Klischees über Bauern : Wir brauchen keinen ideologischen Wettstreit

Zu lange hat es die Nahrungsindustrie versäumt, den Dialog über die Landwirtschaft zu suchen. Stattdessen herrschen Missverständnisse und Misstrauen. Ein Gastbeitrag

Helmut Schramm
Müssen wir bei der Landwirtschaft einfach nur eine frische Perspektive einnehmen?
Müssen wir bei der Landwirtschaft einfach nur eine frische Perspektive einnehmen?Foto: dpa/Patrick Pleul

Wenn ich zurückblicke auf die vergangenen Jahrzehnte in der Landwirtschaft, dann sehe ich mit Blick auf Deutschland ein zwiespältiges Bild. Die Vielfalt der Lebensmittel hat zweifellos zugenommen und dadurch die Auswahl für Verbraucherinnen und Verbraucher auch mit kleinem Geldbeutel. Ein Landwirt ernährt heute bis zu 160 Menschen. Früher waren es deutlich weniger. Zudem sind unsere Lebensmittel heute so gut und so sicher wie noch nie.

Doch es gibt auch die Kehrseiten dieser Leistungsbilanz, die wir deutlich spüren: Der gesellschaftliche Stellenwert von Landwirtschaft hat zweifellos abgenommen. Die Arbeit auf den Feldern wird kaum noch wertgeschätzt, weil sie schlicht zu selbstverständlich geworden ist. Viele Menschen besitzen eine Vorstellung von Landwirtschaft, die mit der Realität nichts zu tun hat.

Alle Landwirte, die ich kenne und die ich in meiner Zeit bei Bayer kennengelernt habe, verspüren zuallererst eine große Verantwortung, für die Felder, die sie bestellen, für die Lebensmittel, die sie erzeugen, für ihren Grund und Boden, den sie häufig von ihren Eltern übernommen haben und verantwortungsvoll an ihre Kinder übergeben wollen. Dabei spielt es keine Rolle, ob wir über kleine oder große Betriebe reden. Landwirte sind Profis und arbeiten mit Leidenschaft und hohem Einsatz – und sie wissen genau, was sie tun.

Missverständnisse und Misstrauen

Für viele in der Bevölkerung gilt das leider nicht: Viele wissen gar nicht, was den Beruf des Landwirts ausmacht und mit welchen Herausforderungen er zu kämpfen hat. Daraus erwachsen Missverständnisse und Misstrauen. So ist es für einen Landwirt selbstverständlich, seine Ernte vor Schädlingen und Unkräutern zu schützen. Denn das ist das, wovon er lebt. Die Auswirkungen des Klimawandels, die viele theoretisch diskutieren, sind für Landwirte längst Realität. Nehmen Sie die extreme Hitze im vergangenen Sommer: Für viele Großstädter mag es sich angefühlt haben wie eine ewige Saison im Freibad. Für viele Landwirte ging es um die Existenz.

Die Verbraucherinnen und Verbraucher bekommen davon wenig mit. Früher hätten Ernteausfälle zu einer schlechteren Versorgung mit Lebensmitteln geführt und zu höheren Preisen. Heute sorgt allein schon die Verhandlungsmacht der großen Handelsketten für stabile Preise, egal wie die Ernte ausfällt. Das ist gut für jeden einzelnen, aber es verstärkt auch die Entfremdung vieler Menschen von der Landwirtschaft.

Neben der Akzeptanz hat sich in den vergangenen Jahren besonders der Ton der Debatte verändert: Es ist lauter geworden und aggressiver. Früher gab es so etwas wie einen Grundkonsens, etwa zwischen Verfechtern der ökologischen und der konventionellen bzw. modernen Landwirtschaft: Man hat die Meinung des anderen nicht geteilt, aber ihm dennoch nichts Schlechtes unterstellt. Heute werden Landwirte pauschal als „Giftspritzer“ an den Pranger gestellt. Ihnen wird vorgeworfen, die Felder, die Natur oder gleich die Lebensmittel zu „vergiften“.

Zu lange wurde der Dialog nicht gesucht

Wie meistens wenn verbal aufgerüstet wird, bleibt das nicht ohne Folgen. Die Anfeindungen gegen Landwirte haben zugenommen und leider auch gegen die Kinder von Landwirten. Der Kinderschutzbund in Niedersachsen, einem der großen Bundesländer mit vielen landwirtschaftlichen Betrieben, hat das mehrfach thematisiert und von einem „flächendeckenden Problem“ gesprochen. Für mich als jemand, der seit 30 Jahren in der Agrarbranche tätig ist, ist das ein gesellschaftliches Armutszeugnis.

