Wohnungsnot bremst Berlins Wirtschaft : Kein Platz für indische Programmierer

Ausländische Fachkräfte verzweifeln bei der Wohnungssuche in Berlin. Firmen und Verbände beklagen einen Standortnachteil infolge der Diskriminierung durch Vermieter.

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Die Wohnraumfrage wird zum größten Hindernis für Berlins wirtschaftliche Entwicklung. Das jedenfalls befürchten immer mehr Experten. „Wohnen ist gerade ein superheißes Thema und ein Engpass für viele Firmen“, sagt Burkhard Volbracht. Er arbeitet bei der landeseigenen Wirtschaftsfördergesellschaft „Berlin Partner für Wirtschaft und Technologie“ im Bereich Talent Services und soll hochqualifizierten Fachkräften den Weg in die deutsche Hauptstadt ebnen. Doch Volbracht hat wie viele andere längst mitbekommen, dass Berliner Firmen zunehmend Probleme haben, ausländische Fachkräfte anzusiedeln, weil diese keine Wohnungen finden. „Das kann Berlin richtig auf die Füße fallen“, befürchtet Volbracht.

Besonders bedrohlich ist die Lage für die Gründerszene, die der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) als „wesentlichen Treiber der dynamischen Wirtschaftsentwicklung Berlins“ bezeichnet hat. „Bisher war es für Berlin ein Standortvorteil, dass es genügend Wohnraum und Gewerbeflächen auch in Innenstadtlagen gab“, sagt Paul Wolter, der Sprecher des „Bundesverbands Deutsche Startups“. Sein Verband betrachtet mit Sorge, dass sich dieser Vorteil gerade ins Gegenteil verkehrt. „Es wird problematischer, internationale Fachkräfte wie Programmierer in die Stadt zu holen“, sagt Wolter.

Monatelang von einer Notlösung zur nächsten

Das spürt Jens Wohltorf gerade in seiner eigenen Firma. 2011 hat er das Unternehmen Blacklane mitgegründet, das weltweit Chauffeurdienste anbietet. Aus dem Start-up ist inzwischen eine Firma mit 250 Mitarbeitern geworden. Nun stagniert das Wachstum in der Schöneberger Zentrale. „Ich könnte jeden Monat zehn bis zwanzig neue Mitarbeiter einstellen“, sagt Wohltorf. „Doch die Wohnungssuche ist die Achillesferse.“

Der gebürtige Berliner beschäftigt Arbeitnehmer aus 26 Nationen und berichtet davon, dass frustrierte Mitarbeiter oft monatelang nur von einer Notlösung zur nächsten weitergereicht werden. „Ein Kollege aus Indien schläft seit fast einem Jahr auf der Couch bei Freunden“, sagt er. „Gefühlt sind ausländische Mitarbeiter gegenüber Deutschen im Hintertreffen. Je exotischer die Namen klingen, desto unwahrscheinlicher ist es, dass sie überhaupt an Besichtigungstermine kommen.“

Der Eindruck täuscht nicht. Vor kurzem ergab eine Studie von „Spiegel“ und „Bayerischem Rundfunk“, dass Mietinteressenten mit ausländisch klingenden Namen unabhängig von sozialen oder finanziellen Aspekten signifikant auf dem deutschen Mietmarkt diskriminiert werden. Das kann auch Nele Allenberg bestätigen. Sie leitet das Willkommenscenter in der Potsdamer Straße, das seit einem Jahr als erste Anlaufstelle für ausländische Neuberliner dient. Neben dem Namen „kann auch das Aussehen und ein Akzent zu Diskriminierungen auf dem Wohnungsmarkt führen“. Eine weitere Hürde: Mietverträge werden vermehrt mit Mindestlaufzeiten etwa über zwei Jahre abgeschlossen. Wer noch auf Probezeit im neuen Job arbeitet, hat bei Vermietern kaum eine Chance. Offenbar verhilft aber auch ein unbefristeter, gut dotierter Arbeitsvertag wie bei den Blacklane-Mitarbeitern nicht zur erhofften Wohnung.

Sich um Talente bemühen

Das ist umso bemerkenswerter, weil rund um die Ansiedlung von ausländischen Fachkräften ein ganzer Verwaltungszweig entstanden ist. „Köpfe sind der Wirtschaftsfaktor Nummer eins“, hat Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) gerade erst verkündet, entsprechend müsse man sich um Talente bemühen. Es gibt eine große Zahl von Hilfsangeboten, die das Land Berlin geschaffen hat, etwa den Business Immigration Service (BIS) der Ausländerbehörde. Das BIS bietet Unterstützung bei Behördengängen und der Erlangung von Aufenthaltserlaubnissen für die Talente an. Die Belange der Start-ups vertritt die „Berlin Startup Unit“, die auch bei der Suche nach Gewerbeimmobilien unterstützt.

Allen Anlaufstellen und Beratungsangeboten gemein ist jedoch: Konkrete Unterstützung bei der Wohnungssuche für die Zuzügler aus aller Welt, die Berlin voranbringen sollen, bieten sie nicht an. Meist wird lediglich auf die einschlägigen Suchportale verwiesen. „Berlin Partner“ führt immerhin eine Liste mit sogenannten Relocation-Services, die auf Wunsch an Firmen herausgegeben wird.

International rekrutierte Arbeitnehmer erwarten bei der Wohnungssuche Unterstützung

Relocation-Services sind Firmen, die zahlungskräftigen Kunden umfangreiche Umzugsdienstleistungen offerieren. Ab einem vierstelligen Betrag zapfen sie ihre Netzwerke in der Stadt an, die schnell bei Schul-, Kita- und Wohnungssuche und allen Behördengängen helfen sollen. In den USA sind derartige Dienstleistungen längst etabliert, in Deutschland und gerade auch in Berlin wächst dieses Segment angesichts des Konkurrenzkampfs um Einrichtungsplätze und Wohnraum derzeit rasant. „Das Thema Wohnung spielt in Vertragsverhandlungen inzwischen eine wichtige Rolle“, sagt Theresa Walther von der Berliner Relocation-Firma Progedo. „International rekrutierte Arbeitnehmer erwarten meist, dass sie dabei unterstützt werden.“ Immer mehr Firmen, die bisher nur die Visaangelegenheiten von Relocation-Services erledigen ließen, buchen nach Walthers Einschätzung deshalb nun auch den Baustein Wohnungssuche.