenen Altersgruppen Raum für gemeinsame Aktivitäten, um so ein nachbarschaftliches Miteinander im Kiez zu schaffen. Gewohnt wird da nicht.

Was wird heute von Projektentwicklern in Berlin mit Vorliebe gebaut?

Vielen Projektentwicklern fehle die Fantasie

Alles, was mehr oder weniger von der Stange kommt, schnell hochgezogen werden kann, ordentlich Rendite bringt: Klein- und Kleinstwohnungen, obendrauf gern auch ausladende Penthäuser für die, die nun überhaupt nicht mehr aufs Geld schauen müssen. Ob Käufer oder Mieter – die meisten Menschen müssen sich dem anpassen, was sie vorfinden.

Das kann zum Beispiel die Bürgerstadt AG anders. „Projektentwickler müssten sich mehr Gedanken machen, doch meist fehlt die Fantasie“, sagt Vorstandssprecher Winfried Hammann. Bei einem gegebenen Grundstück gebe es oft im Vorfeld nur die Frage: Wie ist hier der größtmögliche Profit zu erzielen? Dabei müsse die Frage lauten: Welche Gestaltungsmöglichkeiten bietet das Grundstück, für wen kann ich dort was wie bauen? So ging die Bürgerstadt AG auch den Neubau in Lichterfelde-Süd an.

Das Grundstück am Ostpreußendamm 117a hat das Unternehmen eher durch Zufall entdeckt. „Jemand, der unsere Arbeit kennt und schätzt, hat uns darauf aufmerksam gemacht, dass die Immobilie zum Verkauf steht“, sagt Hammann. „Dann haben wir uns das angesehen und überlegt, was wir mit den etwas eigenwillig geschnittenen fast 1300 Quadratmetern anfangen könnten.“ Das Grundstück war früher Bestandteil einer großen Gärtnerei. Dessen Eigentümer hatten den Betrieb aufgegeben, lebten sehr zurückgezogen in einem baufälligen Häuschen auf dem Gelände, teilten das Land auf und verkauften immer mal wieder ein Stück, wenn sie Geld brauchten. Schließlich kam das Restgrundstück auf den Markt.

Wie findet man die richtigen Mitstreiter?

Den Machern der Bürgerstadt AG war ziemlich schnell klar, dass insbesondere wegen des möglichen großen Gartens ein Generationenhaus die passende Nutzung sei. Also suchten sie Kontakt zu den Verkäufern. „Gleichzeitig fingen wir im August 2016 gleich an, unsere Vorstellungen zu konkretisieren und zwar – wichtig – in Absprache mit dem bezirklichen Planungsamt“, sagt Hammann. Anfang 2017 sei es dann zum Kaufabschluss gekommen. Fast zeitgleich wurde ein Bauantrag eingereicht, der bereits drei Monate später positiv beschieden wurde, weil eben alle Unterlagen komplett waren. „Man hat ja manches Mal Grund, sich über Ämter zu beschweren. Doch hier lief alles reibungslos“, lobt Hammann das Stadtplanungsamt Steglitz-Zehlendorf.

Und wie finden sich nun die Mitmacher an so einem Projekt? „Wir haben im Lauf der Jahre viel Erfahrungen sammeln können, konkret auch mit unserem Generationenhaus in der Wilmersdorfer Eisenzahnstraße“, erzählt Hammann. „Es ist nie ganz einfach, die richtigen Mitstreiter zu finden. Damals war es dem einen zu weit weg, dem anderen zu nah am Hohenzollerndamm, dem Dritten fehlte die Eckkneipe oder das Café, dem Vierten gefiel nicht das Gegenüber und so unendlich weiter.“ Ähnliche Vorbehalte gab es gegenüber der Adresse Ostpreußendamm 117a: jwd an der Landesgrenze, laut, piefig.

Für das Haus ist ein überdurchschnittlicher Standard geplant

Trotzdem fanden sich für die zwölf Wohnungen in Größen zwischen 41 und 135 Quadratmetern nahezu problemlos Mitglieder für eine Baugemeinschaft. Nicht zuletzt, weil die Vorstellung eines Generationenhauses durch den Zuschnitt der Wohnungen quasi vorgegeben war. „So haben wir jetzt Familien mit insgesamt sechs Kindern – ich glaube, einige sind noch unterwegs – sowie Oma und Opa von einer Familie, andere ältere Paare und auch Singles“, sagt Hammann. Das habe sich schon gut gefügt.

Die ersten Erdarbeiten für das Generationenhaus haben stattgefunden. Für das Gebäude ist ein überdurchschnittlicher Standard geplant: nachhaltige Baumaterialien; durchgängig Barrierefreiheit. Alle Wohnungen sind schwellenfrei, die Bäder erhalten bodengleiche Duschen. Außerdem haben alle Einheiten eine Terrasse, einen Balkon oder eine Loggia. Einen rund 800 Quadratmeter großen Gemeinschaftsgarten gibt es obendrein.

Zu Preisen zwischen 3500 und 3800 Euro pro Quadratmeter sind die neuen Bewohner dabei – günstig, nach neuen Berliner Maßstäben, urteilt Hammann. Er fragt sich allerdings auch, wann der Berliner Wahnsinn aufhört. Nur wenige Schritte weiter werde nämlich ein halb so großes Grundstück für sechs Millionen Euro angeboten. „Irgendwann fliegt der Deckel vom Topf“, prophezeit der studierte Stadtsoziologe.

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