Künstliche Intelligenz : Angstmache vor der allmächtigen Maschine

Bestsellerautor Frank Schätzing beschreibt die Gefahren von Künstlicher Intelligenz. Die Kanzlerin sorgt sich aus anderen Gründen.

Faustisch. In Hannover grüßte eine Maschine die Kanzlerin.
Faustisch. In Hannover grüßte eine Maschine die Kanzlerin.Foto: Julian Stratenschulte/dpa

Übermächtige Supercomputer und Maschinen, die sich gegen ihre Schöpfer richten, gehören in der Science Fiction seit Jahrzehnten zum Standardplot. Insofern wäre es kaum der Rede wert, dass nun auch der deutsche Bestsellerautor Frank Schätzing den Stoff für sich entdeckt hat. „Die Tyrannei des Schmetterlings“ heißt sein neuer Roman, der heute erscheint. Er beschreibt in dem Thriller, wie Visionäre im Silicon Valley die erste maschinelle Superintelligenz erschaffen wollen und damit die gesamte Menschheit in Gefahr bringen.

Schätzing gibt den Elon Musk der Belletristik 

Doch wie schon mit seinem größten Erfolg, dem Umweltthriller „Der Schwarm“, trifft Schätzing mal wieder den Nerv der Zeit. In den vergangenen zwei, drei Jahren hat die Entwicklung im Feld der Künstlichen Intelligenz (KI) große Sprünge gemacht: Computer brachten sich selbst das Strategiespiel Go bei und steuern teils schon Autos im öffentlichen Straßenverkehr. Das schürt freilich auch Ängste und es ist ausgerechnet Tesla-Chef Elon Musk, bei dessen Autos schon jetzt die Autopilotfunktion gelegentlich überreizt wird, der immer wieder vor den Gefahren von KI warnt. Die Technologie sei viel gefährlicher als Atomwaffen und das größte Risiko für unsere Zivilisation. Das zeigt offenbar Wirkung: So glauben laut einer Studie des Bundesverbands Digitale Wirtschaft (BVDW) 48 Prozent der Befragten in Deutschland, dass der Mensch die Kontrolle beim Verhältnis Mensch-Maschine verlieren werde.

Künstliche Intelligenz wird überschätzt

 

Viele Experten widersprechen den apokalyptischen Szenarien jedoch. „Was wir heute sehen sind Inselbegabungen und hochautomatisierte Einzeltools“, sagt Aljoscha Burchardt, Lab Manager am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Berlin. Doch auch wenn Algorithmen inzwischen besser Tumore oder andere Muster in großen Datensätzen erkennen können als Menschen, sei eine generelle Künstliche Intelligenz auch auf Jahre nicht in Sicht. „Die technologischen Sprünge sind auch gar nicht so groß, sondern wir ernten jetzt die Früchte von jahrelanger Forschung“, sagt Burchardt. So hätten schon in den Sechziger Jahren Forscher prognostiziert, innerhalb von fünf Jahren Texte automatisch übersetzen zu können. Stattdessen hätte es 50 Jahre gedauert. „Man darf auch nicht davon ausgehen, dass die Entwicklung so weitergeht“, sagt der Experte für Sprachtechnologie. Allerdings kann er die Sorgen nachvollziehen. Denn es sei für viele Menschen schwer zu verstehen, dass ein Computer inzwischen nahezu perfekt übersetzen kann, ohne im Geringsten zu verstehen, wovon dabei die Rede ist.

Dummheit von KI ist viel gefährlicher

Der australische KI-Experte Toby Walsh, derzeit Gastprofessor an der TU Berlin, warnt daher auch gern vor der „Dummheit von KI“. Oft würden selbst vergleichsweise einfache Bilderkennungssysteme noch Fehler machen. Wenn man sich dann auf die vermeintlich intelligenten Programme verlässt, könne das zu Problemen führen. Das beste Beispiel dafür sind womöglich die tödlichen Unfälle mit autonomen Autos von Uber und Tesla in jüngster Zeit – wobei die genauen Ursachen derzeit noch untersucht werden.

 

Konkreteren Anlass zur Sorge dürfte in den nächsten Jahren weniger die Weltuntergangsszenarien als vielmehr die Sorge um Arbeitsplätze machen. Forscher der Organisation für Wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) hatten kürzlich prognostiziert, dass etwa jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland in den kommenden 15 bis 20 Jahren durch Roboter oder Software ersetzt werden könnte. Auch auf der Hannover Messe, wo derzeit die neuesten Roboter präsentiert werden, ist das ein großes Thema. 69 Prozent der Deutschen gehen laut der BVDW-Befragung davon aus, dass durch Künstliche Intelligenz massenhaft Arbeitsplätze entfallen werden. Dass sich negative und positive Effekte die Waage halten werden, meint aber etwa die Hälfte (53 Prozent).

Angst vor Arbeitsplatzverlust

 „Auch früher ist es nicht zu der immer wieder befürchteten Massenarbeitslosigkeit durch Automatisierung gekommen“, sagt Burchardt. Gerade in Ländern mit dem höchsten Einsatz an Robotern wie Japan oder Deutschland hätten eine viel geringere Arbeitslosigkeit als weniger technologisch entwickelte Staaten. Allerdings erwartet auch er große Veränderungen durch Künstliche Intelligenz. Die könnten auch viele klassische Bürojobs treffen, wohingegen Bauarbeiter, Putzfrauen oder Arbeitsplätze in Pflege oder Bildung schwer zu automatisieren seien.

 

Merkel fordert Aufholjagd bei KI

Damit Deutschland auch künftig von der technologischen Entwicklung profitiert, sei eine Aufholjagd im Bereich der KI nötig, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel auf der Hannover Messe. „Wir müssen sehen, dass gerade im Bereich der Künstlichen Intelligenz andere sehr extrem investieren“, sagte die Kanzlerin.  Deutschland und Europa dürften auf diesem Gebiet nicht weiter hinter die USA und China zurückfallen.  Gerade China investiert enorm und will 2030 der führende globale Anbieter bei KI. Die Bundesregierung plant daher einen „nationalen Masterplan KI“ und gemeinsam mit Frankreich ein neues KI-Zentrum.  Details dazu werden nach ersten Treffen derzeit ausgearbeitet.

 

Auch Schätzing sieht das Thema privat weniger dramatisch. Als Autor bevorzuge er die „Desaster-Variante“ sagte er im Interview mit der „Welt“. Doch persönlich würde er sich im Alter lieber einer   gut programmierten Maschine anvertrauen, als einer schlecht ausgebildeten Krankenschwester einer Pflege-Mafia.

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