Doch wie so oft im Leben hilft es auch hier, sich an die eigene Nase zu fassen. Auch die Landwirtschaft, die Verbände und großen Unternehmen der Branche haben Teil an diesen Entwicklungen der vergangenen Jahre. Wir haben es viel zu lange versäumt, uns zu öffnen und den aktiven Dialog zu suchen. Wir haben es zugelassen, dass alte Klischees über Bauern weiter existieren, die mit den hochqualifizierten und digitalisierten Landwirten von heute nichts mehr zu tun haben.

Wir haben es verpasst, im Austausch mit weiten Teilen der Gesellschaft nicht nur zu erzählen, wie verantwortlich Landwirte mit endlichen Ressourcen umgehen, sondern es auch zu zeigen. Das zu ändern, ist unsere große Aufgabe für die Zukunft. Wir müssen dafür sorgen, dass Landwirtschaft und Gesellschaft wieder näher zueinander finden. Dass die Entfernung zwischen den Feldern und den Tellern wieder kleiner wird.

Pläne für die Zukunft

Mit diesem Ziel müssen wir aus Landwirtschaft und Agrarindustrie ein klares Angebot für mehr Offenheit und Dialogbereitschaft machen, mit vier konkreten Punkten:

Wir müssen erstens die Türen zu unseren Höfen noch mehr öffnen. Was Landwirtschaft ausmacht, kann man am besten vor Ort spüren und demonstrieren. Bei Bayer arbeiten wir mit Partnerbetrieben zusammen, die wir Forward Farms nennen. Dort kann man erleben, wie moderne Landwirtschaft funktioniert, wie zum Beispiel durch GPS-gesteuerte Anwendungstechnik exakt die benötigte Menge an Pflanzenschutz- oder Düngemittel ausgebracht wird.

Zweitens müssen wir offen und fair über unterschiedliche Perspektiven sprechen und auf der Basis von Fakten auch debattieren. Denn natürlich gibt es kontroverse Themen und verschiedene Ansichten. Was sind die Vorzüge des ökologischen Anbaus? Was sind die Nachteile? Welche Mittel werden zum Ernteschutz in der modernen Landwirtschaft eingesetzt? Welche in der ökologischen Landwirtschaft? Ich selbst habe mich in den vergangenen Monaten in mehreren Streitgesprächen zu diesen Themen engagiert, zum Beispiel mit dem WWF. Diesen Weg sollten wir fortsetzen. Wir müssen miteinander reden statt übereinander.

Drittens müssen wir uns für die Offenheit der jungen Generation einsetzen und das geht vor allem über Bildung. Nur wer sich auskennt, trifft bewusste Entscheidungen. Ich will, dass junge Menschen wissen, wie und unter welchen Bedingungen Lebensmittel erzeugt werden. Was aus ihrer Nachbarschaft stammt und was aus Übersee eingeflogen wird. Wann welche Pflanzen Saison haben und was im Rest des Jahres auf den Feldern geschieht.

Dieses Wissen hat auch etwas mit Verwurzelung in der eigenen Region zu tun, mit einem Stück Kulturgut und mit bewusster Ernährung. Was spricht eigentlich dagegen, alle diese Themen in einem Schulfach Ernährung und Landwirtschaft zu vermitteln? Eine Diskussion darüber würde ich gerne führen.

Viertens müssen wir auch offen sein, um voneinander zu lernen. Wir brauchen keinen ideologischen Wettstreit, der uns blockiert. Wir brauchen im Gegenteil das Beste aus allen Welten für möglichst weitreichende Innovationen. Die Landwirtschaft muss sich weiterentwickeln, um die Jahrhundertaufgabe zu meistern, mit weniger Ressourcen und mehr Auswirkungen des Klimawandels eine stetig wachsende Weltbevölkerung zu ernähren, sozusagen mehr Output mit weniger Input.

Mit dieser Offenheit müssen wir uns engagieren, um den Menschen Landwirtschaft wieder näher zu bringen. Die Wertschätzung für Nahrungsmittel kann nicht hoch genug sein und deshalb gehört die Landwirtschaft als tragende Säule in die Mitte der Gesellschaft. Das haben wir uns auch im Industrieverband Agrar und beim Forum Moderne Landwirtschaft fest vorgenommen. Mehr Nähe soll für mehr Vertrauen und gesellschaftliche Akzeptanz sorgen. Unsere Landwirte haben sich das verdient.

– Helmut Schramm ist President Agricultural Affairs bei Bayer Crop Science

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