Karriereratgeber : Nicht da – und dennoch präsent

Auch in Zeiten von Homeoffice und Kurzarbeit macht es Sinn, seine Karriere zu planen, das Gehalt zu verhandeln oder den Job zu wechseln.

Sabine Hölper
In der Ferne, so nah. Auch wenn man nicht physisch anwesend ist, kann man sich engagieren.
In der Ferne, so nah. Auch wenn man nicht physisch anwesend ist, kann man sich engagieren.Foto: Drew Beamer/unsplash.com

Die Coronakrise führt laut Arbeitsagentur zur schwersten Rezession der Nachkriegszeit. Arbeitslosigkeit und Unterbeschäftigung seien erstmals in einem April gestiegen, berichtet die Agentur, noch nie habe es so viele Mitarbeiter in Kurzarbeit gegeben. Die Nachfrage der Betriebe nach neuen Beschäftigten sei eingebrochen. Das Ifo-Institut in München berichtet, dass rund jedes fünfte Unternehmen bundesweit davon ausgeht, dass es Mitarbeiter entlassen muss.

Das ist die denkbar schlechteste Zeit, um die eigene Karriere voranzutreiben. Oder? Karriere- und Businesscoach Bernd Slaghuis antwortet mit einem klaren „Jein“. Es komme auf die Situation jedes Einzelnen an. Wer mit Karriere vorantreiben meint, den Job zu wechseln, sollte diesen Schritt zumindest mit der gebotenen Vorsicht in Angriff nehmen: „Der Arbeitsmarkt ist unsicher“, sagt Slaghuis. „Da ist es nicht klug, als Beschäftigter gerade jetzt eine Kündigung auszusprechen.“ Noch immer werden aber viele Jobs angeboten. Und selbstverständlich sollte man sich darauf bewerben. Auch wenn es gut möglich sei, dass die Einstellung verschoben werde. Dies sollte frühzeitig geklärt werden, denn man kann erst beim aktuellen Arbeitgeber kündigen, wenn klar ist, wann der Job in der neuen Firma startet.

IT-Spezialisten sind jetzt noch gefragter

Die besten Karten haben jetzt Spezialisten. „Den Fachkräftemangel gibt es noch immer“, sagt Susanne G. Rausch, Inhaberin des Beratungsunternehmens act value. „Hochspezialisierte Fachkräfte, besonders in den Bereichen IT und Dienstleistung, werden gesucht.“ Und das auch von Betrieben, die sehr von der Krise betroffen sind: „Wir haben eine Einstellung zum ersten April vorgenommen, eine weitere Stelle zum ersten Juni besetzt“, sagt etwa Petra Göbel, Personalleiterin bei der Messe Berlin. Das Unternehmen leidet unter hohen Umsatzeinbrüchen, seit Anfang April sind viele Beschäftigte in Kurzarbeit. Aber: „Nach diesen Spezialisten hatten wir lange gesucht“, sagt Göbel. Also wurden sie eingestellt.

Ein gewisses Restrisiko bleibt allerdings beim Jobwechsel. Derzeit lässt sich schwer abschätzen, wie sich die Lage für die Unternehmen entwickelt. Im schlimmsten Fall gibt es die Firma, bei der man angeheuert hat, in einigen Monaten nicht mehr. Hinzu kommt: Man könnte die Probezeit nicht überstehen. Dann wird man zurückgeworfen auf einen vielleicht immer noch angespannten oder gar angespannteren Arbeitsmarkt.

Alternativ zum Jobwechsel kann man sich beim jetzigen Arbeitgeber weiterentwickeln und versuchen, in eine Führungsposition aufzurücken, zum Beispiel wenn eine Stelle frei wird, weil ein Mitarbeiter aus Altersgründen ausscheidet. Auch in der aktuellen Situation werden solche Stellen in der Regel nachbesetzt.

Warum nicht mal etwas Neues ausprobieren?

In gewisser Hinsicht bietet die aktuelle Lage sogar neue, ungewöhnliche Möglichkeiten der Weiterentwicklung innerhalb der Firma. Bei der Messe Berlin etwa können Angestellte aus Bereichen, in den Kurzarbeit herrscht, in anderen Bereichen, in denen Vollzeit gearbeitet wird, aushelfen. „Da gibt es viele Möglichkeiten, in neue Themen hineinzuschnuppern“, sagt Göbel. Wer Gefallen an den neuen Aufgaben finde, könne möglicherweise später, wenn das Geschäft wieder anziehe, endgültig wechseln.

Jetzt die Weichen für später stellen – dazu raten die Experten ganz grundsätzlich bei der Karriereplanung in der Krise. Das gilt auch für Gehaltsverhandlungen. Natürlich darf ein Arbeitnehmer auch jetzt mehr Geld fordern, sofern er gute Gründe dafür anbringen kann: „Kurzarbeit bedeutet nicht automatisch, dass es dem Unternehmen schlecht geht“, sagt Slaghuis. „Es verzeichnet Umsatzeinbrüche, aber sobald es bergauf geht, prosperiert es wieder.“ Es sei „besser, mehr Gehalt zu fordern, als monatelang mit dem Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, ins Büro zu gehen“. Allerdings müsse man sich wahrscheinlich damit abfinden, dass die Gehaltsanpassung erst zu einem späteren Zeitpunkt vorgenommen werde.

Wer Leerlauf hat, sollte ihn nutzen

„Jetzt geht es ums Durchhalten“, sagt auch Beraterin Rausch. Die besondere Situation werde sicher noch eine Weile dauern. Gerade deshalb solle man Freiräume sinnvoll nutzen, etwa um sich fortzubilden und zusätzliche Qualifikationen zu erwerben. Weiterbildung helfe den nächsten Schritt auf der Karriereleiter zu gehen. Die Zeit sei im wahrsten Sinne des Wortes günstig, auch weil viele Fortbildungen preiswerter angeboten würden.

Natürlich ist es nach wie vor möglich, den Arbeitgeber nach Weiterbildungsmaßnahmen zu fragen. In einigen Unternehmen wird man auf offene Ohren stoßen. „Wenn das Budget in der Firma aber nicht da ist, sollte man Eigeninitiative zeigen“, sagt die Berliner Karriereberaterin Martina Bandoly. Sie plädiert für eine „solide Eigenverantwortung“, also „statt vom Chef etwas zu fordern, selbst aktiv zu werden“. Das gilt für das gesamte Arbeitsverhältnis: Wer sich einbringt, wer anpackt, wo es nötig ist, hat die größten Chancen, befördert zu werden.

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