Karriere als Inluencer : Bloggen ist kein Zuckerschlecken

Mit Social Media Geld verdienen – das klingt verlockend einfach. Die Realität ist hart und die Konkurrenz groß.

Jürgen Hoffmann
Ein Traumjob mit Schattenseiten. Influencerin Madeleine Alizadeh war 26, als sie einen Burn-out erlitt.
Ein Traumjob mit Schattenseiten. Influencerin Madeleine Alizadeh war 26, als sie einen Burn-out erlitt.Foto: Promo

Maddie ist ein Vollprofi. 2010 beginnt sie zu bloggen. Ihre Themen: Klamotten, Schuhe und Taschen. Dann kommt die erste Einladung zu einer Pressereise. „Das war ein Meilenstein“, erinnert sich die heute 29-Jährige an das Gefühl, als junge Frau mit den eigenen Ansichten in der Modewelt ernst genommen zu werden, Einfluss zu haben. Ihre Karriere als Influencerin startet. Sie bekommt gratis schicke Produkte, reist auf Kosten der Industrie um die Welt und verlinkt ihre Texte mit Websites von Herstellern. Die Folgen: 70000 Follower, aber auch viel Stress. „Ich habe in diesen Jahren ein Viertel meines Lebens mit Bloggen verbracht, irgendwann wurde mir das Ganze zu viel“, erzählt sie.

Die permanente Internet-Existenz fordert ihren Preis: Burn-out mit 26. Maddie ändert ihren Kurs, spricht sich gegen die Fast Fashion von Zara & Co. aus, stellt ihre Ernährung auf vegan um, absolviert eine Ausbildung zur Yogalehrerin. Statt über Fashion Week, Streetstyle und Beauty schreibt sie über fair hergestellte Mode, Gleichberechtigung und Tierschutz. Im Herbst 2017 wendet sich Madeleine Alizadeh – so ihr vollständiger Name – vom Medium Blog ab. Sie startet ihren Podcast „a mindful mess“ und gründet das Label Éthical, unter dem sie nachhaltige Mode vertreibt.

Heute ist ihr Achtsamkeit wichtiger als Berühmtheit. Social Media ist für sie aber nicht gestorben: Bei Instagram folgen Madeleine 170 000 Interessierte. Mit Produktplatzierungen, Kooperationen und als Testimonial für Öko- Marken-Hersteller verdient sie gutes Geld.

„Die schillernde Lifestyleszene darf einen nicht blind machen“

Influencer – doch kein Traumberuf? „Man muss wissen, dass es Hochs und Tiefs gibt und lernen damit richtig umzugehen“, sagt Madeline. „Die schillernde Lifestyleszene darf einen nicht blind machen.“ Außerdem reiche es heute als Bloggerin oder Blogger nicht mehr, mit einem Nullachtfünfzehn-Konzept zu starten: „Viel Zeit zum Ausprobieren und Fehlermachen hat man nicht mehr.“

Wie Madeleine machen mittlerweile tausende Influencer Geld im Netz. Die meisten bekommen pro Post einen dreistelligen Betrag, Stars der Szene auch mal 50 000 Euro, so die Plattform Brandnew.

Gut von ihrem Job leben kann sicherlich Pamela Reif, die drei Millionen Instagram-Follower und einen Vertrag mit Puma hat. Oder Leonie Hanne, Nele Wüstenberg und Philip Dumstrei, die im Netz Mode anpreisen. Oder Masha Sedgwick, die tagebuchartig über persönliche Themen, Beauty und Reisen schreibt.

Auch Sabrina Spielberger war Bloggerin, bevor sie ihre Firma digidip in Kreuzberg gründete – eine Plattform, auf der 40 000 Händler aktiv sind. Und die wollen Aufmerksamkeit. Spielberger bringt sie deshalb mit Bloggern, Magazinen und Influencern wie Maddie zusammen. Sie schreiben dann über die Online-Shops und versehen ihre Texte mit sogenannten Affiliate-Links. Klickt ein User auf den Link und kauft das Kleidungsstück, die Reise oder die Versicherung, bekommt die Autorin oder der Autor dafür eine Provision. Vermittlerin Spielberger lebt von diesen Geldern.

Affiliate und Content Marketing boomen

Stichwort: Affiliate-Marketing. Der englische Begriff steht für Partner im Vertrieb. Immer mehr Unternehmen setzen auf diese „Karte“, auch weil nicht jede Firma ein riesiges Budget für die Vermarktung ihrer eigenen Produkte hat. Für sie kann sich eine Investition im Affiliate-Bereich lohnen. Einige Betriebe gehen noch weiter, nutzen nicht nur Blogs und digitale Magazine, sondern entwickeln ein strategisches Content Marketing. Unterstützung erhalten sie von Agenturen, die im Auftrag Inhalte erzeugen, Fragen der Zielgruppe beantworten und bei der Kaufentscheidung behilflich sein sollen.

„Content Marketing ist weniger marktschreierisch als klassische Werbung, versteht sich eher als Berater der Kunden“, sagt Michael Dunker, Geschäftsführer von Testroom in Hamburg. Er und viele seiner rund 40 Mitarbeiter waren einst bei Verlagen als Redakteure angestellt. „Anders als früher arbeiten wir heute datengetrieben, recherchieren also vor dem Texten, wie viele Menschen an exakt welchen Themen Interesse haben.“ Das gehe sogar so weit, dass Analysten von Test- room im Vorfeld sagen können, wann man am besten über Regenschirme und wann über Reisen nach Übersee berichten sollte.

„So minimiert Content Marketing den Streuverlust, unter dem klassische Werbung leidet“, sagt Dunker. Seine Agentur verfasst vor allem Ratgeber-Texte, bei denen der Nutzwert für den Leser im Vordergrund steht. Sie werden in der Regel zunächst auf firmeneigenen Websites, so genannten Content Hubs publiziert. Danach kommen Kanäle wie Facebook, Instagram oder YouTube hinzu und die Google-Suche. Dunker sagt, entscheidend sei immer die Kraft der guten Geschichte. „Daran haben auch Journalisten ein Interesse. Wenn also ein Thema für die Medien und ein werbetreibendes Unternehmen gleichermaßen interessant ist, haben alle gewonnen.“

So viele Jobangebote für Einsteiger wie noch nie

Auf den Job-Portalen im Netz finden auch Einsteiger derzeit so viele Affiliate- und Content-Marketing-Stellenangebote wie nie zuvor. Einen optimalen Karriere- Start bietet ein Online-Marketing- oder ein BWL-Studium, aber auch eine journalistische Ausbildung.

Ninon Götz und Alexandra Springer arbeiteten bei der Zeitschrift Grazia. Weil sie auf deutschen Websites nur selten Interessantes oder Spannendes fanden, beschlossen sie, selbst ein Online-Magazin, das „Très Click“ zu machen. Das Duo produziert Inhalte rund um Mode, Kosmetik und Promiklatsch. Als Lackmustest dienen ihnen dabei drei Fragen: „Würd’ ich’s klicken, würd’ ich’s posten, würd’ ich’s sharen?“ Wenn nicht alle Fragen mit ja beantwortet werden können, lehnen sie das Thema ab. 90 Prozent ihrer Einnahmen kommen aus bezahlten Beiträgen.

Madelaine rät Einsteigern, sich am besten ein Nischenthema zu suchen. „Damit spricht man möglicherweise eine Zielgruppe an, die bisher noch vernachlässigt wird.“

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