Immobilien : Mut zum Tapetenwechsel

Große Muster, Blumen oder Grafiken sollen künftig die Wände der Wohnung schmücken

Marion Hartig

Zuerst hat man sie vor einigen Jahren wieder in den Bars und Hotels gesehen. Die puristisch nackten Wände galten plötzlich nicht mehr überall als schick und wurden mit bunten, stilvollen oder poppigen Tapeten im Retrostyle überklebt. Dann tauchten mit Blumen bedruckte Tapeten als Wandschmuck in großen Kaufhäusern auf oder als Raumdekor in Fernsehsoaps. Inzwischen findet man den gemusterten Wandschmuck auch in vielen Wohnungen wieder.

Die Schmucktapete ist bisher zwar noch weit davon entfernt, die weiße, schlichte Wand aus den Innenräumen gänzlich zu verbannen. Die Deutschen mögen es zu Hause nach wie vor klassisch: Jede dritte Tapetenrolle, die über den Verkaufstisch geht, ist Raufaser. Das waren im vergangenen Jahr immerhin rund 17 von insgesamt 50 Millionen verkauften Rollen. Doch: „Die Tapete ist im Kommen“, sagt Klaus Kunkel vom Deutschen Tapeten-Institut – und wer sich für bunte Wände entscheidet, hat die Qual der Wahl: 30 000 Tapetenmuster werden pro Jahr auf den Markt gebracht.

Die meisten Tapeten werden industriell produziert. „Es gibt eigentlich nichts, was es nicht gibt“, sagt Kunkel. In Tapetenläden und Baumärkten kann man sich durch dicke Musterbücher blättern, um die Richtige zu finden. Viele Händler vertreiben ihre Rollen auch im Internet.

Doch neben der industriellen Massenproduktion gibt es auch immer mehr individuellere Kreationen. Einen Eindruck davon, was Tapete dann sein kann, bekommt man zum Beispiel bei „Extratapete“, einem kleinen, unauffälligen Laden in Prenzlauer Berg, der sich auf digitale Druckverfahren spezialisiert hat. An einer der Wände hängt „Benita“. Auf der fast wandhohen, zwei Meter breiten Fototapete prangt eine grüne Gräserwelt. Gegenüber lenkt „Floretta“ mit einem grauweißen Muster, das sich verändert, wenn man darauf zugeht, die Blicke der Kunden auf sich. An der hinteren Wand des kleinen Geschäfts zieht Henry, ein blau-olivgrünes Querstreifenmuster, den Raum in die Breite.

Hinter einem schlichten hellen Schreibtisch sitzt Matthias Gerber. Er ist 32 Jahre alt, Grafikdesigner von Beruf und bastelt an seinem Rechner an Designs für neue Tapetenkollektionen. Mit einer Kollegin hat er den Laden vor acht Jahren aufgebaut. Inzwischen läuft er gut. Fototapete, Mustertapeten, grafische Bilder, Sternenbilder, verwischte Landschaften, pastellfarbene Muster, die ihre Wirkung je nach Perspektive verändern. „Die Nachfrage ist enorm“, sagt Gerber. Dabei ist Tapete für ihn heute kein Rundumdekor, bei dem sich ein Ornament ans nächste reiht. Tapete ist für ihn eher wie ein schönes Bild, ein Highlight des Raumes. Ein verschwommenes Blumenfeld am Ende des Flurs, eine von Meer umgebene Paradiesinsel auf einer überdimensionalen Landkarte im Wohnzimmer, Rosendrucke à la DDR-Verpackungspapier an der Küchenwand oder Sternenbilder im Schlafzimmer. „Tapete ist heute so etwas wie ein grafisches Statement“, sagt Gerber.

Die Kunden haben auch die Möglichkeit, selbst gemachte Muster oder Fotos verarbeiten zu lassen. Computertechnik macht’s möglich. Landschaftsaufnahmen aus dem Urlaub lassen so aus der Wohnzimmerwand daheim nicht nur einen individuellen Hingucker werden, sondern schaffen auch eine originelle Erinnerung. Die digitalen Bilder werden von den Grafikdesignern bearbeitet und an eine Druckerei versandt. Zwei Wochen später kommen die fertigen Tapetenbahnen in Plastikrollen verpackt zurück zum Auftraggeber.

Noch ist das digitale Druckverfahren aber eine Randerscheinung auf dem Tapetenmarkt. Unternehmen wie „Extratapete“ machen einen Marktanteil von etwa fünf Prozent aus, sagt Klaus Kunkel. In Berlin bietet gerade mal eine Handvoll Läden digital produzierten Wandschmuck an. Gewöhnlich kommt die Tapete nach wie vor von der Rolle. Sie wird in großen Auflagen maschinell per Siebdruck hergestellt. Zwölf Fabriken gibt es in Deutschland.

Zu einem der größten deutschen Hersteller gehört AS Création. „Immer mehr Menschen hängen sich wieder Tapete an die Wand“, sagt die Sprecherin Andrea Kersten. Sie würden die gemütliche Atmosphäre schätzen. Ganz im Sinne des Cocooning richte man sich die Wohnung ein: wohlfühlen wie die Raupe in einem Kokon sei angesagt. Die stressige, laute Welt bleibt draußen. Und: Die eigenen vier Wände werden ganz individuell eingerichtet. Modern ist, was gefällt.

Die Tapete spielt dabei eine ganz neue Rolle. Sie trete nicht mehr unscheinbar in den Hintergrund und lasse Bildern, Möbeln und Teppich den Vortritt. Die moderne Tapete setze eigene Akzente, meint Andrea Kersten.

„Es ist einfach Zeit für farbige Wände“, sagt auch Elke Pfeiffer von dem Traditionsunternehmen Gebr. Rasch, das seit 1789 Tapeten herstellt. Und in dieser Meinung schwingt sicher die Hoffnung mit, dass sich der Tapetenmarkt nun wieder von den gesunkenen Verkaufszahlen der vergangenen Jahrzehnte erholt. Nach dem Boom in den bunten 1970er Jahren nahmen die Verkäufe nämlich kontinuierlich ab. Derzeit profitiert die Branche von den Verkäufen ins Ausland – 70 Prozent der deutschen Tapetenproduktion gehen dort hin. Die meisten Rollen werden in Russland an die Wände geklebt, an zweiter Stelle steht Frankreich. Auch in der Ukraine und Polen sind deutsche Tapeten gefragt. Die Muster allerdings dürften weniger dem hiesigen Geschmack entsprechen. In Osteuropa zum Beispiel sind schwere Farben und ornamentale Muster angesagt, meint Klaus Kunkel – bis dahin ist es noch ein weiter Weg in deutschen Wohnzimmern.

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