Kaffee neben Dixi-Klos : So hart ist der Job des Lkw-Fahrers in der Coronakrise geworden

Der Frachtverkehr auf den Autobahnen läuft trotz Coronavirus weiter. Lkw-Fahrer leiden unter schlechten hygienischen Bedingungen und Preisverfall.

Jutta Maier
Geschlossene Raststätten. Durch die Coronakrise haben sich die Arbeitsbedingungen für Fernfahrer drastisch verschlechtert.
Geschlossene Raststätten. Durch die Coronakrise haben sich die Arbeitsbedingungen für Fernfahrer drastisch verschlechtert.Thomas Frey/dpa

Trotz Intervention von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) ist die hygienische Situation für Lkw-Fahrer beim Be- und Entladen ihrer Fracht häufig weiter untragbar: Viele Firmen hielten in der Coronakrise ihre Sanitäreinrichtungen weiterhin geschlossen und hätten stattdessen mobile Toilettenhäuschen aufgestellt, sagte Dirk Engelhardt, Vorstandschef des Bundesverbands Straßengüterverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL) dem Tagesspiegel.

Das Angebot zum Händewaschen oder Duschen, wie es vor der Krise vielerorts üblich war: Fehlanzeige. Kaffee und Keksen werden direkt neben dem Dixi-Klo postiert. Die Vorsichtsmaßnahmen seien vielleicht gut gemeint, geschähen aber aus einem „falsch verstandenen Schutzbedürfnis“ heraus, schließlich befänden sich die Fahrer meist allein in ihrer Kabine und kämen dadurch kaum in Kontakt mit Infizierten, sagte Engelhardt.

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Logistikverbände, Industrie und das Bundesverkehrsministerium sind nun gemeinsam dabei, mobile Toilettenanlagen und Duschcontainer zu organisieren. Sie sollen an neuralgischen Punkten wie Logistikzentren, Autobahnen und Parkplätzen ohne sanitäre Versorgung Abhilfe schaffen.

An den 360 Tankstellen des Unternehmens Tank & Rast an Bundesautobahnen scheint das Problem hingegen gelöst: Nach Interventionen des BGL und des Verkehrsministeriums können Brummifahrer seit Mitte März die Sanifair-Sanitäranlagen inklusive Fernfahrerduschen kostenlos nutzen. Weil die Restaurants geschlossen sind, bieten die Betreiber in den Tankstellen-Shops nun zusätzliche warme Speisen zum Mitnehmen an. Auch die sanitären Anlagen an den rund 200 freien Autohöfen sind nach BGL-Angaben weitgehend geöffnet.

Teile des Marktes rutschen in Illegalität ab

Ein Autohof in Thüringen hat eine Ausnahmegenehmigung erwirkt, um seine Gaststätte nur für Lkw-Fahrer öffnen zu dürfen – mit Sicherheitsabstand zwischen den Tischen. Seitdem Tank & Rast begonnen habe, seine Pächter zu kontrollieren, seien auch die Beschwerden über mangelnde Sauberkeit deutlich zurückgegangen, sagte Engelhardt.

Mindestens genauso viel Sorge wie die Hygiene bereitet dem BGL der durch den drastischen Auftragsrückgang verursachte Preisverfall. Der Markt für Autoteile liegt brach und auch Containerware aus Fernost bleibt aus, während es einen überproportionalen Bedarf bei Lebensmitteln und Toilettenpapier gibt. Teile des deutschen Marktes seien „bereits in die Illegalität abgerutscht“, meldete der BGL nach ersten eigenen Erhebungen.

Nur so sei zu erklären, dass auf den Frachtbörsen auf dem innerdeutschen Markt dauerhaft Preise angeboten würden, von denen sich der geltende Mindestlohn definitiv nicht zahlen lasse. Es herrsche ein „absolutes Überangebot an Fahrzeugen“.

Auch EU-Recht werde nicht eingehalten, moniert der BGL. Logistikunternehmen aus dem EU-Ausland dürfen nur beladen nach Deutschland kommen und im Anschluss innerhalb von sieben Tagen drei Transporte machen. „Daran halten sich viele Unternehmen nicht, sondern sie sind zum Teil dauerhaft in Deutschland stationiert“, sagt Engelhardt.

Mautdaten sollen bei Überwachung helfen

Das Problem existierte zwar schon vor der Coronakrise, verschärfte sich aber, weil die Vorschriften am 18. März für eine Woche vom Verkehrsministerium ausgesetzt wurden, um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen. Auf Intervention der deutschen Branche hin kassierte das BMVI die Lockerung wieder ein.

Der BGL fordert, das Bundesamt für Güterverkehr müsse unverzüglich Zugriff auf die Mautdaten erhalten, um Verstößen nachgehen zu können. Darüber hinaus plädiert der Verband dafür, dass sich die Betreiber einschlägiger Digitalplattformen und Frachtenbörsen verpflichten, offensichtlich illegale Angebote an das Bundesamt oder den Zoll zu melden. Wenn Digitalplattformen Aufträge nicht nur vermittelten, sondern zum Vertragspartner des Frachtführers werden, müssten sie zudem in die Haftungskette aufgenommen werden, so der BGL.

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