Postscheckamt in Kreuzberg : Umgestaltung geht in die Zielkurve

Investor Christoph Gröner und Baustadtrat Florian Schmidt verhandeln über die Zukunft in Kreuzberg.

"Vertical Village" - unter diesem Label sollten ursprünglich Apartments im alten Postturm verkauft werden. Nun kommt es anders.
"Vertical Village" - unter diesem Label sollten ursprünglich Apartments im alten Postturm verkauft werden. Nun kommt es anders.Grafik: Eike Becker Architekten

Die Umgestaltung des Areals mit dem Postbankturm in Kreuzberg geht in die Zielkurve – und nimmt dort erneut eine überraschende Wende: Stand zunächst der Bau von Wohnungen im Vorder- und der Bau von Gewerbeflächen im Hintergrund, so kehrt sich das ursprüngliche Verhältnis von 70 zu 30 nach Informationen dieser Zeitung um. Der Postbankturm bleibt, was er ist.

Es werden hier keine Wohnungen eingebaut („Vertical Village“), sondern neue Gewerbe-, respektive Büroflächen geplant. Am Landwehrkanal entstehen weitere Büro- und Gewerbeflächen, auf der anderen Seite des alten Postscheckamtes Berlin-West entwickelt die städtische Degewo, Berlins größte Wohnungsbaugesellschaft, Wohnungen, betreibt also auf drei Baufeldern kommunalen Wohnungsbau. Die ursprünglich geplante soziale Durchmischung der Gemeinschaft, die sich hier zusammenfinden soll, wird aufgegeben: Der Standort Hallesches Ufer 60 könnte sich zu einem Ghetto und sozialen Brennpunkt erster Güteklasse entwickeln, wie Mitglieder der Bezirksverordnetenversammlung Friedrichshain- Kreuzberg befürchten.

Bezirksverordnete Marlene Heihsel (FDP) sagte auf Anfrage: „Wenn in den Turm nur hochpreisiges Gewerbe einzieht, dann prallen da soziale Gegensätze aufeinander, die viel gesellschaftlichen Zündstoff enthalten. Wir würden uns eine größere Durchmischung des Wohnraums für Mieter und Eigentümer jeder Preisklasse wünschen, da dies zu einem größeren gesellschaftlichen Zusammenhalt führt.“ Sie gehe davon aus, dass dieser Kompromiss von der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) gebilligt werde. Eine Rückkehr zu vorherigen Vereinbarungen sei theoretisch zwar möglich, „aber nicht sehr realistisch“, sagte Heihsel.

Die Grafik zeigt die Nutzung der Baufelder, Stand September 2018
Die Grafik zeigt die Nutzung der Baufelder, Stand September 2018Grafik: Tsp/Klöpfel

"Eine Mauschelei, die alles auf den Kopf stellt"

Variante 2 (siehe Grafik) ist inzwischen die, die die CG Gruppe als Bauherrin in Abstimmung mit Kreuzbergs Baustadtrat Florian Schmidt (Grüne) und der in die Verhandlungen eingebundenen Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen favorisiert. Schmidt und Christoph Gröners CG Gruppe sagten auf Anfrage zu den Plänen: „Der grundsätzliche Rahmen ist gefunden. Die Parameter werden gerade in eine entsprechende Vereinbarung überführt. Ende Oktober soll zwischen den drei Parteien ein Einvernehmen hergestellt werden. Vor Ablauf dieses Zeitraums möchten wir den konstruktiven Prozess fortführen und würden gerne von Veröffentlichungen absehen. Gerne informieren wir Sie nach einer getroffenen Vereinbarung von dem Ergebnis.“

„Eine Mauschelei, die alles auf den Kopf stellt“, kommentiert ein Bezirksverordneter der BVV, der nicht genannt werden möchte (der Name ist der Redaktion bekannt). Die nun gefundene Lösung sei „städtebaulich ein Offenbarungseid“.

Im politischen Streit mit dem Bezirk hatte Gröner zuletzt im August ein Banner an die Fassade des ehemaligen Postbankturms hängen lassen. Darin wurde Rot-Rot-Grün vorgeworfen, den Bau von 623 Wohnungen zu verhindern.

Der Bezirk legt Gröners CG-Gruppe die Daumenschrauben an

Nach einer dem Tagesspiegel vorliegenden Erklärung „zur Entwicklung des Standortes Hallesches Ufer 60 im Plangebiet des Bebauungsplanverfahrens VI-46-1“ wurde bisher das als Variante 1 bezeichnete Planungskonzept verfolgt und auf der Grundlage dieses Planungskonzeptes die frühzeitige Träger- und Öffentlichkeitsbeteiligung durchgeführt. Nun soll aber auch die Variante 2 geprüft werden, die vor allem von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung favorisiert werden dürfte, weil hier allein eine landeseigene Wohnungsbaugesellschaft, die Degewo, zum Zuge kommt. In der Variante 2 ist laut Erklärung vorgesehen „dass die degewo neben dem Baufeld 3 gemäß Letter of Intent vom 22. Februar 2017 ferner die Baufelder 1 und 2 erwirbt.“ Und weiter heißt es: „Die Erklärenden gehen nach derzeitigem Gesprächsstand davon aus, dass die Grundstücksteilfläche der Baufelder 1-3 bei dieser Teilungsvariante unbebaut an die degewo veräußert werden.“ Nähere Einzelheiten sollen in einem gesonderten Letter of Intent zwischen dem Eigentümer und der degewo näher konkretisiert werden.

„Auf der Basis dieses Verständnisses für die beiden Lösungswege wollen die Erklärenden in der Folgezeit die Vor- und Nachteile der beiden Lösungswege miteinander aber auch mit weiteren Projektbeteiligten näher erörtern“, so heißt es in der Präambel der Erklärung von Bezirk und CG Gruppe. Wie eng der Bezirk Gröners CG-Gruppe die Daumenschrauben anlegt, ist dem Schlusspunkt der „Gemeinsamen Erklärung“ zu entnehmen.

Gröner soll Grundstücke an die Degewo verkaufen, ehe er für die eigenen Vorhaben Baurecht erlangt: „Die Erklärenden haben das gemeinsame Verständnis, dass nach der getroffenen Auswahlentscheidung zunächst der Kaufvertrag zwischen dem Eigentümer und der degewo abgeschlossen wird.“ Damit sei für das weitere Verfahren aber noch nichts entschieden, so heißt es zur „Entscheidung und Abfolge der Verträge“ weiter: „Der Eigentümerin (der CG Gruppe, d. Red.) ist bewusst, dass Berlin sich nicht durch diese Erklärung zur Schaffung von Baurecht oder zur Aufstellung eines Bebauungsplans verpflichten kann.“

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