Hotels in Berlin : Urlaub hoch überm Parkdeck

Die Novum Gruppe startet eine Berlin-Offensive mit fünf Mittelklassehotels – inklusive einer echten Neuheit.

Auf dem obersten Parkdeck des Ring-Centers in Lichtenberg soll das vermutlich weltweit erste Hotel in Modulbauweise an einem solchen Platz entstehen.
Auf dem obersten Parkdeck des Ring-Centers in Lichtenberg soll das vermutlich weltweit erste Hotel in Modulbauweise an einem...Foto: Promo/MQ Real Estate

Grabesstille wird rings um das geplante niu-Hotel am S-Bahnhof Schöneberg nicht unbedingt herrschen, auch wenn vom direkt benachbarten Friedhof kaum Lärm ausgehen dürfte. Dafür braust es auf dem von Sachsendamm, Stadtautobahn und Bahntrasse eingekeilten Grundstück rundum. Zudem herrscht am Werdauer Weg reger Lkw-Verkehr zu diversen Gewerbebetrieben wie Baustoff- und Farbengroßhandel, die tief in der langen Sackgasse liegen. Die geplanten 206 Zimmer sollen laut Plan 2021 bezugsfertig sein. Ihren Start für eine „Berlin-Offensive“ mit der Marke „niu“ plant die Novum Hospitality Group aus Hamburg jedoch bereits im kommenden Herbst. Insgesamt beabsichtigt die Gruppe, bis 2021 fünf niu-Hotels in Berlin zu eröffnen.

Als Vorreiter wird ein eher außergewöhnliches Haus in Lichtenberg eröffnen: Das vermutlich weltweit erste Hotel, das in Modulbauweise auf dem obersten Parkdeck eines Shopping-Centers entsteht. Das Konzept dafür liefert MQ Real Estate, ein Start-up aus Berlin, das mit den vorproduzierten, voll funktionsfähigen Hotelzimmermodulen nicht nur Geld verdienen, sondern auch dazu beitragen möchte, wertvolle Stadtflächen sinnvoller zu nutzen. Die Initiatoren des „Skypark-Hotelkonzepts“, Nikolai A. Jäger und Björn-M. Hiss, glauben, dass ihre Idee verfängt. Bei der pompösen Vorstellung des ersten Moduls 2016 auf dem Ring-Center in Lichtenberg hatten sie verkündet, „in den kommenden fünf Jahren mehr als 1000 Module auf Parkhäusern in europäischen Metropolen“ zu bauen.

Auf Nachfrage teilt Geschäftsführer Jäger heute mit: „Wir haben insgesamt mehr als zehn Projekte in der Pipeline und bereiten neben Berlin derzeit weitere drei für die Umsetzung in 2018 und 2019 vor.“ Wo genau und mit welchen Partnern MQ Real Estate zusammenarbeitet, mag Jäger „erst zu einem späteren Zeitpunkt“ öffentlich machen. Jetzt, knapp zwei Jahre nach der ersten Ankündigung, werden zunächst 143 Zimmermodule dem Ring-Center II aufs Parkhaus gesetzt, samt Lobby, Bar und Rezeption. Obwohl der Eröffnungstermin Herbst im zeitlichen Denken von Hoteliers nicht mehr so sehr weit in der Zukunft liegt: Ein Zimmer buchen lässt sich noch nicht. „Nein, es gibt noch keine Buchungsfreigabe“, bestätigt Unternehmenssprecher Carsten Hennig. Firmenintern sei man derzeit in der Feinabstimmung. „Als grobe Zielmarke sehe ich jedoch einen Betrag von etwas weniger als 90 Euro pro Zimmer.“

Alles rundum smart - die Gäste dürfen per App ein- und auschecken

Für die Novum Gruppe ist Berlin keineswegs neues Terrain. Mit Häusern in der Kategorie „eher günstig“ werden unter der Marke Novum altbekannte Hotels wie „Franke“ und „Lichtburg“ in Wilmersdorf oder auch das „Gates“ in Charlottenburg geführt. Zur Marke „Select“ zählen etwas höher eingeschätzte Betriebe wie das „Spiegelturm“ an der Spandauer Freiheit, das „Gendarmenmarkt“ und „The Wall“ in Mitte. Daneben führt die Novum als Franchisenehmer Marken von Accor, IHG und Best Western. Mehr als 160 Häuser mit etwa 20 000 Zimmern werden zentral aus Hamburg gesteuert.

