Tag des offenen Denkmals 2018 : Streifzug durch die Geschichte: Aus der Villa hinter die Gitter

In zwei Wochen öffnen wieder viele historische „Entdecken, was uns verbindet“. Tipps für den 8. und 9. September.

Gerd Seidemann
Das alte Frauengefängnis Lichterfelde soll in privater Initiative ein Event- und Atelierort werden.
Das alte Frauengefängnis Lichterfelde soll in privater Initiative ein Event- und Atelierort werden.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Denkmalschutz – eine in jeder Beziehung große Aufgabe. Meistens jedoch eine Herausforderung, der sich Politik und Verwaltung zu selten stellen mögen. Das Thema wird gern mal hintan gestellt. Nicht in Sonntagsreden, da sind alle dabei. Doch in der Praxis hapert es gewaltig. Denn schützenswerte Gebäude oder Natur zu erhalten, kostet Geld. Oft sehr viel Geld. Allerdings sollte es sich ein Land etwas kosten lassen, sein kulturelles Erbe gegen Verfall oder rein kommerzielle Interessen – etwa eines hauptstädtischen Fußballvereins – zu verteidigen. Wie sagte uns resignierend vor einiger Zeit ein Berliner Stadtrat, dessen Untere Denkmalschutzbehörde mit knapp drei Mitarbeitern bei mehr als 1000 Denkmälern im Bezirk nach dem Rechten sehen muss: „Denkmalschutz ist ein zahnloser Tiger, das wissen wir.“

Das muss jedoch nicht so sein. Denn der Bürger und Wähler zeigt sich aufgeschlossen gegenüber dem Thema. Nicht nur engagieren sich Abertausende in großen und kleinen Initiativen, um Denkmäler zu schützen und wieder herzustellen. Auch der jährlich stattfindende „Tag des offenen Denkmals“ belegt das Interesse. Den Einladungen zu wieder hergestellten oder noch zu rettenden Kulturgütern folgten im vergangenen Jahr bundesweit etwa 3,5 Millionen Menschen – der Tag ist damit die größten Kulturveranstaltung des Landes. Am 8. und 9. September besteht nun erneut die Gelegenheit, mehr über Heimat, Kultur und Geschichte zu erfahren. Das Ereignis steht in diesem Jahr unter dem Motto „Entdecken, was uns verbindet“. Im Folgenden geben wir nur wenige Beispiele des auch für Berlin umfangreichen Programms, das im Internet zu finden ist unter www.tag-des-offenen-denkmals.de

CHARLOTTENBURG-WILMERSDORF

Rundgang über den Rangierbahnhof

Der Initiative Westkreuzpark, die sich für den Erhalt des Grünzugs einsetzt, kommt der „Tag des offenen Denkmal“ gerade recht. Schließlich will sie dazu beitragen, dass auf dem zwischen 1882 und 1945 als Rangierbahnhof genutzten Gelände ein Naturdenkmal entwickelt sowie eine „grüne Lunge“ für die City West bewahrt wird. Die Reste der dort endenden Stadtbahn finden sich noch in Form von Gleisen, Prellböcken und Arbeitshäusern.

In unmittelbarer Umgebung liegen seit mehr als 100 Jahren Kleingartenkolonien. In den kommenden Jahrzehnten soll hier der „Westkreuzpark“ entstehen und zu einem Naturdenkmal entwickelt werden. Auch der Bezirk unterstützt diese Pläne. Doch wie könnte es im Berlin von heute anders sein: Es gibt Begehrlichkeiten von anderer Seite. Modelle zeigen, dass bis zu 900 Wohnungen auf dem Areal entstehen könnten. Die Diskussion darüber nimmt weiter Fahrt auf und wird wohl noch einige Zeit andauern.

Rundgänge am 8. und 9. September, jeweils um 15 Uhr. Treffpunkt mit Joachim Neu, Initiative Westkreuzpark: Rönnestraße 28, Eingang zur Kleingartenkolonie (BVG-Anreise: Bhf. Charlottenburg)

Spurensuche in Wilmersdorf

Wo liegt die Mitte Wilmersdorfs? Ist sie unter dem Asphalt der Uhlandstraße verschwunden? Gab es dort einmal einen Dorfkern? War dort wirklich einst ein Seebad? Durch Krieg sowie Stadtplanung ist viel von der Identität und Geschichte des heutigen Stadtteils verloren gegangen. Bei einem Rundgang mit Matthias Reich (Bürgerinitiative Wilmersdorfer Mitte) durch die Straßen rund um die Wilhelms- aue wird der Frage nachgegangen, was die Alt-Wilmersdörfer verbindet und wie die Gegend durch Neuplanung wieder belebt werden kann.

Rundgang nur am 8. September um 14 Uhr. Treffpunkt: Kreuzung Uhland-/Blissestr.

Villenkolonie Grunewald und ihre Bewohner

Ein Spaziergang wird Teilnehmer zu den Häusern prominenter Bewohner der Villenkolonie Grunewald führen. Getreu dem Motto des Denkmaltages „Entdecken, was uns verbindet“ wird vom Leben und Schicksal der Architekten und Bewohner berichtet – darunter Lion Feuchtwanger, Walther Rathenau, Friedrich Wilhelm Murnau, Engelbert Humperdinck, Isadora Duncan und Alfred Kerr. Der Spaziergang endet am S-Bahnhof Grunewald mit dem Mahnmal der Deportation.

Spaziergang nur am 8. September, Beginn 11 Uhr; Dauer: zwei Stunden. Die Teilnehmerzahl ist auf 20 Personen begrenzt, Anmeldung erforderlich bis 4. September, keine Innenbesichtigung; Ansprechpartnerin: Petra T. Fritsche, Tel.: 030/85072025, E-Mail: petra.fritsche@freenet.de

Woga-Komplex am Lehniner Platz

Der sogenannte Woga-Komplex mit dem ehemaligen Universum-Kino – heute die Schaubühne –, einer Wohnanlage, Tennisplätzen und dem Kabarett der Komiker wurde 1927 bis 1931 von Erich Mendelsohn und anderen auf dem letzten freien Grundstück am Kurfürstendamm erbaut. Das Ensemble der Moderne ist das einzige städtebauliche Werk des Architekten. Noch immer bestehen Neubebauungspläne eines Investors, die denkmalgeschützten Tennisplätze der Anlage mit Wohnungen zu bebauen. Eine Initiative kämpft für deren Erhalt und berichtet über ihre Erfahrungen.

Führungen am 8. und 9. September jeweils um 11 und 16 Uhr. Am 8. unter dem Motto „Sport als Schutzgut im Denkmal?“, am 9. heißt es „Denkmalschutz als Luftnummer – der schwebende Neubau“; Treffpunkt: Cicerostraße 63; Reinhard Brüggemann, Freunde des Woga-Komplexes, Tel.: 030/8919494, Mail: reinhardbrueggemann @yahoo.de

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