Kreuzberger Game-Studio Yager : Das Computerspiel "The Cycle" ist ein Wagnis

Das Computerspiel "The Cycle" wurde in Berlin-Kreuzberg entwickelt. Die Macher brechen mit bewährten Konzepten.

Im Computerspiel "The Cycle" können Spieler gegen Aliens kämpfen.
Im Computerspiel "The Cycle" können Spieler gegen Aliens kämpfen.Foto: Promo

Als der Sturm abflaut, wird es ernst. 20 Glücksritter in Astronauten-Montur sausen auf die Oberfläche des Planeten Fortuna III hinab. Sie haben nur 20 Minuten Zeit, um wertvolle Bodenschätze und wissenschaftliche Daten zu sammeln. Wer bis dahin nicht den Abflug schafft, wird von dem neu heraufziehenden Sturm zermalmt. Werden sie zusammenarbeiten, um gegen die feindliche Fauna des Planeten zu bestehen? Oder sich doch lieber gegenseitig bekämpfen?

Der rasanten Wettlauf um Ressourcen steht im Mittelpunkt von "The Cycle". Das neue Computerspiel des Kreuzberger Studios Yager soll zwei Welten vereinen: Den Kampf gegen Computergegner ("Player versus Environment"), in diesem Fall garstige Aliens. Und den Kampf gegen Mitspieler ("Player versus Player"), mit denen man um die Schätze des Planeten konkurriert. "Wir wollen ein Spiel erschaffen, das dem Spieler viele Freiheiten und Entscheidungsmöglichkeiten bietet", sagt Henning Schmid. Als Head of Publishing ist Schmid bei Yager für alles zuständig, was mit der Veröffentlichung neuer Spiele zu tun hat. "The Cycle" ist das erste Spiel, das Yager in seiner nunmehr zwanzigjährigen Unternehmensgeschichte in Eigenregie veröffentlicht, also ohne die Hilfe eines externen Spieleverlags. Und nicht nur deswegen ist "The Cycle" ein Wagnis für das 75-köpfige Team.

Shooter-Games haben in Deutschland traditionell einen schweren Stand. Die Darstellung von Gewalt ist Jugendschützern und Erziehungsberechtigten ein Dorn im Auge, auch wenn die Spiele oftmals erst ab 16 oder 18 Jahren freigegeben sind. 2012 kam es zum Eklat, als der Shooter "Crysis 2" der Frankfurter Firma Crytek den Deutschen Computerspielpreis erhielt. Seitdem aber sei die Wahrnehmung gewalthaltiger Spiele deutlich differenzierter geworden, sagt Schmid. "Die USK ist bei der Altersfreigabe sehr viel großzügiger geworden. Aber auch das Thema eSport hat dazu beigetragen, das Image der Shooter stetig zu verbessern."

Auch bei "The Cycle" schieße man auf Monster oder andere Spieler, so Schmid. "Ich als Vater sage dann auch: Das ist nichts, was in Kinderhand gehört. Und dafür gibt es den Jugendschutz, der in Deutschland im Vergleich mit anderen Nationen viel besser aufgestellt ist." Anders als viele Shooter verzichte "The Cycle" auf explizite Gewaltdarstellungen. "Wir müssen nicht mit Schockmomenten und viel Blut auffallen, dass erfordert unser Spiel nicht. Hier steht eher ein rundes Gameplay im Vordergrund", betont Schmid.

Derzeit arbeiten rund 50 Yager-Entwickler an "The Cycle". Hinzu kommen Talent-Rekrutierer, IT-Fachkräfte und das junge Publishing-Team. Die Entwicklung des Spiels begann erst im Februar 2018. "Wir haben damals mit einem kleinen Team angefangen", erzählt Schmid."Vor exakt einem Jahr, im April, haben wir das gesamte Team darauf angesetzt." Die erste Vorab-Version ("Alpha") war bereits im August 2018 spielbar. "Unser Plan ist, im Spätsommer 2019 mit dem Spiel fertig zu sein, in die Open Beta zu gehen, die Monetarisierung zu aktivieren und dann das Spiel wachsen zu lassen", sagt Schmid.

Dynamische Allianzen

Militär-Shooter wie Battlefield oder Call of Duty machen oft schon in den ersten Tagen achtstellige Umsätze. Besonders erfolgreich sind in letzter Zeit Battle-Royale-Games wie "PUBG", "Apex Legends" oder "Fortnite" (der Tagesspiegel berichtete), bei denen Spieler so lange gegeneinander kämpfen, bis nur einer übrig bleibt. "The Cycle" ist auch deshalb ein Wagnis, weil es die bewährten Erfolgsrezepte nicht einfach nachahmt. Dass Spieler dynamische Allianzen eingehen, sich aber auch auf den Kampf gegen Aliens und Mitspieler konzentrieren können, ist ein frisches Konzept – aber auch gewöhnungsbedürftig.

Allerdings hat Yager bereits 2012 mit "Spec Ops: The Line" bewiesen, dass sie vorgefertigte Erwartungen erfolgreich widerlegen können: Der Shooter inszenierte den Krieg in Nahost als Alptraum im Stile von "Herz der Finsternis".

Ein Wagnis ist "The Cycle" auch aus einem anderen Grund: Das Spiel wird zunächst ausschließlich im Epic Games Store verfügbar sein. Die Firma Epic Games ("Fortnite") hat die Download-Plattform erst kürzlich gestartet – und will mit ihr dem Marktführer Steam Konkurrenz machen. Dafür strebt sie exklusive Partnerschaften mit Spieleproduzenten an. Yager wird "The Cycle" in den ersten zwölf Monaten nur im Epic Games Store anbieten – was den vorläufigen Verzicht auf die riesige Steam-Nutzerschaft bedeutet.

Henning Schmid sieht in der Partnerschaft aber Vorteile: Zum einen werde Yager vorbildlich von Epic unterstützt. Und zum anderen benötige "The Cycle" als Online-Spiel von Anfang an viele Teilnehmer. "Ohne Spieler wird der Spaß des Spiels überhaupt nicht deutlich", so Schmid. "Im Epic Games Store sind wir aktuell eines von drei Online-Spielen. Das ist ein kuratierter Store, das heißt, die Anzahl der Spiele wird erstmal überschaubar bleiben." Und "The Cycle" dadurch gut sichtbar sein.

Kosmetische Gegenstände

 Bei der Monetarisierung setzt Yager hingegen auf ein bewährtes Konzept. "The Cycle" wird "free to play" sein: Das Grundspiel ist also gratis, die Spieler zahlen bei Interesse für Zusatzinhalte. "Wir wissen ganz genau, welche Form der Monetarisierung im westlichen Markt akzeptiert und welche eher abgelehnt wird", sagt Schmid. "Wir werden uns hüten, Features zu verkaufen, die mehr Feuerkraft geben. Oder Items, die dich stärker machen." Stattdessen konzentriert sich Yager auf kleinere Komfortfunktionen und sogenannte kosmetische Items. "Ich kann zum Beispiel dafür Geld bezahlen, dass meine Spielfigur ein besonderes Aussehen hat", sagt Schmid.

Ob die Mischung aus Neu und Altbewährt Erfolg hat, wird sich noch dieses Jahr herausstellen. Wer möchte, kann sich jetzt schon für die Open Beta anmelden.

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