Nun also der „Run auf Berlin“, wie Novum-CEO und -Eigentümer David Etmenan das Etablieren der Marke „niu“ formuliert. „Wir sehen insbesondere für diese Marke großes Potenzial in Berlin.“ Als Zielgruppe hat er die sogenannten Millennials im Visier, jene Menschen also, die auch gern als „Generation Y“ bezeichnet werden. Grob gesprochen also alle zwischen 1980 und 2000 Geborenen, die in der digitalen Welt leben und mit ihr voll vertraut sind. Entsprechend werden die Häuser eingerichtet. Die Gäste dürfen per App ein- und auschecken, Bluetooth-Boxen auf den Zimmern nutzen, schnelles Internet wird in jeder Ecke des Hauses geboten, die „Living Lobby“ wird mit Coworking-Clustern ausgestattet (manche Kritiker behaupten, weil die Zimmer so klein seien), alles soll nachhaltig, rundum „smart“ sein. Versprochen wird „Vier-Sterne-Komfort zu Drei-Sterne-Preisen“. Dem Ganzen wird auch die oft regional geprägte Gastronomie entsprechen, „wobei die immer unter unserem zentralen Food-and-Beverage-Management bleibt“, wie Sprecher Hennig verspricht.

Das Haus am Schöneberger S-Bahnhof, also ganz in der Nähe des Euref-Campus, wird mit seinen 206 Zimmern als erster kompletter Neubau in der Hauptstadt schon eine gewisse Sonderstellung im Gruppengefüge einnehmen. Unter der Federführung der Ed. Züblin AG wird auf dem tiefen Grundstück ein einzelner Baukörper entstehen. Ein entsprechender Bauantrag wurde laut Aufstellung des Bezirksamts Tempelhof-Schöneberg am 28. April vergangenen Jahres gestellt. Eine Baugenehmigung liegt bisher nicht vor. „Antrag unvollständig“, besagt ein Vermerk auf dem Dokument, und das Büro von Baustadtrat Jörn Oltmann (Grüne) bestätigt: „Der Bauaufsicht liegt ein Bauantrag vor“, wann eine Genehmigung erteilt werde, sei allerdings nicht absehbar.

Das Büro von Architekt Max Dudler entwarf auch das Grimm-Zentrum

„Unsere Planungen sind nun abgeschlossen, jetzt beginnt die Ausführungsphase“, sagt Novum-Sprecher Carsten Hennig. Wie das Gebäude aussehen werde, könne er noch nicht sagen. „Bei 206 Zimmern wird es sicher kein Turm.“ Selbst intern lägen derzeit keine Visualisierungen des Architekten Max Dudler vor. Dessen Büro zeichnete in Berlin schon für prominente Gebäude verantwortlich, wie etwa das Grimm-Zentrum an der Humboldt-Universität.

Neben Lichtenberg und Schöneberg sollen drei weitere niu-Hotels in Berlin realisiert werden. Das für 2021 geplante „Electra“ wird in ein Bestandsgebäude an der Quedlinburger Straße in Charlottenburg eingepasst. „Wir bauen um, der Rewe-Markt im Erdgeschoss bleibt jedoch bestehen“, versichert Sprecher Hennig. Nur ein paar Schritte weiter liegt das bereits 1984 eröffnete Econtel an der Sömmeringstraße.

Ein Neubau mit 500 Zimmern ist an der Eldenaer Straße 33 in Prenzlauer Berg vorgesehen. In Bohnsdorf, nahe dem künftigen Hauptstadtflughafen, wird ebenfalls neu gebaut. Dort sollen neben Hotelzimmern auch einige „Serviced Apartments“ etabliert werden, für Gäste, die sich für mehr als ein, zwei Nächte häuslich einrichten möchten.

Auf dem Grundstück am Werdauer Weg ist der Abrisstrupp angerückt

Während die einen planen, machen sich andere auf dem Grundstück am Werdauer Weg ans Werk. Wo bis vergangenen Herbst noch in scheußlich ausschauenden Zweckbauten an Autos geschraubt wurde und Reifen Müller seinen Kunden neue Pneus aufzog, ist die Abrisstruppe eingeritten. „Vor vierzehn Tagen war Übergabe des Grundstücks an den neuen Eigentümer. Die meisten Firmen sind aber schon lange raus, allerdings gab es zwischenzeitlich mal Probleme mit ein paar Obdachlosen“, weiß der Chef der Truppe. Wer das Grundstück gekauft hat, kann der Vorarbeiter nicht sagen. Ein Blick ins Handelsregister Potsdam gibt Aufklärung: Eigentümer ist die Werdauer Weg 3 Immobilien Projektentwicklungs GmbH & Co. KG, Bestandteil eines Firmennetzwerks, bei dem ein Geschäftsmann aus Kleinmachnow, Jeroen Dorenbos, die Fäden in der Hand hält.

Ob der Novum Gruppe das auf dem Hof geparkte Fahrzeug der Schadstoffsanierung Rostock GmbH Kopfschmerzen bereite? „Ach wissen Sie, bei solchen Projekten muss immer mit Unvorhergesehenem gerechnet werde. Wenn Verunreinigungen vorliegen und Erdreich dekontaminiert oder ausgetauscht werden muss – dann besser jetzt als später“, gibt sich Novum-Sprecher Carsten Hennig betont gelassen.

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