Nachhaltiges Bauen mit Holz : Vorschriften hinken technischer Entwicklung hinterher

Natürliche Rohstoffe wie Holz bieten viele Vorteile. Leider sind Genehmigungsverfahren für den Holzbau oft besonders langwierig.

Vor die Fichte geführt. Für den Siebengeschosser musste die Berliner Bauordnung umgangen werden.
Vor die Fichte geführt. Für den Siebengeschosser musste die Berliner Bauordnung umgangen werden.Foto: picture-alliance/ dpa

Ein Geheimtipp ist es nicht mehr, das Bauen mit Holz. Die Argumente bekannt: nachwachsender Baustoff, geringe Transportkosten, hoher Vorfertigungsgrad, kurze Bauzeiten, gutes bauklimatisches Verhalten, gut zu recyceln. Kurz: Holzhäuser haben eine günstige Ökologiebilanz. Dennoch, so kann Tom Kaden berichten, stößt er immer wieder auf Bauherren, Politiker, Entscheidungsträger, die sich von den Vorzügen des traditionellen Baustoffs überrascht zeigen. Das ist rätselhaft, berichten doch nicht nur die Fachgazetten über das Thema, sondern auch die Publikumsmedien.

Dort sind Superlative hilfreich: Kanada meldete sich mit einem Studentenwohnheim mit 53 Metern Höhe zu Wort. Derzeitiger Rekordhalter ist der 85,4 Meter hohe Mjøstårnet im norwegischen Brumunddal, der Anfang des Monats eingeweiht wurde. Der Bauherr hatte noch rasch vier Meter draufsatteln lassen, als er vom HoHo (Holzhochhaus) in Wien hörte, das bis Juni 84 Meter erreicht. Doch die Rekordmarke wird nur von kurzer Dauer sein. London will 300 Meter stemmen, in Tokio ist ein nachhaltiger, ökologischer 350-Meter-Turm geplant (hinter die ökologischen Vorzüge eines Skyscrapers aus Holz möchte man doch gerne drei Fragezeichen setzen).

Auch Tom Kaden baut derzeit ein hölzernes Hochhaus, das SKAIO in Heilbronn, Teil der dortigen Stadtausstellung im Rahmen der BUGA, mit bescheidenen zehn Geschossen und 34 Metern das derzeit höchste Deutschlands. Tom Kaden betreibt in Berlin in Partnerschaft mit Markus Lager das Architekturbüro Kaden+Lager. Der Holzbau treibt ihn seit 20 Jahren um, die Zahl seiner Projekte geht gen 200. Längst gilt er als der Spezialist für Holzbau in Deutschland und darüber hinaus. Er wird zu Symposien eingeladen, hält Vorträge, gibt Fortbildungsveranstaltungen für Architekten und hat inzwischen eine Professur für Holzbau an der Architekturfakultät der TU Graz inne. Aber Architekt darf sich der studierte Designer nicht nennen – beschied die Architektenkammer.

Vorschriften über Vorschriften

Kaden ist auf deren Segen offenkundig nicht angewiesen. Er tut ohnehin das, was Kernaufgabe der Kammer ist: die Baukultur voranbringen. Kaden brennt für den Holzbau – der Kalauer sei erlaubt – setzt sich in Forschung und Lehre für dessen Weiterentwicklung ein und versucht vor allem, die Novellierung der Landesbauordnungen zu forcieren. Denn in den Vorschriften sieht er die größten Widerstände für die nachhaltige, zukunftsträchtige Bauweise.

Die Genehmigungsphasen sind immer noch zu langwierig. Es tut sich zwar einiges in einzelnen Bundesländern, doch die Anpassung der Vorschriften an die bautechnische Entwicklung gehe viel zu langsam. Eine andere Problematik sieht Kaden in der Vielzahl der von den Baufirmen entwickelten Systeme. Holzbau hat nur als Systembau Sinn. Architekten und Baufirmen neigen dazu, für jedes Projekt immer neue Systeme zu entwickeln. Notwendig wäre jedoch eine Konzentration, eine Normierung, Baukästen mit hohen Stückzahlen. „Systemische Wiederholung“ im Konstruktionsprozess ist deshalb ein Hauptforschungsthema an seinem Lehrstuhl in Graz.

