Ist das Inflationsziel noch zeitgemäß? : Christines Lagardes erste Amtshandlung war überfällig

Als die EZB zuletzt ihre Strategie geprüft hat, war das iPhone noch nicht mal erfunden. Höchste Zeit, dass Vieles auf den Prüfstand kommt. Ein Kommentar.

Im Fokus: Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).
Im Fokus: Christine Lagarde, Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB).Foto: dpa

Christine Lagarde hat ihr Wort gehalten. Unter ihr als neuer Chefin hat der Rat der Europäischen Zentralbank am Donnerstag offiziell beschlossen, die Strategie des Hauses zu überprüfen. Und das ist auch dringend nötig. Eine solch grundsätzliche Untersuchung hat es zuletzt 2003 gegeben – lange vor Ausbruch der Finanzkrise.

Sowohl die Welt als auch die Zentralbank ist heute eine andere. Von Strafzinsen war damals noch keine Rede. Auch war die EZB 2003 nur für die Geldpolitik verantwortlich, während sie heute parallel auch für die Aufsicht großer Banken zuständig ist. Und: Wie es Unternehmen tun, sollte auch eine Zentralbank sich von Zeit zu Zeit fragen, ob der bisherige Weg noch der richtige ist.

Für die EZB gilt das allemal, fällt es ihr doch seit Jahren schwer, ihr selbst gestecktes Ziel zu erreichen. Wie andere Zentralbanken auch strebt sie eine Inflationsrate von nahe zwei Prozent an. Damit will sie verhindern, dass Konsumenten und Unternehmen auf fallende Preise setzen und Kaufentscheidungen hinauszögern, was das Wachstum abwürgt. Eine Inflation ist in Maßen deshalb nötig, damit Menschen weiterhin in die Gemeinschaftswährung vertrauen.

Umstritten jedoch ist, ob dafür die Wunschinflation bei zwei Prozent liegen sollte, oder ob nicht auch ein geringerer Wert akzeptabel wäre. Für Letzteres spricht, dass bei der Berechnung der Inflationsrate die Digitalisierung größtenteils außen vor bleibt – sie hat aber vieles einfacher und günstiger gemacht. Zum Vergleich: Als die EZB 2003 zuletzt über ihre Strategie gesprochen hat, war das iPhone nicht einmal erfunden.

Und das ist nur ein Beispiel, das zeigt, dass auch eine Zentralbank auf neue Entwicklungen reagieren muss. Ein weiteres ist der Klimawandel. Die EZB kann ihn nicht ausklammern, wenn inzwischen sogar Investoren wie die weltgrößte Vermögensverwaltung Blackrock ihn in ihre Anlageentscheidungen miteinkalkuliert. Zumal die Zentralbank mit ihrem Anleihekaufprogramm eine enorme Macht hat: Jeden Monat kauft sie Finanzpapiere im Wert von 20 Milliarden Euro an. Würde sie dieses Geld überwiegend in grüne Anleihen stecken, hätte das Signalwirkung.

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