Integration und Fachkräftemangel : 10.000 Afghanen und Syrer in Ausbildung

Vor allem wegen ausländischer Azubis gibt es erstmals seit vielen Jahren wieder mehr Lehrlinge. Und die Zahl der Ausbildungsplätze steigt auch.

Ein junger Flüchtling arbeitet bei der Deutschen Bahn.
Ein junger Flüchtling arbeitet bei der Deutschen Bahn.Foto: Soeren Stache/dpa

Die Integration von Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt kommt in Gang. Im vergangenen Jahr zum Beispiel begannen erstmals seit 2011 wieder mehr Jugendliche eine Berufsausbildung als im Vorjahr – und dieser Umstand verdankt sich vor allem dem Zuwachs bei ausländischen Azubis um 36 Prozent. Bei Männern aus Afghanistan und Syrien verdreifachte sich die Zahl der Berufsanfänger sogar von 3.000 im Jahr 2016 auf 10.000, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Ähnlich sind die Relationen in Berlin. 2016 begannen hier 78 aus Afghanistan stammende junge Menschen eine Ausbildung und 75 aus Syrien; ein Jahr darauf waren es schon 180 Afghanen und 231 Syrer.

Arbeitgeber kritisieren politisches Chaos

„Integration durch Ausbildung kann gelingen“, kommentierte Steffen Kampeter, Hauptgeschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, die Statistik. Unabhängig vom Asylverfahren sei wichtig, dass die Ausbildung beendet werden könne. Kampeter betonte die Bedeutung der 3+2-Regelung, wonach Asylbewerber nach der dreijährigen Ausbildung noch mindestens zwei Jahre im Betrieb arbeiten dürfen. Die Ausländerbehörden der Bundesländer hätten aber „jeweils eigene Vorschriften zur Anwendung erlassen“, sagte Kampeter, was Arbeitgeber und Geflüchtete verunsichere.

„Die Bundesländer verhindern damit eine noch größere Bereitschaft der Betriebe, Geflüchteten den Weg in eine Ausbildung zu eröffnen“, meinte Kampeter und appellierte an die Politik in Bund und Ländern, sich auf eine abgestimmte Anwendungspraxis zu verständigen.
Im vergangenen Jahr schlossen nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 515 700 junge Menschen einen neuen Lehrvertrag ab. Das waren 1,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Anstieg ist allein darauf zurückzuführen, dass mehr junge Männer eine Lehre begannen (plus 3,7 Prozent). Die Zahl der männlichen und aus dem Ausland stammenden Azubis mit neu abgeschlossenen Ausbildungsverträgen stieg um 9900 auf 37 275.

Erstmals seit 1990 gibt es mehr Stellen als Bewerber

Seit Jahren klagen vor allem Industrie und Handwerk über den Trend zum Studium, doch mit der zunehmenden Zahl freier Ausbildungsplätze und ausbildungsfähiger Flüchtlinge scheint sich die Situation leicht zu entschärfen.
Die Bundesagentur für Arbeit (BA) meldete für den Juli, dass erstmals seit der Wiedervereinigung die Zahl der Ausbildungsplätze die Zahl der Bewerber übertraf. Von Oktober 2017 bis Juli 2018 wurden gut 531 000 Berufsausbildungsstellen gemeldet, das waren 21 000 mehr als im Vorjahreszeitraum. Die BA erklärt das mit der gut laufenden Wirtschaft und dem „Bemühen der Betriebe, ihren Fachkräftenachwuchs zu sichern“.

Die meisten zusätzlichen Lehrstellen gab es für Verkaufs- und Handelsberufe sowie für Jobs in der Fahrzeug-, Energie- und Metalltechnik. Aber auch für Informatik-, Gesundheits- und Bauberufe wurden nach Angaben der Arbeitsagenturen deutlich mehr Ausbildungstellen gemeldet. Prozentual fiel das Plus am stärksten in Berlin, dem Saarland und Schleswig-Holstein aus. Doch in der Hauptstadt reicht das noch lange nicht, um die Lücke zu schließen: Zuletzt gab es hier 8053 Bewerber für 7002 Ausbildungsplätze.

In Berlin fehlen Ausbildungsplätze

Deutlich besser ist das Angebot für die Jugendlichen in Brandenburg: Für knapp 4900 Bewerber standen im Juli 6150 Ausbildungsplätze bereit. Bundesweit gab es bis Juli fast 30 000 mehr gemeldete Ausbildungsstellen als Bewerber. Die Lücken auf dem Markt sind dabei sowohl regional- als auch berufsspezifisch. Vor allem in Süddeutschland, in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern, dem Saarland und Hamburg gibt es deutlich mehr Stellen als Bewerber. Neben Berlin fehlt es in Hessen und Nordrhein-Westfalen an Plätzen.

Wirtschaft fordert Einwanderungsgesetz

Nach Berufen sortiert gibt es den größten Mangel an Azubis vor allem im Hotel- und Gaststättengewerbe, auf dem Bau und im Handwerk, im Verkauf von Fleisch- und Backwaren, in der Gebäudereinigung, der Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik sowie im Berufskraftverkehr, also Lkw und Busse. Im Gegensatz dazu gibt es nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit weniger Ausbildungsstellen als Bewerber zum Beispiel in Büro- und Verwaltungsberufen, bei medizinischen Fachangestellten, in der Tierpflege, in Medienberufen oder in künstlerisch-kreativen Bereichen. Die Wirtschaft fordert seit langem ein Einwanderungsgesetz. „Wir wollen junge Facharbeiter aus dem Ausland anwerben, dafür müssen aber die Verfahren deutlich einfacher werden“, sagt Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer.

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