Wirtschaft : „In Berlin ist alles gut, gut, gut“

René Gurka, neuer Chef der Berlin Partner, über Optimismus, die neue Wissenschaftskampagne und seine Unbefangenheit

-

Herr Gurka, was hat ein amerikanischer Unternehmer für ein Bild von Berlin?

Der sieht Berlin als eine touristische Hauptstadt in Europa, die mit Sicherheit einen Besuch wert ist. Von wirtschaftlichen Details wird er nicht so viel wissen. Das gilt aber für London und Paris auch.

Und Ihr Eindruck von Berlin nach sechsjährigem USA-Aufenthalt?

Ich bin in den vergangenen Jahren mindestens alle zwei Monate in Deutschland gewesen und dabei auch oft in Berlin. Es gibt einen Unterschied im Vergleich zu 2005 oder 2004: Damals wurde alles totgeredet, heute ist alles gut, gut, gut. Ich kenne keine andere Stadt, die in letzter Zeit so positive Schlagzeilen machte wie Berlin. Doch nicht nur in der Presse, auch in den Köpfen der Leute ist der Optimismus groß. Deswegen ist für mich der Zeitpunkt, nach Berlin zu kommen, ein sehr guter.

Ihr Vorgänger als Chef der Partner hat schon vor ein paar Monaten festgestellt, die „Akzeptanz“ Berlins sei gestiegen. Welche Anhaltspunkte gibt es dafür?

Berlin wird zunehmend als Wirtschaftsstandort wahrgenommen. Auch im Ausland. Das müssen wir forcieren, indem wir über die besonderen Stärken dieses Standorts informieren.

Da die Ausgangsbedingungen für ihren Dienstbeginn gut sind, müssten Sie also in diesem Jahr die 2006-Bilanz ihres Vorgängers übertreffen. Damals betreuten die Partner Investitionsvorhaben mit einem Gesamtvolumen von 300 Millionen Euro und 4750 Arbeitsplätzen.

Das Ergebnis im letzten Jahr ist ein Ziel, an dem wir uns orientieren. Sie müssen mir aber gestatten, dass ich mich einarbeite. Ich weiß, wir haben sehr gute Projekte in der Pipeline, und wenn einige dieser größeren Vorhaben klappen, können wir das Niveau von 2006 erreichen.

Die Berlin Partner machen Standortmarketing, Außenwirtschaftsförderung und Akquisition. Was ist das Kerngeschäft?

Das Kerngeschäft ist, den Wirtschaftsstandort Berlin voranzubringen. Und zwar „outbound“ wie „inbound“: Wir helfen Berliner Unternehmen, im Ausland erfolgreich zu sein. Die jüngsten Exportzahlen der Berliner Wirtschaft sind hervorragend. Auf der anderen Seite müssen wir dafür sorgen, dass wir genug Unternehmen ansiedeln, damit wir in 20 Jahren sagen können: Unsere Zukunftsvision haben wir richtig umgesetzt. Diese beiden Bereiche würden nicht so gut funktionieren, wenn wir nicht einen starken dritten Bereich, das Marketing, und ein Netzwerk von 150 Partnerunternehmen hätten, die uns unterstützen.

Verzetteln sich die Partner nicht zwischen Exportförderung und Akquise?

Überhaupt nicht. Wir sind von der Struktur her optimal aufgestellt. Wir haben flache Hierarchien und hochmotivierte Leute, die ihr Fach verstehen.

Was machen die 80 Mitarbeiter?

Anfragen beantworten. Unternehmen beraten – sei es, dass sie an Berlin interessiert sind oder ins Ausland expandieren wollen. Und Marketingprojekte, Veranstaltungen, Kampagnen entwickeln. Wenn jemand an Berlin als Standort interessiert ist, wird er individuell betreut. In den Projektteams werden Möglichkeiten für den potenziellen Investor entwickelt. Er wird eingeladen und mit Leuten aus einer Branche zusammengebracht.

Was ist Ihr Job dabei? Wo liegen Ihre spezifischen Stärken?

Ich komme von außen und habe den Vorteil, dass die Zusammenlegung der Organisationen, die heute Berlin Partner bilden, abgeschlossen ist. Ich komme also unbelastet und unbefangen hierher.

Sie wollen sich „administrativ freischaufeln“. Das heißt, Sie wollen sich nicht sonderlich um die Organisation kümmern, sondern nach draußen gehen, zu den Firmen. Wer macht die administrative Arbeit?

Selbstverständlich werde ich Berlin Partner in allen Belangen führen. Aber wir haben einen sehr guten Stab. Ich muss nicht ständig hinter allen herlaufen. Meine Aufgabe liegt vor allem darin, unsere Organisation und Berlin insgesamt außerhalb der Stadt und international sichtbar zu machen.

