"Sprayer von Zürich" : Naegeli: „Besprühte Züge sind großartig“

Vor ihm gab es keine Graffiti im öffentlichen Raum. Harald Naegeli, der berühmte „Sprayer von Zürich“, über Felsenmalerei, Kapitalismus und die Utopie, die in uns allen steckt.

Kunst oder Vandalismus? Ein Passagier steht am Berliner Hauptbahnhof vor einem mit Graffiti beschmierten ICE.
Kunst oder Vandalismus? Ein Passagier steht am Berliner Hauptbahnhof vor einem mit Graffiti beschmierten ICE.Foto: Marius Schwarz

Harald Naegli: Ah, Sie vom Tagesspiegel, Sie wollen mich jetzt verhören, oder? Das ist ein politisches Moment, wenn Sie jetzt mit mir sprechen. Sie kommen ja immer wieder, die Klagen von den Eigentümern. Der Kapitalismus ist ja der innerste Glaube aller Bewohner dieser Erde.

Tagesspiegel: Wir wissen schon, dass Sie wieder mit der Justiz in Zürich über Kreuz liegen. Es geht uns aber gar nicht um die Grundeigentümer und auch nicht um Graffitibeseitigung. Wir hätten es gerne eine Nummer kleiner: Es geht um Kultur.

Dann ist es gut.

Welche Aufgabe wäre für Sie verlockender: Die Arbeit an Ihrer gestrichelten „Urwolke“, die Sie in aller Ruhe in Ihrem Atelier verewigen könnten, oder eine illegale und damit natürlich unbezahlte Sprayaktion bei Dunkelheit in ihrer Geburtsstadt Zürich?

Die Utopie steckt in uns allen. Das ist der geheime Sehnsuchtsort und Nicht-Ort. Beides zusammen. Utopie heißt ja „Nicht-Ort“. Aber wir suchen diesen Nicht-Ort. Weil wir ja eigentlich verortet sind in irgendwelchen gesellschaftlichen Bedingungen, die uns dann letzten Endes wie ein Gefängnis erscheinen. Wo man sich die Freiheit denken kann. Zur Utopie gehört für mich also die Vorbereitung: meine Zeichnungen, meine endlosen Skizzen, oder die Urwolke selbst, das sind politische Meditationen zu dem politischen Knall selbst. Der Knall, der in der Öffentlichkeit stattfinden muss, und der geheimnisvoll ist. Geheimnis. Das heißt also: überraschend. Es gibt eine sehr schöne Aussage von Baudelaire, der sagte: Das Schöne ist das Unerwartete. Die Überraschung. Meine Utopie lebt also davon, dass man nicht weiß, dass sie kommt. Plötzlich ist sie da und erfreut. Oder sie schockiert. Die Utopie ist eben das Gegenteil von all diesen legalisierten und tradierten Möglichkeiten, sich zu manifestieren. Mein Leben oder meine utopische Vorstellung ist latent in allen meinen Arbeiten vorhanden. Sie ist auch in Zeichnungen enthalten. Aber die politische Dimension findet nur im urbanen Raum statt.

Harald Naegeli (78) hat sein Skizzenbuch immer parat. In dieser Woche vermachte er seiner Heimatstadt Zürich eines seiner Kunstwerke.
Harald Naegeli (78) hat sein Skizzenbuch immer parat. In dieser Woche vermachte er seiner Heimatstadt Zürich eines seiner...Foto: Ennio Leanza/Keystone/dpa

Die Street-Art-Künstler berufen sich auf den urbanen Raum. In Berlin sind in den vergangenen Wochen beim ersten Berliner Mural Fest Brandwände mit neuen Motiven bemalt worden. Haben Sie diesen Artisten gedanklich Böden und Wände bereitet? Sind das Ihre künstlerischen Freunde? Oder hat das mit Ihren Zeichnungen wenig gemein?

Doch, doch, es hat schon sehr viel gemein. Ich kann schon sagen, dass ich wohl einer dieser Pioniere bin, die Grundlagen geschaffen haben. Schon als ich Anfang der achtziger Jahre geflohen bin – nach diesem Urteil aus der Schweiz – bin ich direkt nach Hamburg, Berlin, Düsseldorf, Köln und Aachen und habe dort überall gesprüht. Und nirgendwo gab es vorher Graffiti. In der Schweiz gab es auch keine. Ich war ein Vorläufer in einem geistigen Sinne. Figürliche oder bildhafte Graffiti gab es damals eigentlich kaum. Was es in den 1968er Jahren hauptsächlich gab, waren verbale Graffiti. Und wenn ich das jetzt in den deutschen Städten sehe – dann ist ja eigentlich alles knallvoll mit Graffiti.

Allerdings gibt es einen ganz erheblichen Unterschied zu den jugendlichen Nachfolgern, die meist gar nicht meinen Namen kennen: Meine Graffiti, also die Bildkunst in der Öffentlichkeit, gehen zurück auf die Felsenmalerei. Und dort waren die Wände eigentlich eingerissen, graffitare heißt ja kratzen. Und da kommt auch das Wort Graffiti her. Meine Figuren sind an den Ort gebunden. Wie auch diese ursprünglichen genialen Zeichnungen an den Felsenwänden. Gegenwärtige Graffiti sind dagegen farbig. Sehr groß, sehr monumental. Es gehören sehr viele sportliche Leistungen dazu.

Der fundamentale Unterschied ist eigentlich der, dass der Träger, also die Mauer, von Jugendlichen wie eine Leinwand benutzt wird. Während bei mir entscheidend ist, dass da jedes kleine Moment einbezogen wird. Ich komme ja ursprünglich von der Collage her. Ich habe als 17-Jähriger stundenlang Papierstücke hin- und hergeschoben. Aus dieser Sicherheit in der Fläche ist dann eine Sicherheit im Raum geworden. Wonach ich eben für die Linie – ich bin ein geborener Linienmensch – immer irgendwie einen Griff zum Träger haben muss, also zur Architektur. Diese Graffiti sind übrigens eine Art Kalligraphie. Von meinen Graffiti ausgehend kann man sagen, dass diese Graffiti eine kollektive Kunst sind, eine kollektive Volkskunst. Die meisten sind anonym.

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