Wirtschaft : Krimi im Büro

Unterschlagung, Untreue, Korruption – jeder dritte Mittelständler wird Opfer eines Wirtschaftsdelikts

Henrik Mortsiefer

Berlin - Die Buchhalterin hatte leichtes Spiel. Unbeobachtet von der Unternehmensleitung zweigte sie in fünf Jahren 6,5 Millionen Euro auf ihr privates Konto ab. Überhöhte Rechnungen, Barschecks, falsche Umsatzsteuererklärungen – die Geschäftsführung bemerkte lange nichts. Erst als die Frau krank wurde und eine Vertretung das Rechenwerk des Betriebs prüfte, fiel die Unterschlagung auf. „Sie war immer sehr ordentlich“, wunderte sich der Chef. Die Mitarbeiterin hatte ihren Job vom Vater übernommen. Ein trügerischer Nachweis von Zuverlässigkeit.

„Das ist ein typischer Fall von Wirtschaftskriminalität bei einem Mittelständler“, sagt Steffen Salvenmoser von Pricewaterhouse-Coopers (PwC). Das Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmen registriert eine steigende Zahl von Delikten bei kleinen und mittleren Unternehmen: Unterschlagung, Betrug, Korruption. „37 Prozent der Unternehmen mit weniger als 200 Mitarbeitern berichten davon. Die Dunkelziffer der betroffenen Firmen dürfte aber deutlich höher liegen“, sagt Salvenmoser im Gespräch mit dem Tagesspiegel. Im Schatten prominenter und millionenschwerer Skandale bei Siemens & Co. werden demnach immer mehr Firmen aus der zweiten und dritten Reihe Opfer von Wirtschaftskriminellen.

Die Annahme des Experten, dass sich bei den 3,4 Millionen deutschen Mittelständlern mehr Delinquenten finden, als die Statistik ausweist, stützt sich auf die Tatsache, dass kleine Firmen häufig keine Kontrollsysteme haben. Anders als die Großen: Von den Unternehmen mit mehr als 5000 Beschäftigten berichten laut PwC 62 Prozent von Wirtschaftsdelikten.

„Kriminalität in kleinen und mittleren Unternehmen wird unterschätzt“, sagt Salvenmoser. Gerade bei vom Eigentümer geführten Unternehmen mangele es häufig am Risikobewusstsein. „Eigentümer sagen: Ich kenne meine Leute. Aber das war vielleicht bei 150 Mitarbeitern möglich, nicht aber bei 5000.“ Es seien häufig die langjährigen Mitarbeiter, die sich in der Firma auskennen und dieses Wissen ausnutzten. Erfolgsabhängige Bezahlung und Boni können einen Anreiz bieten, Bilanzen zu schönen oder sich persönlich zu bereichern. Auch die Erwartungen der Banken an die Eigenkapitalausstattung sind gestiegen. „Wer die nicht erfüllen kann, lässt sich manchmal zu Manipulationen hinreißen“, sagt der PwC-Experte.

Zu viel Vertrauen kann teuer werden. „Die Risiken werden erst wahrgenommen, wenn der Schaden eingetreten ist. Dann muss meist sehr viel Geld in die Hand genommen werden“, sagt Salvenmoser. Auf 3,4 Millionen Euro summiert sich laut PwC im Schnitt der Schaden. Für einen Betrieb mit zehn Millionen Euro Umsatz kann das lebensbedrohlich sein. Häufig geben die Folgeschäden einem Mittelständler den Rest: wichtige Geschäftspartner gehen verloren, Lieferanten springen ab, die Reputation ist beschädigt.

Dabei könnte die Prävention so einfach sein – und kostengünstig. „Vorleben kostet nichts, sondern schafft Transparenz und Problembewusstsein“, empfiehlt der Berater. Seine Erfahrung mit 150 bis 200 Fällen in den vergangenen Jahren lehrt: Einfache Verhaltensregeln für Geschäftsführung und Belegschaft, Anreize und das richtige Maß an Vertrauen und Kontrolle können verhindern, dass aus einer mittelständischen Firma ein Fall für die Justiz wird.

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