Sie müssen sich in Ihrer Arbeit an den Wirtschaftsschwerpunkten des Senats orientieren: Gesundheitswirtschaft, Medien und Kreativwirtschaft sowie Verkehr. Fehlt da nicht der Bereich Umwelt mit zum Beispiel der Solarwirtschaft?

Die Konzentration auf die erwähnten Cluster macht Sinn. Und wenn wir innerhalb dieser Cluster einen Bereich sehen, der sich gut entwickelt, können wir da auch noch einen Schwerpunkt setzen. Wir sind in einer schnelllebigen Zeit mit sich rasch entwickelnden Technologien. Darauf reagieren wir selbstverständlich.

Seit vielen Jahren wird in der Stadt die mangelnde Verknüpfung von Wirtschaft und Wissenschaft beklagt. Haben Sie eine Idee, wie das besser werden kann?

In unserem Bereich des Hauptstadtmarketings gibt es ein großes Projekt zum Wissenschaftsmarketing. Wir wollen Berlin als Wissenschaftsstandort besser positionieren und stellen Ende dieser Woche ein neues Logo und die Kampagne vor. Das Ziel ist die bessere Vernetzung von Wissenschaftlern aus Universitäten und Forschungseinrichtungen mit Unternehmern. Ich werde mich auch sehr bald mit der Technologiestiftung zusammensetzen und mit unseren Partnern dort besprechen, wo wir noch besser werden können.

Wie stellen Sie sich die Zusammenarbeit mit Ihren Brandenburger Kollegen vor?

Unabhängig von der politischen Diskussion über ein gesellschaftsrechtliches Zusammengehen arbeiten wir weiter eng zusammen. Wir haben ja schon gemeinsame Teams, Marketingkampagnen und Projekte, wie zum Beispiel die Vermarktung des Umfelds des Flughafens BBI. Das alles steht nicht infrage.

Aber die Fusion mit den Förderern in Brandenburg, die Sie 2008 organisieren sollten, ist wohl nach den ablehnenden Worten Klaus Wowereits vom Tisch.

Über ein Zusammengehen müssen die Politik und unsere Gesellschafter entscheiden. Letztere sind übrigens zu 55 Prozent nicht staatlich, sondern privat: Unternehmen, Kammern und die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg.

Der Umgang mit der industriellen Basis der Stadt ist seit vielen Jahren ein umstrittenes Thema. Was verstehen Sie unter Bestandspflege?

Bestandspflege und -entwicklung ist sehr wichtig. Dafür gibt es zum einen im Senat die Zentrale Anlauf- und Koordinierungsstelle ZAK. Zum anderen hat sich die Politik vorgenommen, ein Konzept zur Bestandspflege zu entwickeln.

Braucht Berlin, brauchen Sie als Wirtschaftsförderer ein Leitbild als Orientierungshilfe, also eine Vision, wo Berlin in den nächsten zehn Jahren hin soll?

Vision ist ein großes Wort. Aber wir haben Ziele, die wir auch erreichen können. Die technologieorientierte und hochproduktive Industrie Berlins hat gute Chancen. Der Dienstleistungsbereich wird wachsen. Tourismus läuft bereits gut, und bei unseren Schwerpunkttechnologien wollen wir führend werden. Wenn wir dies alles unter einer Marke Berlin versammeln könnten, wäre das sehr gut. Aber wir können Berlin nicht auf nur einen Begriff reduzieren, so wie sich etwa Freiburg als Ökostadt profiliert. Dafür ist Berlin zu groß, zu lebendig und zu vielgestaltig.

Das Gespräch führte Alfons Frese.

DIE KARRIERE

René Gurka, 1971 in Friesland geboren, studierte in Osnabrück Jura. Mitte der 90er Jahre machte er sich selbstständig im Mobilfunkgeschäft. 2001 ging Gurka zur Deutsch-Amerikanischen Handelskammer nach Atlanta , von 2004 an leitete er die Kammer in San Francisco . Vom 1. April an ist er Chef der Berlin Partner.

DIE PARTNER

Die frühere landeseigene Wirschaftsförderung sowie die Marketinggesellschaft Partner für Berlin haben sich zur Berlin Partner GmbH zusammengeschlossen. Hauptgesellschafter sind die landeseigene Investitionsbank IBB und die alte Partnergesellschaft. Den 80 Mitarbeitern steht ein Etat von rund 15 Millionen Euro zur Verfügung, der sich etwa gleichmäßig aus privaten und öffentlichen Quellen speist. Knapp 150 Firmen und Institutionen engagieren sich bei den Partnern.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar