"Wir sind bloß arm, nicht sexy", sagt der Rentner aus Prenzlauer Berg

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Gentrifizierung : Kreuzberg will die Weltrevolution
Stadtbild aus dem Film von Andreas Wilcke. Berlin ist mit einer Geschwindigkeit im Wandel, die viele sozial Schwache finanziell überfordert.
Stadtbild aus dem Film von Andreas Wilcke. Berlin ist mit einer Geschwindigkeit im Wandel, die viele sozial Schwache finanziell...Foto: Wilcke-Film

Die Weltrevolution kommt am Donnerstagabend im Freiluftkino Kreuzberg am Bethanien ins Spiel. Was er denn mit seinem Film erreichen wollte, wird der Regisseur von „Die Stadt als Beute“ gefragt. „Na, die Weltrevolution“, sagt Andreas Wilcke. Eine Antwort mit Augenzwinkern, die großen Applaus bekommt.

Bis auf wenige Ausnahmen erscheinen die Investoren, Projektentwickler und Makler in „Die Stadt als Beute“ gar nicht mal unsympathisch. „Wenn mir da jemand gegenübergesessen hat, habe ich nie gedacht: Dich mach’ ich alle“, sagt Wilcke.

Die Verzweiflung der Mieter, die aus ihren Wohnungen vertrieben werden, konnte er trotzdem einfangen. Ein Gesicht gibt ihnen eine Schönebergerin, die schon zum zweiten Mal entmietet wurde und voller Wut eine feine Podiumsdiskussion im getäfelten Saal sprengt. Stiller sind die beiden Rentner aus Prenzlauer Berg. Der eine muss 700 Euro Miete zahlen – bei 1000 Euro Rente – und sagt: „Dafür können wir uns nüscht koofen, dass Berlin arm, aber sexy ist. Wir sind bloß arm, nicht sexy.“

"So geht’s in dieser Stadt nicht"

Lösungen bietet Andreas Wilcke nicht an, er beschreibt nur. Ein Vorbild ist für ihn der Film „Network“ von Sidney Lumet. Es geht darin um einen Fernsehmoderator, der entlassen wird und die Zuschauer beim letzten Auftritt vor der Kamera auffordert, am Abend um 10 Uhr die Fenster aufzureißen und zu rufen: „Ich hab die Schnauze voll, ich lass’ mich nicht länger verarschen.“ Als er dann abends mit Whiskey zu Hause sitzt, reißen tatsächlich alle Nachbarn die Fenster auf und schreien hinaus, dass sie sich nicht länger verarschen lassen.

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Da weht er wieder, der Geist von Kreuzberg, dass viele Kleine zusammen etwas Großes erreichen können. Als das Licht angeht, ruft noch jemand vom Bündnis MietenStopp zur Demo am 10. September auf. „Um dem internationalen Spekulationskapital zu sagen: So geht’s in dieser Stadt nicht.“ Doch erstmal geht’s nach Hause.

In einer Veranstaltung der Mietergemeinschaft Kotti & Co nehmen die Kandidaten von fünf Parteien am Dienstag, 6. September um 18 Uhr zur Wohnungspolitik Stellung. Der Wahlprüfstein findet statt am Protestbau südliches Kottbusser Tor/Admiralstraße, bei schlechtem Wetter im ehemaligen „Aquarien Meyer“ in der Skalitzer Str. 6.

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