Der "Speckgürtel" ist nicht im Fokus

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Stadtentwicklung : Berlin hat (k)einen Plan
Richtfest in Berlin. Hochpreisiger Wohnraum entsteht in Berlin allerorten, wie in diesem Gebäude, das sich wie ein U über dem U-Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park erhebt.
Richtfest in Berlin. Hochpreisiger Wohnraum entsteht in Berlin allerorten, wie in diesem Gebäude, das sich wie ein U über dem...Foto: Reinhart Bünger

Nahegelegene Schulen, eine nicht zu große Entfernung zum Arbeitsplatz, gute Einkaufsmöglichkeiten in der Nähe, eine gute medizinische Versorgung vor Ort sowie gute Luft und wenig Verkehrslärm beeinflussen die Standortentscheidung von Käufern einer Immobilie im gleichen Maße wie die von Mietern.

Unter den Mietern mit Kaufplänen sind einer Umfrage des Instituts Allensbach aus dem Januar 2017 zufolge 77 Prozent nicht bereit, weiter als 30 Kilometer zum Arbeitsplatz zu pendeln. Die Ergebnisse sind nach Angaben der Macher repräsentativ für die Bevölkerung ab 16 Jahren. Was aber hieße das für die Großstadt Berlin und die Entwicklung des Speckgürtels?

Berlins Landesregierung ist mit Brandenburg zwar im Gespräch. Doch Brandenburg möchte nicht, dass sich das Wachstum der Hauptstadt allein in dessen Umland ausbreitet. Die regionalen Zentren Brandenburgs sollen davon profitieren, so der verständliche aber auch sehr fromme Wunsch.

Es scheint, als sei die Entwicklung des Berliner Umlandes dem Zufall überlassen. Zwar weist die zuständige Senatorin auf Anfrage des Tagesspiegels darauf hin, dass sich „das kommunale Nachbarschaftsforum, ein Zusammenschluss von Brandenburger Kommunen und Berliner Bezirken, konkret um die Abstimmung der räumlichen Entwicklung im äußeren Berlin und im Umland kümmert“.

Der Wettbewerb zwischen den Metropolen wächst weltweit

Doch die vorliegende Fassung des Entwurfs des Landesentwicklungsplans Hauptstadtregion Berlin-Brandenburg steht in der Kritik. Der Architekt Ulrich Springer blickt als ein von der Architektenkammer Berlin öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger mit Schaudern auf den Wildwuchs im Umland: „Einstellungen, Entscheidungen und Rahmenbedingungen müssen sich in beiden Ländern grundlegend ändern, um eine gemeinsame Landesplanung auf das Niveau der Probleme und Möglichkeiten in der Metropolregion zu heben“, schreibt der Diplom-Ingenieur unter der Überschrift „Ziellos zur Sechs-Millionen-Metropole“ in der Zeitschrift der Baukammer Berlin. Es gehe, so Springer weiter, „um die Kernfrage, ob sich die aus allen Fugen platzende Hauptstadt wie der Inhalt einer versehentlich umgestoßenen Kaffeetasse ins Umland ergießt oder aber dieser Wachstumsprozess sinnvoll gesteuert und strukturiert wird.“

Letzteres ist aus Berliner Sicht in doppelter Hinsicht wünschenswert. Zum einen für die Bürger, die hier leben, zum anderen für die, der gerne kommen würden – oder aus wirtschaftlichen Gründen sehr erwünscht sind.

Der Wettbewerb zwischen den Metropolen wächst weltweit. Funktionfähige Durchmischungen von Einzelhandel, Gastronomie und Kultur sind gute Argumente einer Großstadt, die Vielfältigkeit des Wohnungsangebotes vorausgesetzt. In Berlin hat man sich erst einmal darauf verständigt, das Angebot von Ferienwohnungen einzuschränken – im internationalen Wettbewerb um die klügsten Köpfe und besten Kräfte nicht eben eine strategisch richtungsweisende Entscheidung in die Zukunft einer Weltstadt.

Balance also ist das Zauberwort. Tradition und Moderne, private Ruhezonen im öffentlichen Raum und urbane Lebendigkeit sollten im Einklang sein. Der kritische Blick auf das neue Quartier Heidestraße in der Europacity am Hauptbahnhof lässt angesichts der dicht an dicht gebauten Blöcke Zweifel aufkommen, ob Projekt- und Gewinnplanung an dieser zentralen Stelle der Leichtigkeit einer Metropole im Wege stehen. Eine Flaniermeile wird die Heidestraße jedenfalls nicht. Das war auch nicht so geplant. Aber wo dann?

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