Kaden+Lager suchen bei ihren Bauten die Zusammenarbeit mit potenteren Partnern. In Heilbronn ist des die Firma Züblin, die den Bau hochzieht. Am längsten dauerte die Erstellung des zentralen Treppen- und Aufzugskerns aus Stahlbeton. Der Rest ist eine Pfosten-Riegelkonstruktion. Die tragenden Innenwände aus Brettschichtholz bleiben holzsichtig, ebenso wie die Decken. Die Böden, ohne Gussestrich in zeitsparendem Trockenausbau, bestehen aus neun Schichten (hier sieht Kaden Optimierungsbedarf). Doch sie sind komplett trennbar und recycelbar, eine Kernforderung des nachhaltigen Bauens. Die hinterlüfteten Fassaden bestehen aus ebenfalls leicht recycelbaren Aluminiumtafeln. Thermisch aufquellende Dichtungsstränge verschließen im Brandfall die Hinterlüftung und verhindern die Kaminwirkung.

Brandschutz ist kein Problem

Beim Thema Holzhaus denkt jeder Mensch spontan an Feuergefahr, doch der Brandschutz ist längst nicht mehr das Thema. Wenn ein Stahlbau schön längst eingeknickt ist, halten die Holzquerschnitte noch lange stand. Hochhäuser müssen ohnehin vollständig mit einer Sprinkler-Löschanlage ausgerüstet sein. Im SKAIO ist eine Hochdruck-Wassernebelanlage eingebaut, die mit wenig Wasser hohe Löschwirkung erzielt – wenig Wasser, wenig Schaden – und ohne Löschwasserreservoir auskommt.

Holzbau hat es dennoch schwer, weil er als teuer gilt. Kaden rechnet mit drei bis fünf Prozent Mehrkosten, anderenorts ist von zehn Prozent die Rede. Das sind harte Zahlen, die bei Investoren oft den Ausschlag geben. Doch Kaden rechnet die Vorzüge gegen: Holzbau nimmt weniger Konstruktionsfläche in Anspruch. Das kann bei einem Projekt mit 30 Wohnungen eine ganze Wohneinheit ausmachen. Und ein Holzhaus ist schnell montiert. Ein Geschoss pro Tag ist auf manchen Baustellen durchaus möglich. Bauzeiteinsparung ist bares Geld.

Das Skaio-Projekt.
Das Skaio-Projekt.Foto: promo

Nur so war ein weiteres Kaden+Lager-Projekt in Leipzig möglich, eine Schule im Rahmen des Schulbau-Sofortprogramms. Aufgrund der harten Ausschreibungsbedingungen macht ihr im Wettbewerb siegreicher Entwurf optisch einen eher drögen Eindruck. Die vierzügige Oberschule wird in 3D-Modulbauweise errichtet, d.h. aus per Lkw transportablen, vorgefertigten Raummodulen zusammengesetzt, hergestellt in Berlin in einem Werk der einschlägig bekannten Vorarlberger Holzbaupioniere Kaufmann. Die Baupläne wurden am 31.12.2018 eingereicht. Am 1. August diesen Jahres ist Schulbeginn! „Sofortschule“ eben, nur möglich im Holzsystembau. Die Mehrkosten liegen bei diesem Projekt zwar höher, doch einerseits bestand der dringende Bedarf, andererseits will die Leipziger Bauverwaltung unter der in Berlin bestens bekannten Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau mit der ökologischen Bauweise Zeichen setzen.

Designer Tom Kaden und Architekt Markus Lager haben gut zu tun. Fast täglich kommen Anfrage Bauwilliger, auch ganz großer Player. Der moderne, innovative Holzbau, aufgekommen vor drei Jahrzehnten in Vorarlberg, hierzulande noch im fünf Prozent Bereich agierend, scheint nun doch Tritt zu fassen. Das Interesse von Studenten und jungen Architekten ist enorm. Die Bautechnikforschung kommt voran. Alle Umweltparameter sprechen dafür. Angesichts der jüngsten Meldungen, der Sand für den Betonbau werde knapp, ist Holzbau umso mehr das Gebot der Stunde. Die diesbezügliche Aktualisierung und Harmonisierung der Landesbauordnungen zu befördern, sollte man flugs der designierten Bau-Staatssekretärin Anne Katrin Bohle ins Pflichtenheft schreiben.