Interview mit Jannis Raftopoulos : "Berlin hat Innovationspotenzial im Finanzsektor"

Jannis Raftopoulos, Geschäftsführer des Berliner Finanzunternehmens JRC, über Devisen als Geldanlage, den Finanzstandort Berlin und Zukunftsprognosen für die internationalen Märkte.

Die Aktienmärkte erreichen fast täglich neue Höchststände. Der Handel mit Wertpapieren boomt. Im Rahmen Ihrer Strategie setzen Sie aber auf Devisen. Warum?



Natürlich lassen wir Aktien als Anlageform nicht einfach aussen vor. Sie können aber immer nur ein Teil eines gesamten Anlageportfolios sein. Die Anziehungskraft, die die Börse auf Anleger ausübt, ist jedoch nachzuvollziehen. Durch massive Werbemaßnahmen der Unternehmen, die Aktien emittieren, wurde die Aufmerksamkeit stark auf diese Anlageform gelenkt. Schaut man jedoch genauer hin, erkennt man schnell, dass Aktienmarkte im Gegensatz zum Geldmarkt nur einen Bruchteil an Marktkapitalisierung ausmachen. Ebenfalls hat sich in der Vergangenheit gezeigt, welche starken Schwankungen der Aktienmarkt unterworfen ist. Hinter jeder Aktie steht schließlich ein Unternehmen, das sich im globalen Wettbewerb behaupten muss. Da kann eine Negativmeldung schon zum rapiden Kursverfall führen. Der Devisenmarkt hingegen zeichnet sich durch eine größere Stabilität aus. Natürlich kann man auch hier viel Geld verlieren, wenn man nur mit einem Währungspaar agiert. Wir setzen dagegen auf die sinnvolle Kombination mehrerer Währungspaare, um ein optimale Risikodiversifizierung zu ermöglichen. Wie auch beim Investment in Aktien gilt auch hier, nicht alle Eier in einen Korb zu werfen, sondern sinnvoll zu streuen.

Allerdings machen Investments in Devisen erst ab einer stattlichen Summe Geld Sinn. Wie kann der Privatanleger dort einsteigen?

Devisen sind längst nicht mehr nur ein Thema für institutionelle Investoren. Weil sie sich unabhängig von Trends an den Aktien- und Anleihemärkten bewegen, stellen sie im aktuellen Marktumfeld eine sehr interessante Anlageform auch für Privatanleger dar. Diese können zum Beispiel auch mit kleineren Summen mit Zertifikaten auf Währungen setzen. Mit der LBB legen wir aktuell ein Zertifikat auf, das wie ein Geldmarktfonds strukturiert ist und mit bis zu zehn Währungspaaren arbeitet. Die Anleger profitieren dabei von einem ausgeglichenen Chance-Risiko-Verhältnis bei deutlich höheren Renditeaussichten.

Welche Chancen hat die Hauptstadt im Finanzsektor? Warum haben Sie sich hier angesiedelt?

Das Innovationspotenzial im Finanzsektor ist in Berlin größer als vermutet. Das hat unsere Zusammenarbeit mit den hiesigen Forschungseinrichtungen gezeigt. Allerdings sehe ich Berlin nicht als zukünftigen Handelsplatz, sondern vielmehr als Think Tank für die internationale Finanzwelt. Wir setzen uns bereits seit einiger Zeit dafür ein, ähnlich wie in Frankfurt, ein Kompetenzzentrum für den Finanzsektor in Berlin ins Leben zu rufen. Durch einen außerordentlichen Datenreichtum bieten sich hier im Finanzbereich enorme Möglichkeiten zur Erforschung und Entwicklung modernster mathematischer Methoden der Datenanalyse, die wiederum Anstöße für andere Anwendungsgebiete bieten können. Umso mehr freuen wir uns, dass die Bedeutung des Themas von Senatsseite erkannt wurde und wir Fördermittel für ein groß angelegtes Forschungsprojekt erhalten, um nach Methoden und Wegen zu suchen, wie man bestehende Prognosemodelle, die bislang ausschließlich auf numerischen Marktdaten beruhen, durch Hinzunahme qualitativer Daten verbessern kann. In dem so genannten TREMA-Projekt werden wir versuchen, aus Finanznachrichten Trends zu erkennen und diese in unsere Prognosen einzubeziehen.

Sie nennen diesen Forschungsbereich Financial Engineering? Was kann man sich darunter vorstellen?

Financial Engineering bzw. Computational Finance ist ein relativ junges Forschungsgebiet an der Schnittstelle zwischen mathematischer Modellierung, Methoden der intelligenten Informationsverarbeitung und ihrer Anwendung im Bereich der Finanzmärkte. Durch die rasante Entwicklung der Informationstechnologie hat dieses Gebiet in den letzten 20 Jahren einen enormen Aufschwung erlebt. Hierdurch wurden völlig neue Wege zur Untersuchung und Simulation von Finanzmärkten und ökonomischen Systemen eröffnet, die zuvor undenkbar waren. Wir interessieren uns insbesondere dafür, wie man die gewonnenen Forschungsergebnisse in Systeme einfließen lassen kann, die Handelsentscheidungen und das Risikomanagement vereinfachen sollen. Dabei konzentrieren wir uns auf die Bestimmung und Vorhersage von Trendrichtungen. Wie lange läuft ein Trend und wann sollte ich kaufen oder verkaufen? Das sind die brennenden Fragen, die einen Anleger oder Händler beschäftigen. Während unserer Forschungsarbeit sind wir schließlich auf fraktale, also immer wiederkehrende Muster gestoßen, die sich aus mathematischen Ansätzen der Chaostheorie herleiten lassen.

Wie zuverlässig sind solche Prognosen?

Für Einzelentscheidungen streben wir eine Trefferquote von 70% an. Man muss dabei bedenken, dass man im Systemhandel auch schon mit deutlich geringeren Quoten sehr profitabel handeln kann, da es nicht nur auf die Korrektheit der Einzelentscheidungen ankommt, sondern auch das Verhältnis zwischen der Höhe der Gewinne und Verluste eine wesentliche Rolle spielt.

Ließe sich dieses Modell auch auf andere Bereiche übertragen?

Natürlich. Hier bieten sich zunächst alle Bereiche an, die über Daten mit ähnlichen Eigenschaften wie die der Finanzmärkte verfügen und einer Trendanalyse unterzogen werden sollen. Dazu gehören Verkehrsprognosen auf Grundlage von Messungen über Verkehrsströme, aber auch Anwendungen in der Luftüberwachung oder Klimaforschung. Ganz neue Einsatzfelder öffnen sich, wenn wir die Trenderkennung aus Textdaten betrachten. Neben Anstößen für etablierte Bereiche aus der Markt- und Meinungsforschung ergeben sich viel versprechende Chancen für aktuell neu entstehende Disziplinen wie "Issue Forecasting" oder "Reputation Management", wo es um die Zukunftsprognose von ganzen Themenbereichen geht.

Der Blick in die Zukunft ist ein reizvolles Thema. Wie sieht die Zukunft Ihres Unternehmens in zwei Jahren aus?

Hier stütze ich mich nicht auf Prognosen, sondern unternehmerische Entscheidungen. Da wir uns in einem Wachstumsmarkt bewegen, wird auch die JRC personell und strukturell wachsen. Doch die Zukunft hat für uns bereits begonnen.

(Die Fragen stellte Dirk Hönerbach)

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