"Die Hauptmiete kommt aus dem Erdgeschoss"

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Gentrifizierung in Kreuzberg : Der schnöde Bäcker soll einem stylischen weichen
Rahel Willhardt Christine Siedler
Demonstranten gegen steigende Mieten und mögliche Räumungen in Kreuzberg. Gentrifizierung ist in Berlin Thema.
Demonstranten gegen steigende Mieten und mögliche Räumungen in Kreuzberg. Gentrifizierung ist in Berlin Thema.Foto: M. Gambarini/dpa

Das wird von Daniel Spülbeck vehement bestritten. „Es gibt für uns leider in unmittelbarer Umgebung keinen infrage kommenden Gewerberaum. Es gibt zwar einen, der frei ist, aber leider auch entschieden zu groß und zu teuer“, sagt der Inhaber des „Filou“.

„Ändert sich die Anwohnerstruktur, kommen mit einer gewissen Zeitverzögerung auch andere Läden“, beobachtet Stephan Grupe, Einzelhandelsmakler in Berlin. Häuser werden saniert, Mieten steigen und mit ihnen hält eine lebensstilorientiertere Klientel Einzug. Irgendwann spiegelt sich dieser Wandel auch im Ladenbesatz wider. Was nicht heißt, dass es den anatolischen Gemüsehändler nicht mehr gibt. Aber vielleicht gibt es nur noch zwei statt zehn. „Auch neue Ideen finden ihren Platz, wie zum Beispiel Bio-Supermärkte“, erläutert Rüdiger Thräne, Regionalmanager von Jones Lang LaSalle (JLL) in Berlin. „Und die Tech-Szene erwartet nachts eher eine Bar mit coolen Drinks statt eines türkischen Cafés.“

Der Moritzplatz ist ein gutes Beispiel, wie ein positives Interessenausgleich gelingen kann

Dass Vermieter just die Gewerbemieten rasant erhöhen, hat auch pragmatische Gründe. Sie finanzieren zu großen Teilen den Objekterhalt, seit die Steigerung der Wohnmieten ausgebremst wurden. „Die Hauptmiete kommt aus dem Erdgeschoss“, sagt Grupe. Eine gewerbliche Mietpreisbremse wäre so ziemlich das Schlimmste, was die Politik verordnen könne.

Ganz gleich, warum sie steigen – hohe Mietpreise bedrohen Berlins wichtigstes Asset: das Hippe, Kreative und Bunte. Meist geschaffen von Menschen, die reicher an Ideen als an Materiellem sind. Sie machen den Kiez erst lebenswert, bestätigt Grupe: „Alte Cafés und Läden sind wichtig, um die Straßen bunt zu halten. Die Mischung macht’s – auch um bei Shoppingcentern und beim Internethandel gegenzuhalten.“ Selbst ein kommerzielles Shoppingcenter wie das Bikini Berlin hat sich deshalb etwas Kiez ins Kaufhaus geholt: die sogenannten Pop-up-Stores im Erdgeschoss.

„Ohne Gegensteuerung verkommt die Stadt zum Oligarchenwohnen, das alle Menschen ohne Geld verdrängt“, warnt Andreas Krüger, Mitglied im Lenkungskreis der bürgerschaftlichen Initiative „Stadt Neudenken“. Die breitangelegte Interessengemeinschaft ersinnt Wege, um zumindest auf städtischem Grund interessenausgleichende Spielräume und Qualitätsoffensiven zu sichern. Krügers eigener Weg als Entwickler begann vor knapp zehn Jahren am Moritzplatz. Den verwandelte er vom Unort zum Publikumsmagneten dank Ansiedlungen von Planet Modulor, Aufbau Verlag, BetaHaus, den Prinzessinnengärten oder der Open Design City.

Noch heute schwärmt er von der guten Zusammenarbeit zwischen Bezirk, Senat, Anwohnern und den Investoren. „Die Wirtschaftlichkeit muss stimmen, aber das schließt eine lebendige Kultur nicht aus – verlangt aber die Fähigkeit zum Interessenausgleich.“

Wer kann hier schlichten?

Letzteres, beobachtet er, fehlt oft bei Einzelinvestitionen. „Eigentlich entscheidet der Human Factor. Aber wer bringt streitende Bäcker und Hausbesitzer wieder ins Gespräch?“, fragt Krüger und trifft damit auch im Falle Skinner den Nagel auf den Kopf. Bis auf gelegentliche Vorwurfsalven als Reaktion auf den Protest, verstummte mit der Kündigung die Kommunikation. Letztlich ist es wohl auch Skinners „Gutsherrenart“, die die Gemüter der Filou-Sympathisanten erregt. Aber wer kann hier schlichten? „Politik und Bürgerinitiativen taugten nicht zur Schiedsstelle, die sind nicht neutral. Es braucht ,Kümmerer‘, die jeder Stadtteil vorhalten sollte“, schlägt Krüger vor.

In Kreuzberg wäre das einer wie Christoph Albrecht, Begleiter der Interessengemeinschaft der Anwohner zur Entwicklung der Markthalle Neun. Seit Jahren wirkt er ohne Eigennutzen. Er beobachtet wie Gesellschaft funktioniert, deshalb gelingt es ihm, Widerstreitendes zu versöhnen. Vielleicht ist die Markthalle Neun auch deshalb so erfolgreich!

„Wir sind das Antiverdrängungsmodell! Bei uns wächst das Kleingewerbe, statt zu verschwinden“, stellt Nikolaus Driessen, Mitgründer der Markthalle Neun, fest. „Überall in der Bundesrepublik geht die Zahl der Metzger, Bäcker und Käsereien zurück, in Berlin steigt die Zahl der Lebensmittelhandwerker wieder! Allein bei uns waren es 19 Direktgründungen in fünf Jahren“, freut er sich.

Das Erfolgsgeheimnis liegt in der Bündelung moderner Nahrungskompetenz. Sie deckt von bodenständig bis exotisch alles ab. Das zieht Kundschaft weit über Kreuzberg hinaus an und macht die Mieten für Hersteller wie Verkäufer bezahlbar. Weil die Halle aus allen Nähten platzt, verhandelt man seit drei Jahren mit der Stadt um den denkmalgeschützten Viktoriaspeicher, der keine 500 Meter entfernt liegt. Hier sollen künftig die Produzenten unterkommen.

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